Inhalt

Christian Bleher/Timofey Neshitov
Chef in der fremden Heimat

Migranten Drei Unternehmer berichten, wie ihnen der Start in die Selbstständigkeit gelungen ist

Wo Chef?" Der Mann im Anzug mustert den schwarzhaarigen Mann im staubigen Kittel und lässt seinen Blick durch die Schreinerwerkstatt schweifen. Der Mann im Kittel antwortet in korrektem Deutsch: "Welchen Chef wollen Sie denn? Wir haben vier." Der Mann im Anzug will den armen südländischen Hilfsarbeiter, den er augenscheinlich vor sich hat, nicht überfordern und erwidert: "Egal, holen Chef!" Daraufhin geht der Mann im Kittel ins Büro, kommt ohne Kittel zurück und sagt: "Guten Tag, Schreinermeister Cafer Seven. Und Sie gehen jetzt mal raus, kommen wieder rein und stellen sich ordentlich vor!"

Leute wie Seven werden gerne unterschätzt, selbst wenn sie - wie er, der anatolisch-oberfränkische Einzelunternehmer - auf eigenen Beinen stehen. In seinem Fall heißt das: Er ist verantwortlich für die vier Bereiche Kundenakquise, Kalkulation, Fertigung und Montage. Seven gehört zu den laut Zentrum für Türkeistudien über 64.000 türkischstämmigen Unternehmern in Deutschland. Nicht zu den Ögers oder Sahins zwar, die es als Reiseunternehmer oder Modehersteller in die europäische Spitze geschafft haben. Aber eben auch nicht zu jenem Teil der 2,8 Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln, die einer aktuellen Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung zufolge schlecht integriert ist. Nach wie vor haben 30 Prozent der Menschen türkischer Herkunft, der größten Migrantengruppe, noch vor den rund zwei Millionen Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion, keinen Schulabschluss. Nur 14 Prozent haben Abitur, 25 Prozent sind arbeitslos. Von den Aussiedlern sind nur drei Prozent ohne Abschluss, 28 Prozent haben Abitur.

Der Weg zur eigenen Werkstatt

Cafer Seven, Jahrgang 1964, wäre aufgrund seiner bescheidenen Herkunft beinahe gescheitert. Sein Vater kommt 1968 als Hilfsbauarbeiter nach Deutschland, seine Mutter als Fabrikarbeiterin zwei Jahr später - in ihrer eigenen Sprache können sie weder lesen noch schreiben, in der neuen nicht einmal sprechen. Als Achtjährigen holen sie ihren Sohn nach, und für den Drittältesten von fünf Geschwistern beginnt in Schlüsselfeld an der A3 zwischen Nürnberg und Würzburg ein neues Leben. Er lernt schnell, sich in der neuen Sprache zu verständigen. Ebenso schnell erwirbt er sich einen Ruf als talentierter Fußballer.

Nach dem Hauptschulabschluss fällt er zunächst durch die schriftliche Prüfung zum Kinderpfleger, eine Kochlehre scheitert an seinem Lehrherrn, einem "alten Nazi", wie er sagt, der ihn schikaniert. Eines Tages sperrt Seven den Mann vorübergehend im Kühlhaus ein. Der Ausbildungsvertrag wird aufgelöst. Probleme gibt es dann sogar beim Fußball: Bei Punktspielen in ganz Bayern fliegen ihm manchmal Knoblauchknollen um die Ohren. Doch dann bekommt er einen Ausbildungsplatz in einer Schreinerei und geht parallel zum Fußball den Weg bis zur Meisterschule. Mit 31 Jahren hat er die Lizenz für einen eigenen Betrieb und errichtet im barocken, aber bröckeligen Anwesen seiner Schwiegereltern in Burgwindheim bei Bamberg die ersehnte eigene Werkstatt, 18 Stufen darüber wohnt er noch heute mit der Frau und den drei Söhnen.

Bekannt ist Seven, deutscher Staatsbürger seit 1996, im gesamten Dreieck Nürnberg- Bamberg-Würzburg für seine Maßarbeiten in amerikanischem Nussbaum, deutscher Kirsche oder Eiche. Ein beliebtes Café und diverse Geschäfte in der Flaniermeile Bambergs hat er ausgestattet. Bekannt ist Seven aber auch für seine direkte und herzliche Art, in der er manchmal auch unbequeme Wahrheiten ausspricht. Bei einem Empfang im Mai 2007 etwa. Er und 17 andere ausbildende Handwerker mit Migrationshintergrund werden im Bamberger Rathaus Schloss Geyerswörth in feierlichem Rahmen geehrt. Seven nutzt seine Rede vor den versammelten Gästen aus Politik und Wirtschaft, um darauf hinzuweisen, dass er sich als kleiner Ausbilder mit einer einzigen Lehrlingsstelle ziemlich im Stich gelassen fühlt - von gleichgültigen Eltern ebenso wie von der Politik. Dass Schulterklopfen nicht genügt. Dass man auch eine soziale Verantwortung den Jungen gegenüber hat.

So einer scheut sich auch nicht, die Werkstatt selbst zu fegen, wenn sich der Lehrling eben gerade auf die Matheprüfung in der Berufsschule vorbereiten muss. Einem Bekannten, der ihn einmal in dieser Situation antrifft und ihn glatt für verrückt erklärt, erklärt Seven in breitem Oberfränkisch: "Wie man in den Wald hineinruft, so schallt's heraus."

Pillenrezepte auf Türkisch

Vor sieben Jahren entdeckte Meryem Altuntas, geboren 1974 in Ankara, eine Marktlücke auf dem deutschen Apothekenmarkt: Viele Migranten freuen sich, wenn ihnen der Inhalt der Packung, die sie kaufen, genau erklärt wird - am besten in ihrer Muttersprache. So kommen die Kunden immer wieder. Altuntas betreibt mittlerweile drei Apotheken im Zentrum Münchens. Ihre 26 Angestellten sprechen Türkisch, Arabisch, Russisch, Persisch, Portugiesisch, Italienisch, Ungarisch und Serbokroatisch. Sie erwirtschaften einen Umsatz im einstelligen Millionenbereich. Neben den Apotheken hat Altuntas einen Pharmagroßhandel aufgebaut und eine Cafeteria eröffnet.

Was wie eine glatte Erfolgsstory klingt, ist die Geschichte einer Frau, die bei null anfing und für ihr Geschäftsmodell hart kämpfen musste. Die Tochter eines Sägewerksarbeiters und einer Hausfrau kommt mit sieben aus der türkischen Hauptstadt in die bayerische Provinz, schafft es aufs Gymnasium, auch wenn ihr die Eltern nicht helfen können, studiert Pharmazie und jobbt während dessen in Apotheken. Bald merkt sie, dass sie bei türkischen Kunden besser ankommt als ihre deutschen Kollegen: Sie kann sich besser mit ihnen verständigen. Sie erwägt, sich selbstständig zu machen. Die angefangene Doktorarbeit bleibt ungeschrieben - zwei Jahre nach dem Staatsexamen nimmt Altuntas einen Kredit auf und übernimmt die Landwehr-Apotheke, in der sie das Handwerk gelernt hat.

Als 28-Jährige spürt Altuntas, dass es nicht reicht, eine Marklücke aufzutun, 70 Stunden die Woche zu arbeiten, und drei Tage Urlaub im Jahr zu nehmen. Sie muss sich auch Respekt verschaffen. Da erfährt eine Auszubildende beim Vorstellungsgespräch, dass ihre Chefin eine Türkin sein wird - und zieht zurück. Die Bewerberin ist selbst Türkin. Ihr Onkel, mittlerweile Stammkunde in der Landwehrstraße, erzählt Altuntas später, dass türkische Chefs als herrisch gelten. Auch Kunden machen ihr das Leben schwer. Die Verkäuferin hatten sie geschätzt, der Apothekenbetreiberin misstrauen sie. Wo sie denn ihr Diplom gekauft habe, wird sie einmal gefragt. Vor allem die deutschen Patienten bleiben lange reserviert. Heute stellen sie die Hälfte ihrer Stammkunden.

Getrockneter Fisch zum Bier

Als Johann und Anna Gammel 1993 aus dem kasachischen Karaganda nach Regensburg zogen, wussten sie sofort, wie sie ihr Geld verdienen wollten: Mit einem Lebensmitteladen für Russlanddeutsche, die wie sie selbst einen Neuanfang in der Heimat ihrer Vorfahren versuchen. Geröstete Sonnenblumenkerne, gefrorene Sanddornbeeren und Birkensaft wollten sie verkaufen - und natürlich den getrockneten Fisch, ohne den in der Sowjetunion kaum eine Flasche Bier geköpft wurde. Und tatsächlich: Die Sparkasse gibt Kredit, 1994 eröffnet auf 40 Quadratmetern der erste "Katjuscha".

Es gibt keine Konkurrenz, die Geschäfte laufen sehr gut, wie sich die gelernte Konditorin Anna Gammel, 45, erinnert. Ihr Mann tritt als Elektriker sogar einen Teilzeitjob bei BMW an. Ein Jahr später misst Katjuscha 100 Quadratmeter, 1999 bereits das Vierfache. Eine Filiale im benachbarten Neutraubling kommt hinzu und die Gammels bieten auch russische Wanduhren, Tischdecken, Vasen, Vorhänge und Ikonen feil - die meisten ihrer Landsleute sind ohne Hausrat nach Deutschland gekommen. Mittlerweile ist knapp ein Fünftel der Kundschaft Deutsche, die sich an russischem Speck und georgischen Weinen laben. Reich sind die Gammels so nicht geworden, aber es reicht für das Studium zweier Kinder. Ein paar Wochen Italienurlaub jedes Jahr sind auch drin. Nur für einen weiteren Laden fehlen die Mittel. Zwölf Angestellte, allesamt Russlanddeutsche - mehr können sich die Gammels nicht leisten.

Johann Gammel findet Steuern und Sozialabgaben einfach zu hoch - will aber nicht klagen: "In Russland läuft vieles über Beziehungen und Schmiergelder."

Meryem Altuntas bleibt ihrem Geschäftsmodell treu - auch wenn andere türkischstämmige Apothekenbesitzer ausschließlich auf deutsche Angestellte setzen. Ihr Motto: "Ich bin Türkin, aber ich kann das!"

Und Cafer Seven? Der Meister mag gar nicht expandieren wie "die gierigen Haie", von denen er sich umgeben sieht. Hin und wieder schaut der Mann im Anzug vorbei, um Holz zu verkaufen - und verlangt schon mal zum Spaß den Chef. Dann trinken sie Kaffee.

.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag