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Sebastian Sooth
Lob der Freiheit

Digitale Boheme Freie Arbeitsmodelle jenseits der Festanstellung sind die Zukunft. Ein Plädoyer

Ein Tag im Sommer 2009. Nachmittags um halb drei. Mich erreichen Nachrichten: "...und das war's dann auch schon für heute, jetzt See und Sonne!", "Mit dem Laptop auf dem Balkon in der Sonne. So soll das sein." und "Im Großraumbüro, zum Kotzen." Was die Absender unterscheidet? Die einen haben die Freiheit, selbst zu bestimmen, was, wann, mit wem, wie und wo sie arbeiten. Die anderen nicht.

Durch bezahlbare und einfach nutzbare Tools ist es vielen von uns (natürlich nicht in allen Berufsgruppen) heute möglich, von fast jedem Ort der Welt zu arbeiten - und trotzdem mit unseren Kunden und Kollegen zu kommunizieren. Eine Freiheit, die es ermöglicht, flexibler, mobiler, selbstbestimmter arbeiten zu können.

Unterwegs in Netzwerken

Gute Arbeit lässt mich so arbeiten, wie ich leben will. Sie ist Arbeit, bei der ich frei wählen kann, ob ich sie machen möchte. Sie ist eine Arbeit, bei der ich jederzeit abends weggehen kann, weil ich am nächsten Morgen selber darüber entscheide, wann ich aufstehe - und ob. Arbeit, bei der ich meine Interessen in meinen Arbeitsalltag und meinen Arbeitsablauf integrieren kann. Arbeit, die es mir erlaubt, Zeit für die Dinge zu haben, die ich tun will. Bei der ich an Veranstaltungen, die mich bewegen, teilnehmen kann. Oder diese gleich selbst organisieren kann. Das, was der Arbeitsphilosoph Fritjhof Bergmann Arbeit, die ich "wirklich, wirklich machen will" nennt. Eine Arbeit, bei der ich meine Fähigkeiten einbringen und weiterentwickeln kann.

Ich kann mit Leuten zusammenarbeiten, die ich mir ausgesucht habe, weil ich sie schätze und mag. Kein Chef und keine Personalabteilung zwingt mich, jeden Tag acht kostbare Stunden meines Lebens mit Leuten zu verbringen, die mir vor die Nase gesetzt werden und deren kleine und große Macken ich ertragen muss. Und niemand zwingt sie.

Stattdessen treffe ich interessante Leute, lerne neue und spannende Projekte und Konzepte kennen. Ich bin nicht als Solo-Selbstständiger unterwegs, sondern in Netzwerken, in ständig wechselnden Projektteams mit unterschiedlichen Personen.

Diese kollaborative Art zu arbeiten, nach dem Wiki-Prinzip, angelehnt an die Arbeitsweise in OpenSource-Projekten, ermöglichen mir Dienste wie Twitter, mit denen ich über das Schreiben und Abonnieren kurzer Statusupdates mit vielen Menschen in Kontakt bleiben kann. Durch die Benutzung von Wikis und Blogs findet ein breiter Wissensaustausch statt. Instant Messenger wie Skype ermöglichen Chats und Gruppenchats, in denen Informationen unmittelbarer und ungezwungener fließen können als in Meetings oder per E-Mail. Und mit Tools wie GoogleDocs zur gemeinsamen Bearbeitung eines Dokumentes können alle Beteiligten einfach auf demselben Stand sein, egal wann und wo sie mit- arbeiten.

Auch die Arbeitsmittel kann ich mir aussuchen. Es gibt keine IT-Abteilung, die mir einen Comupter aufzwingen will, und keine Betriebsanweisung, die den Kontakt zu Freunden und Kollegen, ob innerhalb oder außerhalb einer Firma über Chats und Facebook verbietet.

Verzicht auf Sicherheit

Der Essayist Paul Graham plädiert in seinem Aufsatz "How to do what you love"dafür, sich nicht mit weniger zufrieden zu geben als mit dem Job, den man liebt und erklärt darin, wie kompliziert es ist, zu tun, was man liebt. Denn die Voraussetzungen für dieses flexible Arbeiten sind dem derzeitigen System fremd. Steuern, Sozialabgaben, Interessenrepräsentation, Solidarität, Ausbildung, Berufswahlhilfen sind immer noch an das starre Prinzip herkömmlicher Arbeit gebunden. Und das ist der Preis: Ich muss für meine Freiheit auf eine Grundsicherheit verzichten. Kein festes Gehalt, das regelmäßig zum ersten auf meinem Konto erscheint. Rechnungen werden bisweilen selbst von klassischen Unternehmen erst nach Wochen gezahlt. Und immer wieder die Fragen: "Was ist meine Arbeit wert?" und "Soll ich diesen Preis wirklich akzeptieren, oder lieber den Job ablehnen?"

Ich weiß nicht, was ich in einem Jahr genau machen werde. Aber ich weiß, wie ich arbeiten möchte, und ich weiß, dass ich bestimmen möchte, wann ich arbeite und wo.

Arbeiten, wo ich will heißt, auch mal zwei Wochen ganz woanders zu arbeiten. Ob in Hamburg oder New York, ob auf dem Land oder in Berlin - an flexiblen Arbeitsorten. Es ist mir wichtig, jenseits vom einsamen Home-Office, anstrengenden Großraumbüros oder reinen WLAN-Cafés in einer guten Atmosphäre zu arbeiten.

Diese Orte, an denen sich frei arbeitende Menschen treffen, sprießen unter dem Namen "Coworking Spaces" überall auf der Welt aus dem Boden. In Zukunft wird es selbstverständlich sein, zum Arbeiten an solche selbstgewählte Orte zu gehen. Genauso, wie es heute Vielen selbstverständlich ist, im Büro zu sein.

Was wir gerade erleben, ist ein Phänomen einer Avantgarde, nicht das einer Elite. Die Herausforderung ist die Bildung und Unterstützung neuer Lebens- und Organisationsformen. Für den Einzelnen bietet die neu gewonnene Flexibilität die Chance, so zu arbeiten, wie man leben will. Arbeit dann zu erledigen, wenn man am Produktivsten ist. Zeitautonomie zu haben, um Freunde zu treffen, sich weiterzubilden oder seine Kinder nicht nur abends und am Wochenende zu sehen. Die Entscheidung des "Was, wann, wie, wo und mit wem" wird nicht mehr dirigistisch von oben festgelegt, sondern liegt im Verantwortungsbereich des Einzelnen. Die Zentrale Intelligenz Agentur als ortlose Firma arbeitet seit ihrer Gründung so.

Der Autor ist Manager für Medien- und Kulturprojekte und außerdem Agent bei der Zentralen Intelligenz Agentur (ZIA) in Berlin, die Projekte an der Schnittstelle von Journalismus, Wirtschaft und Kultur entwickelt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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