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Britta Sembach
Die Herkunft entscheidet

Aufstiegschancen Eine gute Bildung hilft - doch das deutsche Schulsystem ist zu undurchlässig für sozial Schwache

Meine Kinder brauchen kein Englisch, am Ende kriegen sie sowieso Hartz IV." Ein Satz, der es in sich hat. Gefallen in einem Kindergarten in Köln. Und der mitten ins Mark der deutschen Bildungsdiskussion trifft. Denn die Schere geht immer weiter auseinander: Wem Bildung wichtig ist, der kümmert sich heute viel mehr um die Ausbildung seiner Sprösslinge als früher. Ebenso viele aber sehen tatenlos zu, wie ihre Kinder immer weiter abgehängt werden.

Die Zahlen sind so eindeutig wie erschreckend: Jedes Jahr verlassen 80.000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss - und damit ohne Perspektive, jemals in einem qualifizierten Beruf Fuß zu fassen. Einer von fünf Jugendlichen gilt als "Risikoschüler". Dagegen helfen soll die Kampagne "Aufstieg durch Bildung", die die Bundesregierung gestartet hat. Gemeinsam mit den Ländern will sie die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss bis zum Jahr 2015 von derzeit acht auf vier Prozent senken. Auch der Anteil junger Erwachsener ohne Schulabschluss soll von 17 auf 8,5 Prozent schrumpfen. Helfen sollen dabei aufeinander abgestimmte Bildungsziele der Länder und gemeinsame Bildungsstandards. Wer das bezahlen soll, ist allerdings umstritten - wie immer bei Bildungsfragen.

Hehre Ziele sind das - aber bringen sie auch etwas? "Aufstieg durch Bildung - das ist ein Mythos", sagt etwa der Berliner Bildungshistoriker Heinz-Elmar Tenorth. Und das gelte keineswegs nur für den ärmeren Teil der Gesellschaft, sondern zunehmend auch für Menschen aus der Mittelschicht. Ihre Angst, gesellschaftlich abzusteigen, sei durchaus berechtigt. Statt sich auf den Staat zu verlassen, werden viele Eltern deshalb selbst tätig: Sie suchen die beste Grundschule, ein angesehenes Gymnasium - sie sparen nicht an Nachhilfe und Förderung. So bekommen diejenigen die besten Startchancen, die ein Elternhaus haben, in dem Bildung als Wert an sich gilt.

Ehrgeiz der Eltern

Eine solche Mutter ist Ulrike Maibeck aus Köln. Für die Produktmanagerin steht fest: Ihre Kinder, 7 und 9 Jahre, sollen Abitur machen. Selbst den Wechsel auf eine Privatschule hatte sie erwogen, jetzt engagiert sie sich in der Grundschule vor Ort. Zu den Lehrern ihrer Kinder hält sie Kontakt, sie ist informiert über den Leistungsstand. "Man muss schon sehr hinterher sein, um den Schulerfolg der Kinder zu sichern", sagt die 43-Jährige.

Damit bestätigt sie einen seit Jahren bekannten Trend: Der Bildungserfolg von Kindern hängt stark von ihrer Herkunft ab. Das ist zwar in vielen Ländern so - aber nicht in dem Ausmaß wie in Deutschland. Studien verdeutlichen: Selbst begabte und gute Grundschüler haben schlechte Perspektiven, wenn sie aus schwierigen, sogenannten bildungsfernen Verhältnissen stammen. Sie erhalten bei gleichen kognitiven Fähigkeiten schlechtere Noten als ihre besser situierten Schulkameraden, die Lehrer empfehlen sie seltener für das Gymnasium, und Eltern, die für ihre Schulkarriere kämpfen, haben sie auch nicht. Das sei auch nicht weiter verwunderlich, wenn jemand arm sei, sagt der Kölner Politikwissenschaftler und Armutsforscher Christoph Butterwegge: "Um sich um Bildung kümmern zu können, müssen Menschen genug Geld haben." Das Regierungsziel "Bildung für Alle" grenze deshalb an Heuchelei: "Da wird Bildung als öffentliche Wunderwaffe behandelt, damit man über die Umverteilung von Geld nicht sprechen muss", kritisiert er. Bildung sei ein umfassendes Konzept: Wer von Hartz IV lebe, komme nicht ins Theater - nicht einmal ins Foyer.

"Diese sogenannten Risikogruppen sind es, die mir Sorgen machen", sagt auch Professor Tenorth. Denn mit mangelnder Bildung und der damit einhergehenden Perspektivlosigkeit ganzer Bevölkerungsgruppen verliere irgendwann die gesamte Gesellschaft ihre Wertebasis. Wenn sich Anstrengung nicht mehr lohne, weil man ohnehin benachteiligt werde, dann habe das dramatische Folgen für das Gemeinwesen. "Dieses Problem will in Deutschland aber offenbar keiner so richtig anpacken", kritisiert Tenorth.

Kein Schutz vor Armut

Das Bundesbildungsministerium sieht das naturgemäß anders: Erstens, so heißt es dort, fange Bildung in der Familie an. Und zweitens habe der Staat sehr wohl gute Rahmenbedingungen geschaffen. So hätten etwa beruflich erfolgreiche Menschen seit einiger Zeit die Möglichkeit, das Abitur nachzuholen.

Nicht schlecht, aber nicht ausreichend, heißt es in der Wissenschaft. Wirklich durchlässig war das Bildungssystem nur in den 1960-er Jahren, sagt etwa Tenorth. Damals sei das System als Ganzes gewachsen. Es gab mehr Schüler, mehr Lehrer - und passende Jobs. "Man brauchte nur einen halbwegs guten Abschluss, und dann konnte man studieren, was man wollte." Mit dem Universitätsexamen in der Tasche "konnte dann jeder Depp etwas werden", sagt Tenorth.

Dass Bildung allein einen gesellschaftlichen Aufstieg ermöglicht, halten Experten zwar im Einzelfall für möglich, ein gesellschaftliches Patentrezept sei das aber nicht. Armutsforscher Butterwegge gibt zu bedenken, dass eine gute Bildung nicht vor Armut schütze. Vielmehr sei es oft so: Wer ohne Abschluss die Schule verlasse, dafür aber von Haus aus mit viel Geld gesegnet sei, habe immer noch größere Chancen auf Wohlstand, als jemand, der zwar gut gebildet sei, aber aus eher armen Verhältnissen stamme.

Individuelle Förderung

Das Problem ist ein Grundsätzliches: Das klassische Arbeitermilieu mit Bildungswillen und Aufstiegsstreben existiert kaum noch. Es wurde abgelöst durch das, was Wissenschaftler als "bildungsferne Schichten" bezeichnen. Viele der Betroffenen sind Migranten oder Kinder von Zuwanderern, die in ein Milieu hineingeboren werden, in dem Bildung nicht so viel zählt. Vielmehr halten die Menschen ihre Lage für Schicksal, aus dem es kein Entrinnen gibt. "Wenn man sich die Proletarierkinder um 1950 ansieht, dann erkennt man: Aufstieg durch Bildung - das musste ihnen die SPD zwar erstmal erklären, aber dann machte es für die ,Begabten' auch Sinn", sagt Tenorth. Heute müsse man den Migranten bewusst machen, wie elementar Bildung für den Lebenslauf sei. Allerdings müssen die Angesprochenen dann auch ein Umfeld vorfinden, das ihre Anstrengungen würdigt - und sie gegebenenfalls auch besonders fördert.

"Kinder aus bildungsfernen Schichten mit Migrationshintergrund brauchen eine ganz andere Art der Zuwendung", sagt auch der Karlsruher Pädagogik-Professor Jürgen Rekus. Sie müssten oft erst emotional und sozial stabilisiert werden. Dafür brauche man Förderstunden und Personal, das sich um individuelle Förderung kümmern könne. Er sieht eine gefährliche Entwicklung: "Während früher die Schlechten gefördert wurden, bekommen heute Hochbegabte Förderunterricht." Dabei habe jemand, der aus einem bildungsbeflissenen Haushalt komme, in der Regel genug Zuwendung.

Immerhin: Im Programm der Bundesregierung finden sich erste Schritte in Richtung mehr Chancengleichheit. Bis 2012 soll die Sprachförderung für Kinder intensiviert werden, damit jedes Kind wenigstens Deutsch kann, wenn es in die Schule kommt. Allerdings müssten die Kinder dafür in den Kindergarten gehen. Tatsache aber ist, sagt der Erziehungswissenschaftler Klaus Klemm aus Essen, dass Kinder aus ärmeren Familien seltener in der Kita sind. Das sei besonders bedenklich, weil schon dort der Grundstein gelegt werden müsste für eine positive Entwicklung. Denn was den Risikogruppen fehle, sagt Tenorth, sei nicht zuerst das Abitur. "Sie haben das nicht, was die erste Leistung ist: positive Bilder von sich selbst."

Die Autorin arbeitet als freie Journalistin in Berlin, unter anderem für die "Deutsche Welle".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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