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Jörg von Bilavsky
Historischer Rückwärtsgang

DDR Die Geschichte der SED in einer ebenso kritischen wie umfassenden Darstellung

Gregor Gysi nannte es ein "historisches Ereignis". "Erstmals", so der Parteivorsitzende der Linken jubelnd, sei "in der Geschichte der Bundesrepublik ... eine Partei links von der Sozialdemokratie mit einem zweistelligen Ergebnis in den Bundestag gewählt worden. Wir haben die ganze Gesellschaft durcheinandergebracht." Vergessen die Zeiten, in denen die SED-Nachfolgepartei noch um ihr Überleben kämpfte und immer wieder vor der Fünfprozent-Hürde strauchelte. Weitgehend verdrängt auch die vierzig Jahre, in denen die SED alle Parteien rechts von sich ausgeschaltet und dadurch ein nahezu dreistelliges Wahlergebnis erzielt hat. Unter ihrer Führung wurde die Gesellschaft nicht durcheinander, sondern mit etwas Zuckerbrot und noch mehr Peitsche auf Linie gebracht.

Daran zu erinnern, kann angesichts der Etablierung der Linken im bundesdeutschen Parteiensystem nicht schaden. Wie viel SED dabei noch in der Partei von Gysi und Lafontaine steckt, sei einmal dahingestellt. Doch das die vierzigjährige Alleinherrschaft der Staatspartei und ihr Untergang Spuren in der ostdeutschen Gesellschaft hinterlassen hat, lässt sich kaum bestreiten. Nicht allein deshalb lohnt sich der Blick auf die "Geschichte einer deutschen Partei", der 1987 fast jeder sechste DDR-Bürger über 18 Jahren angehörte. Um das verstehen zu können, muss auch das Innenleben der Partei beleuchtet werden und danach gefragt werden, mit welchen Mitteln sie die Bevölkerung einschwor und einschüchterte.

Doppelte Perspektive

Die Fragen sind nicht wirklich neu und kürzlich in zugespitzter Form von Hubertus Knabe und von 1992 bis 1998 schon in wissenschaftlich-nüchterner Weise von der Enquete-Kommission des Bundestages und dem "Forschungsverbund SED-Staat" beantwortet worden. Ein ebenso kritischen wie konzisen Überblick über die Herrschaftstechniken und -strukturen der ehemaligen Staatspartei gab es bis dato aber nicht. Ein Historiker aus dem Osten und ein Publizist aus dem Westen haben diese Lücke nun geschlossen: Mit einer fundierten Parteigeschichte, in der sich zwangsläufig die allgemeine Geschichte der DDR widerspiegelt.

Was ihre Darstellung so lesenwert macht, ist nicht der eher schwach ausgeprägte Kontrast zwischen der "ostdeutschen Binnenansicht" Andreas Malychas, der früher am Institut für Marxismus/Leninismus beim ZK der SED geforscht hat, und der "westdeutschen Außenperspektive" des ehemaligen FAZ-Redakteurs Peter Jochen Winters. Mag Malychas Analyse auch etwas differenzierter, die von Winters etwas pauschaler sein. In ihrem Urteil über die "ideologisch geprägte und diktatorisch handelnde" Partei sind sie sich letztlich doch einig.

Interessant ist vielmehr, wie der ostdeutsche Historiker die SED als keineswegs homogenes, sondern als "lebendiges und vielgestaltiges Gefüge von Menschen" zeichnet. Natürlich deckt er auf, mit welch perfiden und brutalen Methoden Ulbricht gegen den Widerstand vieler Sozialdemokraten und mit tatkräftiger Unterstützung der Sowjetunion die wichtigsten Machtpositionen in Staat und Partei eroberte. Aber sein Blick wandert von der Parteispitze auch immer wieder zur Basis, die öfter als meist wahrgenommen Kritik an der Stalinisierung ihrer Partei übte. Auch die nach Stalins Tod einsetzenden Reformdebatten der Intellektuellen im Umfeld der SED unterzieht er einer kritischen Würdigung und demonstriert, wie umstritten das autoritäre Herrschaftssystem in den eigenen Reihen immer wieder war. Glücklicherweise verleitet diese Perspektive Malycha nicht zu dem Schluss, dass die innerparteilichen Reformer fundamentale Systemkritik übten, geschweige denn den Führungsanspruch der SED jemals ernsthaft in Frage stellten.

Der immer wieder aufflammenden Unzufriedenheit einiger SED-Mitglieder und der Bevölkerung begegnete Ulbricht Anfang der 60er Jahre nicht nur mit dem Ausbau und der Festigung seiner Machtbasis. Sondern auch mit überraschend liberalen Reformen in Wirtschaft und Wissenschaft, die den Lebensstandard erhöhen und das Volk ruhig stellen sollten. Erich Honecker nahm von diesen langfristig systemgefährdenden Reformen wieder Abstand und stürzte seinen Ziehvater Anfang der 1970er Jahre. An dem Prinzip Herrschaftsstabilisierung durch Wohlstandsversprechen hielt er aber fest.

Machtattitüden

Peter Jochen Winters knüpft im zweiten Teil des Buches an diese These an und betont, dass Honeckers Konzept der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik ohne grundlegende Reformen in Partei, Staat und Gesellschaft zum Scheitern verurteilt war. So analysiert Winters für die Zeit nach 1971 vor allem die katastrophale Wirtschaftspolitik Honeckers und dessen selbstherrliche Herrschaftspraktiken, die Partei und Staat schließlich in den Ruin trieben und die oppositionellen Kräfte - besonders im Zuge von Gorbatschows Perestroika - langsam stärkte.

Wieso Honecker und seine Genossen im Politbüro dem Beispiel ihres großen Bruders nicht folgten, erklärt sich aus der Geschichte der SED und ihres Führungspersonals. Machterhalt hieß die Devise vor, aber auch nach 1989, als sich die prominenten SED-Erben erfolgreich gegen die Selbstauflösung der Partei stemmten und Honeckers Worten "Vorwärts immer, rückwärts nimmer!" einen ganz neuen Sinn gaben. Dank Malycha und Winters wissen wir wieder etwas genauer, was sich hinter den Parolen von einst und heute versteckt. Jörg von Bilavsky

Andreas Malycha, Peter Jochen Winters:

Die SED. Geschichte einer deutschen Partei.

Verlag C.H. Beck, München 2009; 480 S., 16,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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