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Sabine Pamperrien
Zensur auf Reisen

Gastland CHINA Der diesjährige Ehrengast der Frankfurter Buchmesse könnte umstrittener und heikler kaum sein. Schon im Vorfeld kam es zu einem Eklat

Der Ärger scheint vorprogrammiert. Nach den Erfahrungen der Olympischen Spiele in Peking musste klar sein, dass der Ehrengast China bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse nicht durch demokratische Diskussionskultur auffallen würde. Schon häufiger sorgte die Messe mit politisch disparaten Gastländern für Kontroversen, zuletzt 2008 mit der Türkei. Doch solche Aufregung wie im September gab es noch nie. Bereits vor Beginn der Messe kam es zu einem veritablen Skandal auf dem Symposium mit dem Titel "China und die Welt - Wahrnehmung und Wirklichkeit". Wenige Tage vor der traditionsgemäß gemeinsam mit dem Ehrengast ausgerichteten Einführungsveranstaltung drohte die chinesische Delegation mit Boykott, falls zwei von der deutschen Seite eingeladene Dissidenten, die Umweltaktivistin Dai Qing und der Lyriker Bei Ling, auf dem offiziellen Podium mitdiskutieren könnten. Spätestens hier wurde die Öffentlichkeit darauf aufmerksam, dass als Partner der Buchmesse für die Ehrengast-Performance mit dem Presse- und Verlagsamt (GAPP) in diesem Jahr die oberste Zensurbehörde Chinas verantwortlich zeichnet.

Drohungen von offizieller chinesischer Seite sind bekannt - die Selbstsicherheit des offiziellen China bei der Zurückweisung jeglicher Kritik hat im Zuge der Weltwirtschaftskrise eher zugenommen. Dennoch kann man nicht den Chinesen vorzuwerfen, wenn ihre Partner einknicken. Die skandalöse Entscheidung, die beiden missliebigen Gäste auszuladen, fällten die Verantwortlichen von der Frankfurter Buchmesse. Dass sie später die Brüskierung des unbequemen Ehrengastes riskierten und die beiden Oppositionellen doch noch auf der Veranstaltung sprechen ließen, verringerte kaum die Verwunderung über ihre Bereitschaft, kritische Stimmen zunächst nicht zuzulassen.

Die chinesische Delegation verließ demonstrativ den Raum, als die Dissidenten sprachen. Sie war erst nach einer öffentlich vorgetragenen Entschuldigung von Buchmessen-Chef Jürgen Boos bereit, die Tagung fortzusetzen.

Insgesamt verfestigte sich die seit den Olympischen Spielen allgemeine Wahrnehmung: Ein Wille zum Dialog war bei der chinesischen Delegation nicht feststellbar. Das ungewöhnlich große Aufgebot an Presse traf auf dem Symposium auf ganz gewöhnliche Betonköpfe, die sich in stereotyp vorgetragenen Propaganda-Phrasen ergingen.

Hilfloser Umgang

Eigentlich ist in der ganzen Diskussion nicht China der unberechenbare Faktor. Die Vorgehensweise der Frankfurter Buchmesse steht beinahe paradigmatisch für den teilweise hilflosen, teilweise ignoranten und selten souveränen Umgang mit dem offiziellen China.

Dahinter offenbart sich eine Art "Haltungsschaden", der unter anderem den klaren Blick für eklatante Menschenrechtsverletzungen verstellt. Der bekannte chinesische Künstler und Regimekritiker Ai Weiwei hat gerade die Folgen eines beinahe tödlich verlaufenen Überfalls chinesischer Polizisten kuriert; er konnte kaum fassen, dass China-Experten am Rande des Symposiums davor warnten, dem Land einen Gesichtsverlust zuzufügen, während dort Andersdenkende zu Tode gefoltert werden.

Es geriet zur Ehrenrettung für die deutschen Gastgeber, dass der neue deutsche Generalsekretär der internationalen Schriftstellervereinigung PEN, Herbert Wiesner, als Mitveranstalter des Symposiums die beiden Ausgeladenen wieder einlud und über das Auswärtige Amt der in Peking lebenden Umweltaktivistin Dai Qing noch ein Visum verschaffte. Er kündigte außerdem an, das deutsche PEN-Zentrum wolle dem unabhängigen chinesischen PEN auf seinem Messestand täglich ein Forum bieten.

Offener Brief

Der Vorgang ist auch deshalb interessant, weil chinesische Dissidenten noch im vergangenen Jahr durchaus nicht damit rechnen konnten, von PEN Unterstützung zu erhalten. Mit zahlreichen deutschen Intellektuellen unterzeichnete vor gut einem Jahr der Präsident des deutschen PEN, Johano Strasser, einen Offenen Brief, in dem chinesischen Dissidenten und anderen Kritikern allzu China-freundlicher Berichterstattung ein Angriff auf die Meinungsfreiheit vorgeworfen wurde. Die regierungsamtliche Presse in China jubelte.

Die chinesischen Oppositionellen, unter ihnen der fast vollständig unabhängige chinesische PEN mit seinem ehemaligen Präsidenten Liu Xiabo, hielten den Deutschen in scharfen Worten vor, mit zweierlei Maß zu messen. Die Kritik an pro-chinesischer Propaganda aus Deutschland werde als Angriff auf die Meinungsfreiheit angeprangert, von den massiven Angriffen in China gegen kritische Ansichten sei dagegen nicht die Rede. Von chinesischen Exil-Schriftstellern aus aller Welt - unter ihnen der Chinese Lian Yang, Präsidiumsmitglied des internationalen PEN - mussten die deutschen Intellektuellen sich die Frage gefallen lassen, ob sie meinten, unparteiische Berichterstattung über China schließe Kritik an China aus. Sie hätten sich offenbar mit den Mächtigen arrangiert, hieß es. Wo bliebe ihr Einsatz für die vielen verfolgten Schriftsteller?

Kernpunkt der chinesischen Kritik war der Hinweis, dass viele der moralisierenden deutschen Intellektuellen Grund hatten, sich aus beruflichen Interessen dem offiziellen China anzubiedern. In der Tat befinden sich unter den Vertretern der These, Kritik an China sei ausschließlich China-Bashing, zahlreiche Wissenschaftler und Publizisten, die von ihrer Zusammenarbeit mit dem offiziellen China erkennbar profitieren - mal geht es um Forschungsaufträge, mal um Vermittlung wissenschaftlicher oder wirtschaftlicher Kontakte, mal um Politikberatung. Einige Unterzeichner aus dem deutschen PEN machten inzwischen zumindest formal eine Rolle rückwärts. Sie unterzeichneten am 13. September zusammen mit rund 200 weiteren Schriftstellern, wie Christa Wolf und Günter Grass, einen Protestbrief. Darin verlangen sie von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Hort Köhler, sich für die Freilassung des Dissidenten Liu Xiabos einzusetzen. Xiabo, der Verfasser der Charta 08, in der chinesische Intellektuelle Meinungsfreiheit und Demokratie einfordern, wurde im Dezember 2008 von Polizisten verschleppt und ist seither verschwunden.

Der Protestbrief war eine der ersten Amtshandlungen des seit Mai amtierenden PEN-Generalsekretärs Wiesner. Er will zurück zur internationalen Ausrichtung des Schriftstellerklubs und möchte die Aktivitäten des "Writers-in-Prison-Comittee" verstärken. Dieses wurde 1960 als Reaktion auf die wachsende Zahl von Ländern gegründet, die versuchen, Schriftsteller durch Repressionen mundtot zu machen.

Wachsender Markt

So klingt es fast, als werde ein demokratisches Profil neu geschärft. Wesentlich ist jedoch, genau darauf zu achten, unter welchen Prämissen künftig miteinander verhandelt wird. Im Spannungsfeld der Diskussion um den richtigen Umgang mit China in Frankfurt wird allerdings gern übersehen, dass die Frankfurter Buchmesse eine Handelsmesse ist. Die Aussteller präsentieren ihre Produkte nicht, um den Stand der Demokratisierung der Welt zu illustrieren, sondern, um gute Geschäfte zu machen.

China ist auch in diesem Bereich ein riesiger, wachsender Markt: Jährlich gibt es etwa 150.000 Neuerscheinungen (in Deutschland waren es 2007 rund 96.500). Insgesamt werden pro Jahr circa 300.000 Titel produziert. Es gibt rund 570 staatliche Verlage und etwa 10.000 unabhängige Verlage als sogenannte Kulturfirmen. Bücher werden meistens von kleinen Kulturfirmen produziert und dann von den staatlichen Verlagen aufgekauft. Auflagen erreichen schnell Millionenhöhen. Dabei ist das System trotz der ins Auge springenden Libertinage vieler Inhalte in politischer Hinsicht weiterhin absolut restriktiv.

Die Zensur gibt es auf unterschiedlichen Wegen. Gelegentlich werden Bücher erst verboten, wenn sie im Verkauf zu erfolgreich sind. Meist findet die Zensur als Selbstzensur aber bereits beim Verfassen der Werke statt. Vor diesem Hintergrund ist leichter zu erklären, dass die von der GAPP bestätigten etwa 600 jährlich zensierten Bücher nicht etwa das geringe Maß an staatlichen Kontrollen zeigen, sondern das, was die Medienexpertin He Qinglian für chinesische Medien konstatiert: Der Druck ist so groß geworden, dass die Zensur sich in den Köpfen vollzieht. Zu berücksichtigen ist als gegenläufige Tendenz, dass Raubdrucke weit verbreitet sind und viele verbotene Bücher als Bückware ihren Weg zu den Lesern finden. Nicht vergessen sollte wiederum auch, dass viele Bücher gar nicht erst geschrieben werden, weil zahllose Autoren in Gefängnissen und Arbeitslagern festsitzen.

Kritische Exilautoren

Was ist inhaltlich von der chinesischen Literatur zu erwarten? Der deutsche Sinologe Wolfgang Kubin fachte vor drei Jahren mit seinen kritischen Äußerungen über die Gegenwartsliteratur in China eine heftige Debatte an. Sein Befund: Alles Schund. Trtzdem erhielt er für sein Schaffen 2007 den Staatspreis der Volksrepublik. Eine ästhetische Debatte über Literatur scheint also doch möglich.

Wird sich das Gastland China während der Buchmesse der politischen Auseinandersetzung entziehen? Das wird sich zeigen. Die Tabuthemen werden schon längst von den im Ausland schreibenden oder publizierenden Autoren besetzt. Es herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass ihre Werke ebenfalls zur chinesischen Literatur gehören. Die sind in besonders in Frankfurt zahlreich vertreten - und lassen sich den Mund nicht verbieten.

Aus Sicht der Literatur hätte die Buchmesse also getrost auf die Zusammenarbeit mit der obersten Zensurbehörde Chinas verzichten können. Doch dann hätte sie auch auf die staatlichen Verlage und deren Geld verzichten müssen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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