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Interview
»Wo bleibt meine Erinnerung?«

Jana Hensel Die Autorin beschreibt in ihrem neuen Buch »Achtung Zone« die Auswirkungen der Deutschen Einheit auf die Menschen in Ostdeutschland

"Die Geschichte der deutschen Einheit", so schreiben Sie, "hat mit einer Lüge begonnen." Weil Willy Brandt den berühmten Satz "Nun wächst zusammen, was zusammen gehört" am 10. November 1989 auf dem Balkon des Schöneberger Rathauses gar nicht gesagt hat. Ist der Satz selbst denn auch eine Lüge?

Wir glauben alle, dass Willy Brandt diesen Satz gesagt hat. Er selbst behauptete auch sehr schnell nach dem 10. November, er habe ihn gesagt. Dieser Satz ist vielmehr Ausdruck eines Wunsches als der Realität. Wenn man sich die Rede Brandts anschaut, dann stellt man fest, dass er eher zurückhaltend und zweifelnd war angesichts der Bedeutung der Ereignisse. Dieser Satz ist bis heute das einzige echte Motto der Einheit. Er drückt den Wunsch der Deutschen aus, dass zwei Teile eines getrennten Landes, die aber eigentlich untrennbar miteinander verbunden waren, wieder zusammen kommen. Ich glaube, dass dieser Satz vor allem für den Osten bedeutet hat, sich anzupassen. Die Geschichte der Einheit ist eine Geschichte der Anpassung der Ostdeutschen an eine westdeutsche Realität. Die Desillusionierung bei den Westdeutschen entstand, als sie merkten, dass die Ostdeutschen eben doch anders sind. Daraus entstanden Konflikte, die von vornherein diskreditiert waren durch den vermeintlichen Satz von Brandt. Die Deutschen wünschen sich noch immer, es gebe keine Unterschiede zwischen Ost und West.

Nun sind Münchner und Hamburger, Rheinländer und Schwaben auch sehr unterschiedlich. Was ist denn spezifisch anders an den Ostdeutschen?

Es sind eben keine unterschiedlichen Mentalitätsfärbungen oder landschaftliche Färbungen. Wenn man sich die Umfragen und Studien ansieht, dann sieht man, dass die Ostdeutschen in allen entscheidenden Fragen nach der Rolle des Staates und der Gesellschaft anders denken. In diesen Fragen ist der Ostfriese dem Bayer viel näher als der Mecklenburger dem Ostfriesen.

Warum ist das so?

Die friedliche Revolution von 1989 und die deutsche Einheit von 1990 waren zwei Freudenfeste. Damals herrschten Aufbruch und Euphorie. Doch darauf folgte im Osten der Kollaps, das totale Zusammenbrechen einer Gesellschaft: ökonomisch, sozial, politisch und mental. Und wenn wir versuchen, die Bilanz der Einheit 20 Jahre danach zu schreiben, dann müssen wir die Frage stellen: Was hat dieser Kollaps mit den Menschen gemacht? Wie hat er sich auf ihr Leben ausgewirkt? Die Ostdeutschen sind fundamental anders, weil sie vor und nach 1989 etwas völlig anderes erlebt haben als die Westdeutschen.

Nach dem Fall der Mauer ist eine Generation herangewachsen, die die DDR nie erlebt hat. Ticken die 20-jährigen Ostdeutschen ebenfalls anders als ihre Altersgenossen im Westen?

Ich glaube nicht, dass die DDR mit 1989 verschwunden ist. Auch heute noch wächst man in der brandenburgischen Provinz unter völlig anderen Bedingungen auf als in der bayerischen. Diese Jugendlichen werden aus dieser anderen Realität auch andere Schlüsse ziehen. Ob sie die heute schon so benennen können, ist eine andere Frage. Es ist ja auch kein Konsens, wenn ich das Anders-Sein der Ostdeutschen formuliere. Viele Jugendliche im Osten haben keine Lust, anders wahrgenommen zu werden und passen sich an. Aber die entscheidende Frage nach der eigenen Identität, nach den eigenen Erfahrungen in den letzten 20 Jahren wird viel zu selten selbstbewusst gestellt. Die Menschen im Osten haben sich ihre eigenen Biografien verbogen.

Werden die Unterschiede zwischen Ost und West vorsätzlich geleugnet?

Ja sicher. Sehen Sie sich doch mal die Statistiken an. Beim Blick auf die harten Zahlen - etwa bei der Arbeitslosigkeit, bei der Überalterung oder der Abwanderung - entstehen die alten Grenzen zwischen der Bundesrepublik und der DDR wieder. Aber im zurückliegenden Wahlkampf spielte der Osten überhaupt keine Rolle mehr. Im Jahr 2005 klagte man noch, dass der Osten kein Wahlkampfthema gewesen sei. Im Wahlkampf 2009 sind selbst die Klagen darüber verstummt, dass der Osten kein Thema mehr ist. Dabei müsste man sich aktuell fragen, ob die Weltwirtschaftskrise nicht auf ganz andere Bedingungen im Osten trifft und deshalb auch anders damit umgegangen werden müsste. Ich finde es erschreckend, dass die Politik es aufgegeben hat, nach verschiedenen Lösungsansätzen für die beiden Teile Deutschlands zu suchen.

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" kritisierte bei Erscheinen Ihrer "Zonenkinder", Sie hätten "ganze Generationen von Individuen zum passiven Formfleisch der wechselnden Verhältnisse gemacht". Und Susanne Schädlich moniert in der "Zeit" Sie hätten "Achtung Zone" im "kollektiven Wir" geschrieben. Haben Sie kein ungutes Gefühl, wenn Sie über "die Ostdeutschen" schreiben?

"Achtung Zone" teilt sich in zwei Teile. Im ersten Teil gibt es drei essayistische Stücke, die sich mit eher abstrakten Fragen beschäftigen. Den zweiten Teil bilden drei Reportagen, die die Geschichten von konkreten Individuen erzählen: zum einen die Geschichten der vietnamesischen Vertragsarbeiter in der DDR nach dem Mauerfall. Zum anderen habe ich die Geschichte des ehemaligen ostdeutschen Schaupieler-Ehepaares Jenny Gröllmann und Ulrich Mühe aufgeschrieben. Und die dritte Geschichte erzählt meine Suche nach Ostdeutschen meiner Generation, die sich mit der Vergangenheit ihrer Eltern als Angehörige der Staatssicherheit auseinandersetzen. Ich glaube aber schon, dass wir auch Überhöhungen brauchen, wenn wir über den Osten sprechen. Alle Texte dieser Art arbeiten mit Überhöhungen und ich tue das auch.

Der Geschichte von Ulrich Mühe und Jenny Gröllmann haben Sie ein gutes Drittel ihres Buches gewidmet. Sie beschreiben ausführlich die Auseinandersetzungen zwischen den beiden um die behauptete Tätigkeit von Jenny Gröllmann als Informelle Mitarbeiterin für die Staatsicherheit. Warum ist Ihnen dieses Thema so wichtig?

Der Streit zwischen Jenny Gröllmann und Ulrich Mühe ist ein ganz großer Stoff, weil er im Brennglas die Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit zeigt. Das war kein rein persönlicher Streit zwischen den beiden. Beide sind Synonyme für die unterschiedlichen Seiten, die man einnehmen konnte zur DDR nach ihrem Ende. Und dementsprechend haben sich hinter beiden die Menschen versammelt und Partei ergriffen. Es ist tragisch zu sehen, dass Jenny Gröllmann am Ende ihres Lebens praktisch alle ostdeutschen Schauspieler hinter sich wusste, während Ulrich Mühe keinen einzigen ostdeutschen Fürsprecher gefunden hat. Er war völlig vereinsamt in seiner Haltung. Diese Art von Konflikten und Auseinandersetzungen um die Haltung zur DDR hat es in vielen Familien, Freunden und Liebenden im Osten gegeben, aber wir erfahren nichts davon. Es herrscht bis heute eine große Sprachlosigkeit, eine Unfähigkeit, sich über die Gräben und die verhärteten Fronten hinweg mit diesem Thema auseinander zu setzen.

Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit erinnert an die Situation nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch damals wurde diese Auseinandersetzung zwischen Kindern und Eltern erst mit 20-jähriger Verspätung geführt. Wiederholt sich hier Geschichte?

Der Vergleich liegt zunächst nahe: 1945/1989 und dann 1968/2009. Aber es gibt bis heute zumindest keine öffentliche Auseinandersetzung zwischen den Generationen. Ich habe bei meinen Recherchen keine Kinder gefunden, die sie führen. Ein Grund dafür könnte sein, dass Eltern und Kinder den Kollaps von 1989 und den Identitätsverlust gemeinsam erlebt haben. Ich erinnere mich, wie damals Woche für Woche eine ehemalige Autorität umgefallen ist. Die Lehrer zum Beispiel: Die waren für uns keine Autoritäten mehr. Hier liegt einer der Unterschiede zu 1968. Damals war die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit mit einer Rebellion gegen Autoritäten verbunden. Der Vater, der daheim nicht über seine Vergangenheit reden wollte, ließ sich wunderbar mit dem Staat gleichsetzten. Wir hatten 1989 hingegen keine Autoritäten mehr, gegen die wir hätten rebellieren können - die lagen eh schon alle am Boden.

Sie schreiben, die individuellen Erinnerungen der Ostdeutschen an 1989 seien überlagert durch einen Brei von Anekdoten und die immer gleichen Geschichten...

Ja, wir haben es mit einer Erinnerungsindustrie zu tun, die auch zum 20. Jahrestag des Mauerfalls auf Hochtouren läuft. Genscher steht zum millionsten Mal auf dem Balkon der Prager Botschaft und erzählt zum millionsten Mal, wie emotional dieser Moment war. Und zum millionsten Mal werden Ausreisewillige von damals, die am Zaun der Botschaft standen, präsentiert. Aber die viel wichtigere Frage ist doch, was die Menschen seitdem gemacht haben, wie 1989 ihr Leben verändert hat. Die Ereignisse von 1989 werden völlig aus der Zeit davor und danach losgelöst und auf den Sockel gestellt. Da ich den Umbruch in der DDR selbst erlebt habe, habe ich ein großes Problem mit dieser Art der Trivialisierung. Da sitzt Veronika Ferres bei Anne Will als "Frau vom Checkpoint Charlie" und redet über die DDR als wäre sie selbst dabei gewesen. Das kann sie nur machen, weil es nichts Einfacheres gibt, als diese ritualisierten Erinnerungen abzuspulen. Für mich als Ostdeutsche ist das ein riesiges Dilemma. Wo bleibe ich denn da? Wo bleibt meine Erzählung der Geschichte? Wie kann die sich noch abheben von der perfekten Imitation?

Sie bezeichnen den Mauerfall als das "letzte sinnstiftende Ereignis" für die Ostdeutschen. Ist das Leben in der gewonnenen Demokratie nicht sinnstiftend genug?

Natürlich ist das sinnstiftend genug. Aber die Frage ist, welchen Demokratiebegriff wir haben. Ich glaube, den Ostdeutschen ist zu wenig klar, dass die Demokratie auch der Teilhabe bedarf. Teilhabe bedeutet für die Ostdeutschen etwas völlig anderes als für die Westdeutschen. Die entscheidende Erfahrung von 1989 war ein revolutionäres Ereignis. Das war ein Moment des Aufstandes und der Opposition. Doch Demokratie funktioniert natürlich anders, erfordert ein stetes Engagement in Parteien, Verbänden oder Vereinen.

Aber Opposition gehört doch auch zur Demokratie...

Ja sicher. Aber als die Ostdeutschen im Jahr 2004 auf ihr revolutionäres Erbe zurückgriffen, die Idee der Montagsdemonstrationen wieder belebten und ihren Protest gegen die Hartz-Reformen vortrugen, da wurden sie dafür scharf kritisiert - auch von den Protagonisten von 1989. Die Ostdeutschen haben den Transformationsprozess ja nicht lethargisch über sich ergehen lassen. Der ungarische Wirtschaftshistoriker Máté Szabó hat herausgefunden, dass es in den Jahren 1991 bis 1993 mehr Proteste im Osten gegeben hat als 1989.

In Bischofferode habe ich die Kali-Kumpel besucht, die 1993 durch ihren Hungerstreik gegen die Schließung der Kali-Werke zu den berühmtesten Arbeitern Deutschlands wurden. Die sitzen heute in ihrem kleinen Streikmuseum und kein Mensch besucht es.

Opposition ist wichtig in der Demokratie. Sie reicht aber eben nicht aus. Es muss ein Gleichgewicht zwischen Opposition und Teilhabe bestehen.

Das Interview führte Alexander Weinlein.

Jana Hensel:

Achtung Zone. Warum wir Ostdeutschen anders bleiben sollten.

Piper Verlag, München 2009; 188 S., 14,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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