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Joachim Jauer
Prager Frühling im Herbst

TSCHECHOSLOWAKEI Ein brutaler Polizeieinsatz gegen Demonstranten stand am Beginn der »samtenen Revolution«

50 Jahre nach der deutschen Besetzung löste in Prag das Gedenken an die NS-Verbrechen von 1939 die Abrechnung mit dem Kommunismus aus. Nur eine Woche nach dem Fall der Berliner Mauer begann im Warschauer Pakt der nächste Dominostein zu kippen. Ausgerechnet die Demonstration der Prager Universitäten für den von der deutschen Besatzungsmacht ermordeten Studenten Jan Opletal wurde im November 1989 der Auftakt für die "Samtene Revolution". Als die Studenten "Freiheit" und "freie Wahlen" forderten, schlug die Polizei brutal zu - und mobilisierte mit diesem ungewöhnlich harten Einsatz den Protest auch der älteren Generation.

Am nächsten Tag sammelten sich Tausende zu einem Schweigemarsch auf dem Altstädter Ring. Und am Tag darauf protestierten bereits weit mehr als hunderttausend Menschen auf dem Wenzelsplatz. Zu ihnen sprach der Schriftsteller Václav Havel, der als einer der Gründer der Bürgerrechtsbewegung "Charta 77" nicht nur landesweit, sondern auch über die Grenzen hinaus bekannt war. Havel war erst im Mai als politischer Gefangener aus der Haft entlassen worden. Nun riefen die Menschen: "Havel na hrad! - Havel auf die Burg!". Sie wollten ihn zum Präsidenten auf dem Hradschin, der Prager Burg, machen.

Die Kommunisten der Tschechoslowakei hatten den Reformideen Gorbatschows bis zum Herbst 1989 energischen Widerstand entgegengebracht. "Demokratie á la Gorbatschow" wurde von den Prager Machthabern für die CSSR abgelehnt. Die Parteiführung wies Gorbatschows Reformpolitik besonders deshalb vehement zurück, weil sie 20 Jahre nach dem "Prager Frühling" allzu sehr an das damals propagierte Ideal vom "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" erinnerte.

Plötzlich trugen viele Menschen selbst gebastelte Anstecker mit der Jahreszahl 89, die drehbar an den Jacken oder Mänteln befestigt waren. Wer das kleine Schild auf den Kopf drehte, las die Jahreszahl 68. Durch simples Zahlenspiel erinnerten Tschechen und Slowaken so an 1968, an die gewaltsame Beendigung der damaligen Reformpolitik durch Warschauer-Pakt-Truppen.

Sichtbarer Ausgangspunkt der Revolution war der Redaktionsbalkon des sozialistischen Parteiorgans "Svobodné Slovo", zu deutsch "Freies Wort", hoch über dem Wenzelsplatz. Die Sozialisten waren jahrelang Weggefährten der Kommunisten gewesen, in den Tagen nach der Prügelaktion der Polizei jedoch zu Kritikern ihres kommunistischen "Koalitionspartners" geworden. Also gewährten sie Havels neu gegründetem Bürgerforum Zutritt. Alle Augen der Hunderttausend richteten sich nun Abend für Abend auf diesen Balkon. Dort oben agierte einer der Sprecher der "Charta 77", Václav Malý, als Moderator der Massen im Scheinwerferlicht.

Am fünften Tag der Dauerdemonstrationen marschierten Delegationen aus Betrieben mit Transparenten auf: "Wir Arbeiter sind mit euch." Malý begrüßte eine Kolonne von Kumpeln aus einem Tiefbaubetrieb besonders herzlich: Als katholischer Priester mit Berufsverbot belegt, hatte er dort früher Zwangsarbeit als Toilettenreiniger leisten müssen.

Als Václav Havel dann den Balkon der Zeitungsredaktion betrat, empfing ihn die legendäre "Klingel-Demonstration". Eine halbe Million Menschen läutete mit ihren Schlüsselbunden als Totenglöckchen das Ende des Regimes ein. Am Tag darauf erschien unter dem Jubel der Massen Alexander Dubcek, 1968 von den Sowjets als Parteichef entmachtet und dann nach Bratislava abgeschoben, wo er seinen Lebensunterhalt als Disponent eines forstwirtschaftli- chen Fuhrparks verdienen musste: Dubcek und Havel, der alte Reformer und der neue Revolutionär.

Sieben Tage lang war Prag im Ausnahmezustand des Bürgerprotests. Dann riefen Havel, Dubcek und Malý zum Generalstreik auf. Diese Großkundgebung, vom staatlichen Fernsehen live übertragen, wurde zum Höhepunkt der samtenen Revolution. Steuermann auch dieser Kundgebung war Malý. Er begrüßte zwei Polizisten in Uniform, die stellvertretend für zahlreiche Kollegen um Verzeihung bitten wollten für den Prügeleinsatz gegen die Studenten. Malý rief die Menschen auf, den Polizisten zu vergeben. Das allein sei der Weg zur Versöhnung, argumentierte er; schließlich sei jeder in den Jahren der Diktatur schuldig geworden, durch aktive Unterstützung der Kommunisten oder durch Schweigen und Nichtstun. Zugleich regte der Geistliche die Menge an, mit ihm als Zeichen der Versöhnung das "Vater unser" zu sprechen. Millionen Tschechen und Slowaken erlebten die Szene am Bildschirm mit.

In den Tagen darauf traten die kommunistische Parteiführung und Regierung zurück. Zum Ende des Jahres wurde aus dem Dissidenten Václav Havel der Präsident der freien Tschechoslowakei.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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