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Sebastian Hille
In »Little Berlin« blieb es ruhig

PROVINZ Erst am 9. Dezember öffnete die Mauer in Mödlareuth

Während sich in Berlin Menschenmassen gen Westen drängten, plätscherte in Mödlareuth der Tannbach friedlich und munter durchs Tal. "Hier war es wie immer", erinnert man sich auf der einen Seite. "Keine besonderen Vorkommnisse", sagt einer von der anderen Seite.

Der 9. November 1989 war in Mödlareuth an der Grenze zwischen Bayern und Thüringen, am sogenannten Zonenrand, ein Donnerstag wie jeder andere. Von dem, was gerade in Berlin passierte, von offenen Grenzübergängen und Reisefreiheit, war rund 300 Kilometer südwestlich an diesem Abend nichts zu spüren. "Der Massenansturm von reisewilligen DDR-Bürgern setzte erst am nächsten Tag und vor allem am darauffolgenden Wochenende ein", berichtet Robert Lebegern, Leiter des Deutsch-Deutschen Museums in dem einst geteilten 50-Einwohner-Dorf.

Durch Mödlareuth verläuft seit dem 16. Jahrhundert eine Grenze. Der eine Teil gehörte zum Fürstentum Reuß - heute Thüringen -, der andere zum Köngreich Bayern. Zur Schule und ins Wirtshaus ging man auf thüringischer Seite, die Kirche stand in Bayern. Mit Ende des Zweiten Weltkriegs und der Aufteilung Deutschlands in die vier Besatzungszonen war es nach Jahrhunderten plötzlich vorbei mit der Dorfgemeinschaft. Der Tannbach, obwohl nur einen kräftigen Schritt breit, wurde zur unüberwindbaren Grenze. Mitten durch den Wasserlauf verlief die Demarkationslinie zwischen der amerikanischen und der sowjetischen Besatzungszone.

Einem Holzbretterzaun, den die DDR-Grenztruppen 1952 errichteten, folgte ab 1958 ein "Flandernzaun" genanntes Ungetüm aus Stacheldraht. Nachdem dieser 1962 zu einem dreireihigen Zaun aufgestockt und 1964 durch eine Plattenwand ersetz worden war, folgte 1966 - wie in Berlin - der Bau einer 3,30 Meter hohen und 700 Meter langen Betonwand quer durchs Dorf. Aufgerüstet mit einem Beobachtungsturm, Metallgitterzäunen, Fahrzeugsperren und tagheller Beleuchtung überdauerte die Mauer in "Little Berlin", wie das Dorf vom früheren US-Präsidenten George Bush einmal genannt wurde, im Gegensatz zum großen Gegenstück sogar den 9. November 1989.

Zwar tuckerten bereits zwei Tage nach der Maueröffnung in Berlin die ersten Trabbis unter den mächtigen Kastanienbäumen im bayrischen Teil von Mödlareuth. Bis die Mödlareuther Mauer geöffnet wurde, dauerte es allerdings noch knapp einen Monat. Nach einer Kerzendemonstration am 5. Dezember durchbrachen Bauarbeiter zwei tage später den Beton. Am 9. Dezember öffnete dann der Grenzübergang für Fußgänger und Radfahrer. "Als der Maueraufbruch war - die sind rüber, wir sind rüber, da gab's nur noch ein Heulen und Umarmen", erinnert sich Irold Goller aus Mödlareuth-Ost. "Little Berlin" feierte die Maueröffnung mit Blasmusik, Thüringer Bratwurst und Glühwein im Schnee. Am 17. Juni 1990 schließlich rissen Bagger auf Beschluss der beiden Bürgermeister aus Ost und West die Mauer endgültig ein.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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