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Sandra Ketterer
Auf der Suche nach Arbeit

ABWANDERUNG Im brandenburgischen Landkreis Prignitz gingen nach der Wende viele Arbeitsplätze verloren. Und noch immer ziehen viele Menschen weg

Es ist ruhig in Pritzwalk um die Mittagszeit. Ein paar Menschen holen sich belegte Brötchen vom Bäcker. Eine alte Dame schiebt ihr Gehwägelchen über den sorgfältig gepflasterten Marktplatz. Über der Eingangstür vom Rathaus glänzt ein pinkes Plakat in der Sonne. "Jobstart" steht darauf in großen Buchstaben, es ist Werbung für eine Ausbildungsmesse in der Region. "Für jeden das Richtige", ist darunter zu lesen, und: "Riesige Chancen in der Region!"

Arbeitskräften in der Region eine Zukunft zu bieten und damit die Menschen am Ort zu halten, das ist eine große Herausforderung für den Landkreis Prignitz im Nordwesten Brandenburgs, zu dem Pritzwalk gehört. Mehr als 84.000 Menschen waren hier Ende 2008 gemeldet. Der Kreis ist einer der am dünnsten besiedelten Deutschlands; auf einen Quadratkilometer kommen etwa 40 Einwohner. Im Schnitt wohnen im Bundesgebiet gut 230 Menschen auf einem Quadratkilometer. 1993, als die Landkreise neu eingeteilt wurden, hatte Prignitz noch mehr als 103.000 Einwohner. Hauptgrund für die negative Entwicklung ist die Abwanderung: Allein im Jahr 2008 zogen 2.216 Menschen fort, doch nur 1.414 kamen neu - ein Verlust von 802 Einwohnern. Damit liegt der Landkreis im Trend. Insgesamt ist die Bevölkerung Ostdeutschlands seit der Wende von mehr als 16 Millionen auf 13,03 Millionen Ende 2008 geschrumpft.

Die Zukunftsprognose sieht schlecht aus: Schätzungen zufolge werden 2030 weniger als 63.000 Menschen in der Prignitz leben, der Anteil der erwerbsfähigen Bevölkerung - 15 bis unter 65 Jahre - wird sich von 67,4 Prozent im Jahr 2005 auf 49,9 Prozent im Jahr 2030 verringern.

"Wir hatten eine ganze Menge gut ausgebildeter Leute, die keine Arbeit fanden", sagt Hans Lange (CDU), seit 16 Jahren Landrat des Kreises. Die Fachkräfte hätten sich neue Stellen gesucht, etwa in Hamburg oder Berlin. "Wenn sie sicher waren, dass sie ihren Job behalten, haben sie ihre Familien nachgeholt. Und wenn gleich drei oder vier Personen auf einmal wegziehen, tut es richtig weh", erzählt der CDU-Politiker.

Verkauft und abgerissen

Die Einheit Deutschlands hatte in der Prignitz eben auch ihre Schattenseiten. Vor der Wende gab es einige große Unternehmen im Kreis, darunter das "Zellstoff- und Zellwollewerk Wittenberge" mit 2.300 Arbeitsplätzen.

"Das Zellwollewerk hat die Stadt schnell von der Treuhand gekauft und abgerissen. Der Standard dieses Chemiebetriebes war zu niedrig, es war klar, dass er nicht erhalten werden konnte", erinnert sich Edelgard Schimko, Leiterin des Geschäftsbereiches Wirtschaft, Bau und Kataster des Landkreises. Inzwischen habe die Stadt das Gelände zum Gewerbegebiet umgewandelt, etwa 40 Firmen hätten sich bereits angesiedelt, mehr als 1.000 Stellen seien entstanden.

Wie den Menschen in der Prignitz erging es vielen im Osten. Rund 8.500 Betriebe mit mehr als 4 Millionen Beschäftigten übernahm die Treuhand 1990 von der DDR. Nach der Entflechtung von Kombinaten stieg die Zahl auf mehr als 12.000 Firmen. Als die Treuhand Ende 1994 ihre Arbeit einstellte, waren noch 1,5 Millionen Arbeitsplätze geblieben, fast 4.000 Betriebe waren geschlossen oder standen kurz davor.

Die Menschen in der Prignitz versuchen gegenzusteuern. Landrat Lange hofft unter anderem auf den Hafen, der zur Zeit in Wittenberge gebaut wird. "Wir wollen uns als Hinterland von Hamburg positionieren, bald fahren die ersten Container zum Test die Elbe herunter zu uns", sagt er. Das insbesondere bei Umweltschützern umstrittene Projekt wird aus Mitteln des Konjunkturpaketes II finanziert.

Schulen und Unternehmen sind in den vergangenen Jahren aufeinander zugegangen, um Schulabgänger in der Region zu halten. Besonders aktiv ist die Freiherr-von-Rochow Oberschule in Pritzwalk. Die 400 Schüler lernen von der siebten bis zur zehnten Klasse in der Bildungsgesellschaft des Ortes und in Betrieben mehrere Berufe kennen, in der neunten und zehnten Klasse gehen sie einmal pro Woche in einem Betrieb arbeiten. Seit fünf Jahren gibt es das Projekt. "Mit der Resonanz sind wir zufrieden, vor den Sommerferien hatten 48 von 50 Schulabgängern eine Lehrstelle", berichtet Schulleiterin Gisa Michaelis. 43 Unternehmen beteiligen sich inzwischen. Doch die Situation hat sich verändert: "Am Anfang, vor fünf Jahren, mussten wir die Firmen bitten, mitzumachen. Heute kommen viele auf uns zu, weil sie händeringend Nachwuchs suchen."

Kultur und Natur

Aber nicht nur die Arbeit hält die Menschen, auch die Infrastruktur muss stimmen. Landrat Lange verweist stolz auf die Elblandfestspiele in Wittenberge, den Elberadweg und die Therme in Bad Wilsnack, die auch von vielen Berlinern besucht werde. Ein staatliches Theater aber gibt es nicht und nur wenige Kinos. Auch eine Zuganbindung, etwa nach Berlin und Hamburg, gibt es, von Wittenberge sogar mit dem ICE. Aber die Fahrt mit dem Regionalexpress dauert eben doch fast zwei Stunden. Und Ärzte gibt es zwar noch genug - im Jahr 2007 waren es 112, davon 56 Hausärzte -, aber ein Drittel von ihnen ist 50 bis 60 Jahre alt. Der Medizinernachwuchs bleibt aber lieber in den Ballungszentren. Bis auf weiteres wird es dort auch viele Prignitzer hinziehen.

Die Autorin ist freie Journalistin

Aus Politik und Zeitgeschichte

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