Inhalt

Götz Hausding
»Die eindrucksvollste Zeit«

ABGEORDNETE Als die Mauer fiel, begann ihre politische Karriere. Fünf Parlamentarier erinnern sich

Mit der Maueröffnung begann für viele Ostdeutsche ein neuer Lebensabschnitt. Reisefreiheit, Meinungsfreiheit - aber auch politisches Engagement ohne Gängelung, ohne Repressalien wurde möglich. Viele damalige DDR-Bürger nutzten die neu gewonnene politische Freiheit und beteiligten sich aktiv am Prozess des Wandels. Für einige dieser engagierten Ostdeutschen führte der Weg schließlich in den Bundestag.

Als sich in Berlin die Grenzen öffneten, tagte in Plauen der Stadtrat. Mit dabei war das Mitglied der Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands (LDPD), Joachim Günther. "Auf dieser Sitzung habe ich den Rücktritt des damaligen SED-Bürgermeisters gefordert", erinnert sich der heutige FDP-Abgeordnete. Später zuhause angekommen, nahm er sofort telefonisch den Kontakt zu den Liberalen in Bayern auf. "Zwei Tage später waren wir dann zu Gesprächen bei der FDP in Oberfranken." Für den damals 41-Jährigen lag in jenem Jahr 1989 die Wende "in der Luft". "Die offensichtlich gefälschte Kommunalwahl hatte schon viele Gemüter aufgerührt", erzählt Günter. Immer präsenter im Straßenbild wurden zudem die Gorbatschow-Anstecker. "Als ich im Sommer mit meiner Familie in Ungarn war, gab es schon ein paar Sekunden des Nachdenkens", räumt er ein. Nachdenken darüber, die DDR über die in Ungarn schon brüchigen Grenzen zu verlassen. Doch am Ende entschieden sich die Günthers zurückzukehren. "Es änderte sich schließlich zu Hause etwas. Dazu wollten wir mit ganzer Kraft beitragen."

Arnold Vaatz hoffte schon länger auf eine Veränderung im Land. Der heutige CDU-Abgeordnete erklärt seinen damaligen Optimismus mit der Amtsübernahme Gorbatschows. "Damit hatte sich an den Grundkonstanten etwas geändert", sagt Vaatz. Seien bis 1985 alle "emanzipatorischen Versuche am Rande des russischen Imperiums" durch den Machtwillen der sowjetischen Führung mit Gewalt zerschlagen worden, habe sich nun ein Rollenwechsel angedeutet: "Plötzlich kamen die auf Veränderung drängenden Kräfte aus Moskau." Dieser Druck, erwartete Vaatz, müsste zum Einlenken der SED-Oberen führen. Ernüchterung kehrte jedoch ein, als im Mai die Ergebnisse der Kommunalwahlen nachvollziehbar gefälscht wurden. "Das war die Botschaft: Ihr könnt wählen, was ihr wollt - es interessiert uns nicht", sagt er rückblickend. Dazu kamen die Glückwunschadressen der DDR-Führung an die chinesischen Genossen, die mit Gewalt gegen Demonstranten auf dem Platz des Himmlischen Friedens vorgegangen waren. Vaatz, der 1983 wegen Verweigerung des Reservewehrdienstes in Haft gesessen hatte, engagierte sich 1989 in kirchlichen Gruppen. Schon damals stellte er fest, dass die DDR-Opposition keine homogene Gruppe war. "Meine Haltung war niemals, das von links durch einen ,wahren Sozialismus' die Verhältnisse geändert werden sollten." Dennoch arbeitete er im Neuen Forum mit, weil "es galt, alle Kräfte zu bündeln, die den Status Quo in der DDR ablehnten. Die Frage, was wir stattdessen wollten war eher zweitrangig".

Neues Forum

Auch Marlies Volkmer, die jetzt für die SPD im Bundestag sitzt, hatte sich 1989 im Neuen Forum "umgesehen", aber schnell gemerkt: "Das ist nichts für mich." Zu "heterogen" waren die Ansichten, auch wenn Einigkeit darüber herrschte, was man nicht wollte. "Ich habe mir gedacht: Wenn Du wirklich etwas ändern willst, musst Du in eine Partei eintreten", erinnert sich Volkmer. Den gleichen Entschluss fasste auch Vaatz, der 1990 in die CDU eintrat - die einzige Partei, "die den Gedanken an die Wiedervereinigung nicht verteufelt hat". Für Volkmer kam hingegen nur die SPD in Frage, der sie sich im Januar 1990 anschloss. Im Gegensatz zu Vaatz war der Medizinerin der Gedanke an einen "dritten Weg" nicht so fern: "Es gab ein kleines Zeitfenster, in dem auch ich gedacht habe: Es gibt einen Weg, die DDR zu verändern."

Sozial und trotzdem frei

Auf einen solchen "dritten Weg" hoffte auch Katrin Göring-Eckardt, derzeitige Bundestagsvizepräsidentin und Abgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen. "Ich habe nicht zu denen gehört, die das Gefühl hatten, dass die alte Bundesrepublik das Paradies wäre", sagt sie. Göring-Eckardt, die sich schon als Teenager in der evangelischen Jungen Gemeinde politisch engagiert hat, erlebte den 9. November vor dem Fernseher. "Ich war über die Nachricht nicht erfreut - geradezu entsetzt, weil alle Vorstellungen über einen neuen, dritten Weg zumindest in Frage gestellt schienen. Als dann in den nächsten Tagen alle in den Westen gefahren sind, habe ich das bewusst nicht gemacht", erinnert sie sich. "Im Nachhinein und mit Vernunft betrachtet" habe es aber einen solchen Weg nicht gegeben, räumt sie ein. Und dennoch: "Ich war damals Anfang 20 und die Idee einen eigenen Staat zu entwickeln und sich darüber Gedanken zu machen, wie der sozial und trotzdem frei sein kann, war schon sehr spannend."

"Für mich war schon bei Grenzöffnung im Herbst klar, dass es ein gemeinsames Deutschland geben wird", macht Barbara Höll, heutige Abgeordnete der Linksfraktion, deutlich: "Als die Mauer gefallen war, waren die Versuche einer eigenständigen Entwicklung gescheitert." Höll war im Herbst 1989 SED-Mitglied und als Vertreterin des Demokratischen Frauenbundes (DFD) Abgeordnete in einem Stadtbezirksparlament in Leipzig. Hat sie die Wende als Niederlage empfunden? "Mir war klar: Es ist zu Ende mit der DDR. Ich hatte dann schon sehr große Befürchtungen wie es weitergehen wird mit der Arbeitslosigkeit, wie mit der Rolle der Frau und wie mit dem Paragraf 218", erzählt sie und betont: "Der Kapitalismus war nicht die von mir gewünschte Welt. Dazu waren mir die Widersprüche, die im System vorhanden sind, zu deutlich." Höll engagierte sich für Frauenrechte, wurde 1989 in den Bundesvorstand des DFD gewählt und gelangte über die offene Liste der PDS 1990 in den ersten gesamtdeutschen Bundestag.

Doch ob nun auf der Suche nach dem dritten Weg oder der Wiedervereinigung - für die fünf Politiker aus dem Osten begann mit der Wende die politische Karriere. Und Marlis Volkmer wird nicht alleine stehen, wenn sie über den Herbst 1989 sagt: "Das war die eindrucksvollste Zeit in meinem Leben. Wenn ich heute daran denke, bekomme ich oft noch eine Gänsehaut."

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag