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Dominic Johnson
Vom Bürgerkriegs- zum Ölboomland

ANGOLA Nach mehr als 40 Jahren Krieg ist das Land zu einer Regionalmacht geworden - und zum Gegenspieler Südafrikas

Angola nimmt in Afrika eine Sonderstellung ein. Kein anderes Land auf dem Kontinent erlitt so lange Krieg, bis eine stabile Nachkolonialordnung etabliert war - zwischen den ersten Guerillaangriffen auf die portugiesische Kolonialherrschaft 1961 und dem Ende des angolanischen Bürgerkrieges durch den Tod des Rebellenführers Jonas Savimbi 2002 vergingen über 40 Jahre. Und Angolas Krieg zog mehr internationale Einmischung mit sich als jeder andere in Afrika: Südafrikanische und kubanische Truppen bekämpften einander auf angolanischem Gebiet, für die Supermächte USA und Sowjetunion war Angola ein heißer Frontstaat des Kalten Krieges. Was in Angola geschah, hatte damals weltpolitische Bedeutung. Daraus speist sich das angolanische Selbstbewusstsein heute, wonach das Land eine führende Rolle auf dem Kontinent zu spielen hat.

Osten gegen Westen

1975, als das portugiesische Kolonialreich zerfiel, zerfiel auch Angola. In der Hauptstadt Luanda rief die kommunistische Guerillabewegung MPLA (Volksbewegung für die Befreiung Angolas) die Unabhängigkeit aus, in der südlichen Stadt Huambo bildeten die gegen die MPLA kämpfenden Rebellenbewegungen Unita (Union für die Totale Unabhängigkeit Angolas) und FNLA (Nationale Befreiungsfront Angolas) eine eigene Regierung. Die MPLA wurde vom Osten unterstützt, maßgeblich mit kubanischen Truppen, die Unita und FNLA vom Westen - mit als wichtigsten Bündnispartnern - das Apartheidregime in Südafrika und Diktator Mobutu Sese Seko im benachbarten Zaire. In den folgenden fünfzehn Jahren sollten Soldaten aus Südafrika und Kuba mehrmals direkt gegeneinander Krieg in Angola führen.

Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts, dem Zusammenbruch der Apartheid und einer Reihe UN-vermittelter Friedensabkommen für Angola zogen sich die außerafrikanischen Mächte weitgehend zurück. Der Bürgerkrieg zwischen MPLA und Unita ging jedoch weiter, blutiger als je zuvor, bis zum Tod des Unita-Führers Jonas Savimbi am 22. Februar 2002 bei einem gezielten Attentat im Busch. In dieser letzten Kriegsphase wollte das weiße Establishment Südafrikas der Unita zum Sieg verhelfen, um nach seinem Machtverlust eine neue pro-westliche Basis in der Region aufzubauen. Mobutus Zaire wurde zum wichtigsten Transitpunkt für den illegalen Transit von Waffen für die Unita im Gegenzug für angolanische Diamanten. Die heutige MPLA-Regierung unter Präsident José Eduardo dos Santos, der seit 1979 regiert, musste sich vor allem gegen Kräfte aus Südafrika und gegen das frühere Zaire (heute Demokratische Republik Kongo, DR Kongo) behaupten, um Angolas "Vierzigjährigen Krieg" zu gewinnen.

Diese Feindkonstellation bestimmt Angolas Außenpolitik bis heute. Südafrika gilt trotz seiner ANC-Regierung als Rivale, nicht als Freund. Kongo gilt als Instabilitätsfaktor, den man militärisch unter Kontrolle halten muss. 1996/97 half Angolas Armee maßgeblich beim Sturz des zairischen Diktators Mobutu durch die Rebellenkoalition von Laurent-Desiré Kabila. 1998 rettete Angolas Militär im Kongo Kabila erneut vor dem Sturz durch Rebellen. Im Herbst 1997 sorgte eine angolanische Militärintervention für den Erfolg eines gewaltsamen Umsturzes im benachbarten Kongo-Brazzaville. All diese Interventionen hatten das Ziel, mögliche Rückzugsgebiete der Unita zu zerschlagen. Inzwischen ist die Unita als militärische Bewegung Geschichte, aber weiterhin regieren in Kinshasa und Brazzaville mit Joseph Kabila und Denis Sassou-Nguesso Präsidenten, die ihr Amt dem Eingreifen Angolas verdanken. Bis heute bildet Angola Teile der Armee und Polizei der DR Kongo aus, und als im Oktober 2008 der Krieg gegen Rebellen im Ostkongo seinen Höhepunkt erreichte, wurden dort angolanische Berater gesichtet. Mehrfach hat Angolas Militär grenznahe Ortschaften im Kongo besetzt und die in den Diamantengebieten schlecht markierte Grenze zu seinen Gunsten verändert. Heute ist Angola zum größten Ölförderer Afrikas südlich der Sahara aufgestiegen, und die boomende Hauptstadt Luanda ist der Business-Magnet der Region. Mit einer fünfmal kleineren Bevölkerung als die DR Kongo erwirtschaftet Angola ein achtmal höheres Bruttosozialprodukt und ist zur drittgrößten Volkswirtschaft Afrikas südlich der Sahara hinter Südafrika und Nigeria aufgestiegen. Die weiteren Wachstumsaussichten sind hervorragend.

Die althergebrachte Rivalität mit Südafrika wandelt sich damit von einer militärischen zu einer geschäftlichen. Ein Besuch des neuen südafrikanischen Präsidenten Jacob Zuma in Angola Ende August - sein erster offizieller Staatsbesuch als Präsident - konnte Differenzen über die äußerst restriktive angolanische Visapolitik nicht ausräumen. Die Devise scheint nun zu sein, sich aus dem Weg zu gehen: Im Vorfeld des letzten Gipfels der Entwicklungsgemeinschaft Südliches Afrika SADC in Kinshasa im September soll es laut südafrikanischen Kreisen eine informelle Absprache gegeben haben, wonach die beiden Länder sich zukünftig mit ihren regionalen Hegemonieansprüchen gegenseitig in Ruhe lassen.

Ob sich das auch in der Praxis durchsetzt, muss sich erst noch zeigen. Möglicherweise sind sowohl Südafrika als auch Angola zu ambitioniert, um ihren regionalen Einfluss freiwillig zu beschränken. Aber immerhin ist Angola zum ebenbürtigen Gegenspieler Südafrikas aufgestiegen, zur Ordnungsmacht in Zentralafrika und zum Wirtschaftsmagneten der Region. Keine schlechte Bilanz nach 41 Jahren Krieg und sieben Jahren Frieden. Dominic Johnson

Der Autor ist Afrika-Redakteur der taz.

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