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Dagmar Wittek
Yes, we can WM

FUSSBALL Die Meisterschaft kostet Milliarden und soll Afrika Anerkennung bescheren

Männer mit überdimensionierten grün-gelb geringelten Sonnenbrillen und kunstvoll umgestalteten Grubenhelmen aus Plastik, auf denen Hörner, Glöckchen und Hupen thronen, Frauen in grün-gelben T-Shirts. Bei diesem Anblick ist in Südafrika klar: Es ist Zeit für Fußball. Zu überhören sind wichtige Spiele nicht: Stets wird in die "Vuvuzelas" gepustet, etwa einen Meter lange Plastiktrompeten, die wie trötende Elefanten klingen. Fest steht jetzt schon, dass die erste Fußball-WM auf afrikanischem Boden bestimmt die Lauteste wird.

Denn laut sein und Feiern gehören in Südafrikas Stadien einfach dazu, ganz nach dem afrikanischen Sprichwort: "Der Affe wird durch viel Krach erlegt." Südafrika ist eine Fußballnation. In den Townships rund um Johannesburg, Kapstadt und Durban, Südafrikas größten Städten, läuft ab Samstagnachmittag Fußball im Fernsehen, auf den Sandplätzen wird gekickt.

Einen Platz, etwas Ballartiges und ein paar Jungs - mehr braucht es in Afrika nicht, um eine ordentliche Runde Fußball zu spielen. Das geht selbst mit einem aus Plastiktüten und Wollfäden selbstgemachten Ball im Norden von Mosambik. Dass im nächsten Jahr die Fußball-WM in Südafrika stattfindet, weiß in dem verarmten Land jedes Kind. "Oliver Kahn, Beckham und Ronaldhino", zählt der 9-jährige José stolz auf. Das sind seine Helden. Darüber hinaus geht das Wissen des Dreikäsehoch aber nicht, denn insgesamt kommt 1.500 Kilometer von Südafrika entfernt wenig vom WM-2010-Fieber an. Auf der Isla de Moçambique, einer dem Festland vorgelagerten winzigen Insel, gibt es nur wenige Fernseher - wenn gerade kein Stromausfall ist, dann wird am Abend einer mitten auf die Staubpiste gestellt: Public Viewing auf mosambikanisch.

José träumt noch davon, eines Tages beim Kicken am Strand entdeckt zu werden. Für Pedro und Antonio Jamba in Angola ist der Traum vom Entdecktwerden hingegen ausgeträumt. Trotzdem ist Fußball für die beiden Ex-Soldaten ein Rettungsanker. Pedro sitzt zwischen zwei Holzpfosten, die das Tor markieren, und schraubt an seinem Bein herum. Er trägt eine Prothese, weil er genauso wie Trainer Antonio ein Bein durch eine Landmine in dem fast 30-jährigen Bürgerkrieg verloren hat. "Ich war mal richtig gut", sagt Pedro. "Ich konnte das nicht mehr aushalten, Fußball nur im Fernsehen zu sehen. Ich wollte wieder spielen." Sein Trainer hofft, dass die erste WM in Afrika und der Afrika-Cup, der kurz vorher in Angola stattfindet, dazu führen, dass auch sie mehr finanzielle Unterstützung bekommen.

In Namibia macht man sich dagegen inzwischen nichts mehr vor. Die WM ist um die Ecke und bislang zeichnet sich nicht ab, dass die Nachbarländer ein Stück vom Kuchen abbekommen, klagt der Generalsekretär des Namibischen Fußballverbands Barry Rukoro: "Sie (das südafrikanische Organisationskomitee) sagen zwar, dass es eine afrikanische WM sein wird, so dass wir alle davon profitieren, aber bislang haben wir davon noch nichts zu spüren bekommen." Auch die Marketingchefin des namibischen Tourismusverbands, Shareen Thude, bleibt realistisch: "Wir hatten in der Vergangenheit schon tolle Großveranstaltungen wie die Rugby-WM oder den Gipfel für nachhaltige Entwicklung in Südafrika - und jedes Mal kommen große Versprechen, welche Chance das für die Region sei. Dann investiert man hier und bereitet sich vor und nie gehen die Hoffnungen in Erfüllung. Ich glaube, dass es dieses Mal nicht anders sein wird."

Doch in Südafrika beharrt das Organisationskomitee darauf: Die Fußball WM, die erste auf dem Kontinent, wird eine afrikanische. Cheforganisator Danny Jordaan wiederholt mantraartig, wie bemüht die Fifa sei, Fußball auf dem Kontinent zu unterstützen. Das beginne mit Talentförderung und gehe bis zu der aufwändigen Verbesserung der Stadien.

Dass die erste Fußball-WM in Afrika nicht Geldberge generieren wird, sondern allein Südafrika ein Vermögen kostet, ist allen inzwischen klar.

Aber sie schafft etwas viel Wertvolleres: Das Gefühl, vom Rest der Welt anerkannt zu werden, indem so ein Weltereignis wie die Fußball-WM hier stattfindet. Das lässt die Brust vieler Afrikaner schwellen. Und nach dem letztlich sehr erfolgreichen Testläufer, dem Confederations Cup im Juni, ist die Vorfreude auf die WM groß. "Yes we can", das Fazit der Südafrikaner nach dem Confed-Cup, färbt insofern auch ein bisschen auf die anderen afrikanischen Länder ab. Und das kann Afrika nur gut tun.

Die Autorin war ARD-Hörfunkkorrespondentin

für das südliche Afrika und lebt zur Zeit als

freie Journalistin in Johannesburg.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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