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VOR 20 JAHREN ...
Benjamin Stahl
Untergang der Spitzel

15. Januar 1990: Sturm auf Stasi-Zentrale

Berlin, Normannenstraße. Gegen 17 Uhr kletterten die ersten Demonstranten über die Tore des Stasi-Hauptquartiers. Etwa 50.000 Menschen waren am Nachmittag des 15. Januar 1990 zu dem Gebäude gekommen. Einige brachten Steine mit, um symbolisch dessen Tore zuzumauern. Doch unter dem Druck der Demonstranten wurden die Tore von innen geöffnet. Die Menge stürmte die Zentrale. Kurz darauf flogen Stühle, Akten und Bilder aus den Fenstern. Eine Stunde lang gab es tumultartige Szenen. Dann konnte DDR-Regierungschef Hans Modrow die Demonstranten dazu bewegen, die Stasi-Zentrale wieder zu verlassen.

Die Bürgerbewegung "Neues Forum" hatte zu der Demonstration gegen die Spitzelbehörde aufgerufen. Man befürchtete, dass Modrow die Stasi nicht wie angekündigt auflösen, sondern nur umbenennen wollte: Im Dezember 1989 wurde das Ministerium für Staatssicherheit in Amt für Nationale Sicherheit (AfNS) umgetauft. Während in anderen Städten AfNS-Außenstellen bereits besetzt wurden, konnte die Berliner Zentrale unbehelligt weiterarbeiten.

Schon bald kursierten Gerüchte, die Staatssicherheit selbst habe bei der Erstürmung ihre Finger im Spiel gehabt. Die Demonstranten sollen nur in wenig sensible Teile des Gebäudekomplexes dirigiert worden sein, sodass die Stasi-Mitarbeiter Zeit hatten, brisante Unterlagen zu vernichten. Die genauen Umstände der Erstürmung sind bis heute nicht geklärt. Sicher ist nur: Das Ereignis markiert den Niedergang des Spitzelapparats und damit den Verlust der Machtbasis der SED. Im März 1990 stellte das AfNS seine Tätigkeit ein.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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