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Jürgen Schön
Partnerschaft fürs Büffeln

kooperation Mit Geld von Privatfirmen werden öffentliche Einrichtungen saniert

Wollen Sie eine neue Schule?" So oder so ähnlich, erinnert sich Helmut Fisbach, lautete der Anruf, der ihn im Sommer 2003 überraschte. Und ob der Konrektor wollte. Denn "seine" Realschule in Köln-Dellbrück, war "total marode": Die Heizung funktionierte nicht, die Möbel waren "sehr alt", Fenster undicht, die Toiletten schreckten vom Gebrauch ab, Feuchtigkeit drang durch die Wände, Farbe blätterte ab. Kurz: "Alles sah schrecklich aus." Und das Wunder geschah: Konrektor Fisbach bekam eine neue Schule. 2005 begann die Sanierung, 2007 war sie beendet.

Am anderen Ende der Telefonleitung war die Gebäudewirtschaft, ein Eigenbetrieb der Stadt, der für die Bewirtschaftung und den Erhalt städtischer Gebäude und deren Neubau in Köln zuständig ist. Zwei Fakten hatten zum Anruf geführt. Zum einen hatte die nordrhein-westfälische Landesregierung im Jahr 2002 die Schulförderung umgestellt. Bis dahin gab es eine Projektförderung, "wobei die Anträge in Düsseldorf im politischen Klüngel genehmigt wurden", erinnert sich Engelbert Rummel, Chef der Gebäudewirtschaft. Außerdem musste die Stadt noch einen Eigenanteil zahlen. Nun erhielten die Kommunen pro Schüler und Jahr 170 Euro, die sie in eigener Verantwortung für Unterhalt, Neubau, Sanierungen und Erweiterungen ausgeben können. Für Köln sind dies seitdem jährlich rund 25 Millionen Euro gegenüber fünf Millionen nach dem früheren System. Den Nachholbedarf für Sanierung und Neubau von Schulen schätzt Rummel auf 500 Millionen Euro.

Beliebtes Finanzierungsmodell

Zweiter Fakt war das Finanzierungsmodell "Public-Private-Partnership", das just zu der Zeit des Systemwechsels immer populärer wurde. Die Kölner machten aus der gängigen Abkürzung PPP sofort ein "ÖPP": Öffentlich-Private-Partnerschaft. Dabei wird ein öffentliches Gebäude an eine Privatfirma als "Träger" vermietet, die dann für Sanierung, Unterhalt und Erhalt verantwortlich ist. Die Stadt - in diesem Fall - "mietet" es anschließend für einen bestimmten Zeitraum zurück. In Köln laufen die Verträge über 25 Jahre. "Für uns ein rundum sorglos Paket", freut sich Rummel. Anders als bei anderen umstrittenen Modellen bleibt das Gebäude im Eigentum der Stadt.

2003 hatte der Rat der Stadt beschlossen, in das PPP-Geschäft einzusteigen. Zunächst wurden sieben Schulen mit einem Gesamtvolumen von 125 Millionen Euro europaweit ausgeschrieben - das in diesem Umfang deutschlandweit erste Projekt. Fast 40 Schulen stehen noch auf einer "Warteliste". "Allein aufgrund fehlenden Personals wie Bauingenieuren ist die Stadt nicht in der Lage, diese Aufgabe abzuarbeiten", gibt Rummel zu. Die Ausschreibungen umfassen in der Regel nicht nur Baumaßnahmen, sondern auch den technischen Betrieb einschließlich Heizung - überall werden neue, energiesparende Anlagen eingebaut - und Reinigung, dazu einen Hausmeister.

Im ersten Ausschreibungslos, zu dem auch die Dellbrücker Realschule gehörte, ging der Zuschlag für sieben Schulen an die Hochtief PPP Solutions GmbH, ein Tochterunternehmen des Essener Bauunternehmens Hochtief Concessions AG. Insgesamt 13 Gebäude mit einer Gesamtfläche von 45.000 Quadratmetern, dazu 72.000 Quadratmeter Außenfläche, galt es zu sanieren. Das Gesamtvolumen betrug 125 Millionen Euro. 2005 begannen die Arbeiten, nach 21 Monaten waren sie beendet. Mehr als 4.000 Schülerinnen und Schüler sowie deren Lehrer und Lehrerinnen können sich seitdem über eine "neue" Schule freuen. Darüberhinaus wurde im Stadtteil Rodenkirchen eine ganz neue Gesamtschule gebaut. Als ihr Glanzstück sieht Firmensprecher Andreas Steiner eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach und eine Geothermie-Anlage mit Wärmepumpe, um das Gebäude im Winter zu heizen und im Sommer zu kühlen. Vor der Ausschreibung gab es eine gründliche Inventur der Schulen durch die Stadt. "Ich habe noch nie so viele Fachleute hier gesehen", beschreibt Fisbach das Vorgehen an seiner Schule. "Die achteten auf jede Kleinigkeit. Dabei wurde sogar festgestellt, dass Lichtschalter eingebaut waren, die eigentlich nicht mehr erlaubt waren."

Als Ursula Keppeler, Fisbachs Kollegin und Rektorin der Realschule am Dellbrücker Mauspfad diese vor der Sanierung sah, war auch sie entsetzt: "Die konnte man eigentlich nur noch abreißen." Doch Umbau und Modernisierung standen schon fest. Trotzdem war die Rektorin skeptisch, ob das alles so gut gehen konnte. Besonders, als sie im Sommer 2005 auf glatten Brettern über tiefe Pfützen zu den ersten Containern balancieren musste: "Das gibt nie und nimmer was!" Doch die Skepsis wich schnell, und noch heute erzählt sie begeistert, wie schnell und reibungslos alles ging: Sukzessive wurde Trakt für Trakt renoviert. Zuerst zog die Verwaltung in die Container, bis ihre Räume fertig waren. Dann folgten nacheinander die einzelnen Klassen einschließlich die der Hauptschule, die ebenfalls in dem Gebäude untergebracht ist. Insgesamt rund 700 Kinder und Jugendliche in 33 Klassen wurden so zu temporären Nomaden.

"Natürlich gab es während der Bauzeit ein paar Einschränkungen", erzählt die Rektorin. "Einmal mussten wir die Schule für einen Tag schließen, weil es Komplikationen mit der Elektrik gab. Der Schulhof war Lagerfläche für Baumaterialien und fast jede Woche mussten sich die Kinder an einen neuen Zaun gewöhnen." Aber statt zu spielen, konnten sie die Bauarbeiten als interessantes Beispiel der Arbeitswelt verfolgen. So schlimm war es also nicht, und Ursula Keppeler ist dann auch voll des Lobes: Lärmintensive Arbeiten wurden aufs Wochenende verlegt, die Farbe für Innen- und Außenanstrich bestimmte die Schulleitung, das Verlegen von Leitungen wurde mit ihnen abgesprochen. Während des Baus konnten sie sogar eigene Vorschläge einbringen: So wurden zwei Keller, die bis dahin als Sammellager für ausrangierte Schulmöbel dienten, zu Unterrichtsräumen umgebaut. Damit sie durch Tageslicht erhellt werden, wurde davor ein kleines Atrium ausgegraben. Und weil es so in der Ausschreibung stand, ist die Schule dank Rampen und eines Aufzugs jetzt auch für Rollstuhlfahrer barrierefrei. Das gilt auch für die Toiletten.

Während die an vielen anderen Schulen ein Problemfall sind, präsentieren sie sich hier sauber und gepflegt, Seife und Toilettenpapier liegen stets ausreichend bereit. Dafür sorgt ein von der Schülermitverwaltung (SV) organisierter Toilettendienst. Jeder Schüler zahlt im Jahr fünf Euro. Die eine Hälfte des Gesamtbetrags erhält die SV für ihre Aufgaben, die andere wird als "Anerkennung für ihr Ehrenamt" an die Schüler und Schülerinnen verteilt, die zu den Pausen den "Schließdienst" besorgen und allein durch ihre Anwesenheit im Vorraum dafür sorgen, dass keiner der Nutzer über die Stränge schlägt. Putzen gehört allerdings nicht zu ihren Aufgaben.

"Was war früher eine Bürokratie nötig, ehe zum Beispiel ein zerbrochenes Fenster repariert wurde. Das konnte schon mal zwei Wochen dauern", denkt Fisbach mit Schrecken an alte Zeiten zurück, "heute geht das alles ruckzuck." Da dürften andere Schulen in Köln neidisch sein. Der neue Hausmeister hat sogar Zeitvorgaben, innerhalb derer bestimmte Schäden beseitigt werden müssen. Für größere Probleme gibt es eine Hotline zwischen der Stadt und dem Unternehmen Hochtief.

Neuer Hausmeister

Auch die Hausmeisterstelle war Teil der Ausschreibung. Hochtief beauftragte damit ein mittelständisches "Facility-Management"-Unternehmen, wie auf Neudeutsch dieser Geschäftszweig heißt, der sich mit der Bewirtschaftung und Verwaltung von Gebäuden befasst. Albert Prost macht der Job als Hausmeister sichtlich Spaß. Zu seinen Aufgaben gehören unter anderem Instandhaltung, Reinigung und Pflege der Außenanlagen, Verkehrssicherungspflicht, Winterdienst und Energiemanagement. "Die neue Heizung verbraucht ein Drittel weniger Energie als die alte", ist er stolz. Der gelernte Elektriker hat hier mit seinen jetzt 63 Jahren einen neuen Job gefunden.

Die Gebäude machen einen gepflegten Eindruck. Graffiti sind nirgends zu sehen. Die Rektorin und ihr Vize sind überzeugt: "Wenn etwas ordentlich und sauber ist, fällt es auch den Schülern leichter, dies beizubehalten." Die schnelle Beseitigung von Schäden trage sicherlich dazu bei. Natürlich müsse dies auch durch pädagogische Maßnahmen begleitet werden. Die haben wohl Erfolg: Weil der "Etat zur Beseitigung von Vandalismusschäden" 2009 nicht ausgeschöpft werden musste, gab es vom Träger für die Schule einen Scheck über 2.000 Euro. Dass auch ein neues Unterrichtsmodell Zerstörung und Verschmutzung verhindert, räumt Keppeler ein. Statt der traditionellen Klassenräume, die von wechselnden Lehrern besucht werden, gibt es jetzt "Lehrerklassen": Jeder Lehrer hat sein eigenes Klassenzimmer, die Schüler müssen von Raum zu Raum wandern. Sie können die Wände zum Beispiel mit eigenen Bildern schmücken, aber der "Hausherr" hat die dauernde Kontrolle über Ordnung und Sauberkeit. Da es fast ausschließlich Doppelstunden gibt, entfallen auch die unbeabsichtigten Kurzpausen.

Zur Neu-Eröffnung ließ sich dann auch die Stadt nicht lumpen: Es gab neue Möbel, neue Geräte für die Physik- und Chemieklassen. Und Fisbach freut sich jetzt jeden Tag, dass sein Büro kein düsterer Raum mehr ist, sondern dass er jetzt jeden Tag durch ein großes Fenster auf Bäume blicken kann.

Jürgen Schön ist freier Journalist in Köln.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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