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Stefan Weber
Zackige Verbindung

Bundeswehr Baukonzern betreibt Unterkunft für 1.600 Soldaten in München - Vertrag läuft über 20 Jahre - Großes Privatisierungspotenzial

Das Vertragswerk zwischen dem Verteidigungsministerium und dem Baukonzern Hochtief füllt stolze 40 Din-A4-Ordner. Schon diese Flut an Papier lässt ahnen, dass es sich bei dem Betrieb der Fürst-Wrede-Kaserne in München um eine außergewöhnliche Verbindung zwischen öffentlichen und privaten Partnern handelt. Der militärische Stützpunkt im Münchener Norden ist das erste Hochbauprojekt, das der Bund gemeinsam mit einem privaten Unternehmen betreibt.

Projekte zusammengefasst

Der größte deutsche Baukonzern wird die bis 1969 von den amerikanischen Streitkräften genutzte Kaserne in den nächsten 20 Jahren betreiben. Dabei geht es nicht nur um Hausmeister- und Reinigungsdienste auf dem 31,5 Hektar großen Gelände. "Wir kümmern uns auch um die Möblierung und Bewachung der Anlagen", sagt Bernward Kulle, Sprecher der Geschäftsführung von Hochtief PPP Solutions. In dieser Tochterfirma hat die Essener Hochtief Conessions AG, zu deren Vorstandsmitgliedern auch Kulle gehört, sämtliche gemeinsam mit öffentlichen Partnern betriebenen Projekte zusammengefasst. Bisher ging es dabei vornehmlich um den Bau und Betrieb von Straßen oder Schulen. Auch zwei Rathäuser und ein Bürgerzentrum sind dabei. Aber eine Kaserne war für das stark international ausgerichtete Unternehmen zunächst Neuland.

Beim Fuhrparkmanagement, dem Bekleidungswesen und der Bereitstellung von Informationstechnologie arbeitet die Bundeswehr bereits seit einiger Zeit mit privaten Unternehmen zusammen. Aber die erste Privatisierung einer Kaserne ließ lange auf sich warten.

"Zwischen der ersten Ausschreibung für die Fürst-Wrede-Kaserne und der Auftragsvergabe sind fast drei Jahre vergangen", erinnert sich Sandra Arendt, Sprecherin der Geschäftsleitung Öffentlicher Hochbau bei Hochtief PPP Solutions. Danach ging es vergleichsweise zügig voran: Nach der Grundsteinlegung im Oktober 2008 war die Sanierung der Kaserne im Herbst 2009 abgeschlossen.

In der Zeit dazwischen gab es für den privaten Betreiber viel zu tun. Der größte Teil der 37 Gebäude, in denen früher 550 Soldaten untergebracht waren, künftig jedoch 1.600 Menschen arbeiten sollen, stammte aus den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Die Bausubstanz war nach Auskunft von Kulle "nur teilweise in einem erhaltungsfähigen Zustand." Knapp 57 Millionen Euro wurden in das Projekt investiert. Der Bund refinanziert diese Summe, ebenso wie den Betrieb der Kaserne, mit festen monatlichen Zahlungen an den privaten Partner. "Das ist preiswerter als eine Eigenlösung der öffentlichen Hand", sagt Alice Greyer-Wieninger vom Verteidigungsministerium. Sie verweist auf eine Untersuchung der zum Ministerium gehörenden Gesellschaft für Entwicklung, Beschaffung und Betrieb (gebb). Danach besitzt die Partnerschaft einen Kostenvorteil von etwa 17 Prozent.

Keine Privatisierungswelle

Dennoch: Die Fürst-Wrede-Kaserne ist nach Einschätzung von Kulle und Arendt keineswegs der Auftakt einer Privatisierungswelle in der Wehrverwaltung. Sie verweisen auf die Kasernen in Mainz und Pöcking am Starnberger See, deren Privatisierung schon lange angekündigt worden sei. Tatsächlich habe es bis heute jedoch nicht einmal eine Ausschreibung für diese Projekte gegeben. Möglicherweise kommt durch den Regierungswechsel bald "ein wenig Schwung" in das Thema, hofft Kulle. Nach seiner Einschätzung macht der private Betrieb einer Kaserne vor allem Sinn, wenn mehrere Objekte gebündelt werden.

Das Potenzial ist riesig: Die Bundeswehr verfügt nach eigenen Angaben über 2.500 Liegenschaften mit einer Grundstücksfläche von etwa 320.000 Hektar. Der Investitionsstau in den Gebäuden ist gewaltig. Fachleute beziffern ihn auf mehrere Milliarden Euro.

Im Rahmen eines von der gebb initiierten Ideenwettbewerbs hat der Essener Baukonzern ein PPP-Modell für 140 Bundeswehr-Standorte entwickelt und dabei bei den Bewirtschaftungskosten ein Sparpotenzial von 30 Prozent errechnet. Gleichwohl stellt sich Arendt darauf ein, dass dieses Thema viel Geduld erfordert. "Wenn ein privates Unternehmen eine Kaserne betreibt, geht es auch um Personalfragen. Denn die Bundeswehr ist ein großer Arbeitgeber", sagt sie.

Nicht ausgeschlossen ist dagegen, dass Hochtief bald mit der britischen Armee ins Geschäft kommt. Denn die Streitkräfte von der Insel prüfen für ihre deutschen Standorte eine Partnerschaft mit privaten Unternehmen. In Großbritannien ist es längst üblich, dass Kasernen auch von Privaten betrieben werden.

Der Autor ist Wirtschaftskorrespondent

der Süddeutschen Zeitung in Düsseldorf.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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