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Jürgen Schön
Die Wohltäter

STIFTUNGEN Sie tun viel fürs gesellschaftliche Leben, meiden aber öffentliche Aufgaben

Gebannt verfolgen die Kinder die Späße des Pantomimen. Ein willkommener Ferienspaß im Kölner Stadtgarten, möglich gemacht von der Stiftung Kultur der Stadtsparkasse KölnBonn. Seit 1992 organisiert das Kreditinstitut das Festival "Kölner Sommer" und trägt auch den Großteil des 200.000-Euro-Etats. Unterstützt von der Imhoff-Stiftung, einer Gründung des ehemaligen Schoko-Fabrikanten Hans Imhoff. Gut 50 Veranstaltungen für Jung und Alt stehen auf dem Programm: Musik, Akrobatik, Yoga, Theater. Natürlich überall: Eintritt frei.

Ohne Stiftungen wäre Kölns kulturelles, soziales, schulisches und politisches Leben erheblich ärmer - nicht nur der "Kölner Sommer" ist von ihnen abhängig. Schon Kölns erste Universität, 1388 gegründet, war nicht ohne Stiftungen denkbar. Mehr als 220 Stiftungen förderten die Hochschule zeitweise. Sie zahlten Lehrmittel oder unterstützten mittellose Studenten. An diese Tradition knüpfen seit dem 19. Jahrhundert mehr als 250 Einzelstiftungen an, vereint im Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds - bundesweit eine einmalige Einrichtung.

300 Stiftungen in Köln

Fast 300 selbstständige Stiftungen haben ihren Sitz in Köln. Viele arbeiten bundesweit wie die Thyssen-Stiftung, die Forschung und Wissenschaft fördert. In ganz Deutschland gab es Ende 2008 nach Zahlen des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen 16.406 dieser Einrichtungen, gut 1.000 davon wurden in nur einem Jahr errichtet. Den Stiftungsboom haben Reformen von 2000, 2002 und 2007 gefördert: Gesetzliche Voraussetzungen wurden vereinheitlicht, rechtliche Rahmen- bedingungen zur Gemeinnützigkeit vereinfacht. Seither können höhere Beträge leichter von der Steuer abgesetzt werden.

Jede dritte deutsche Stiftung fördert soziale Projekte, eine der bekanntesten ist wohl die Augsburger Fuggerei, eine Sozialsiedlung, die schon 1514 von der einflussreichen Handelsfamilie gegründet wurde. Wissenschaft und Bildung folgen als Stiftungszweck dicht auf. 14 Prozent widmen sich Kunst und Kultur. Umweltschutz erfreut sich zunehmender Beliebtheit.

"Nur wenige widmen sich der Völkerverständigung", bedauert Anke Pätsch vom Bundesverband Deutscher Stiftungen in Berlin. Zu den Ausnahmen gehört die Kölner Bilz-Stiftung. Als Fritz Bilz den Nachlass seiner Mutter ordnete, fand er Sparbücher und Goldmünzen, damals eine halbe Million DM wert. "Unser Häuschen war bezahlt, meine Frau und ich verdienten gut - was also sollten wir mit dem Geld tun? Essen konnten wir es nicht", lacht der Historiker. 1998 gründete das Ehepaar die Bilz-Stiftung, die lokale und regionale Initiativen auszeichnet, die sich gegen Rassismus, Fremdenhass und Sexismus einsetzen. Der Bilz-Preis ist in der Regel mit 5.000 Euro dotiert. "Durch Stiftungen wird die Zivilgesellschaft mit einer eigenen Kapitaldecke ausgestattet. So kann sie ihre Ziele unabhängiger von Staat und Wirtschaft verfolgen. Stiftungen sind zum starken Arm der Zivilgesellschaft geworden", sagt Hans Fleisch, Generalsekretär des Bundesverbandes.

Eine selbstständige gemeinnützige Stiftung in unterschiedlicher Rechtsform gründen kann jeder. Ein Mindestkapital ist nicht vorgeschrieben, es sollte aber hoch genug sein, dass nach Abzug von Verwaltungskosten genug Zinserlöse für den festgelegten Zweck übrig bleiben. Allgemein gelten 50.000 Euro als Untergrenze. Wer schon zu Lebzeiten stiftet, kann das steuermindernd geltend machen. Wer aber meint, er könne so ungeliebte Erben um ihren Pflichtteil bringen, sollte dies zehn Jahre vor seinem Tod tun, so lange können Verwandten ihr Erbe einklagen. Stiftungen sind "auf Dauer" angelegt, eine Auflösung ist nur in Ausnahmefällen möglich, etwa, wenn die Grundlagen für den Stiftungszweck entfallen sind. Die Entscheidung darüber fällt die Aufsichtsbehörde, die auch die Gründung einer Stiftung anerkennt. Darüber hinaus kontrolliert sie jährlich, ob der Satzungszweck ordnungsgemäß erfüllt wird. Dafür muss regelmäßig ein Rechenschaftsbericht vorgelegt werden. Bei der Stiftungserrichtung beraten kommunale Stellen oder der Bundesverband Deutscher Stiftungen kostenlos.

Große Stiftungen

Zu den größten deutschen Stiftungen privaten Rechts gehört die Robert Bosch Stiftung mit einem Vermögen von mehr als 5 Milliarden Euro. Sie fördert unter anderem Wissenschaft, Bildung, Gesundheit, Völkerverständigung und Gesundheit, 2008 gab sie dafür rund 78 Millionen Euro aus. Weiter sind die Dietmar-Hopp-Stiftung mit ihrem Vermögen von fast 4 Milliarden Euro und Ausgaben von 42 Millionen Euro für den Jugendsport, medizinische Forschung, Senioren, Kinder und Jugend sowie die Volkswagen-Stiftung mit einem Vermögen von mehr als 2 Milliarden Euro zu nennen. Am bekanntesten dürfte die Bertelsmann-Stiftung sein, die ein Vermögen von mehr als 600 Millionen Euro hat und gesellschafts- oder wirtschaftspolitische Projekte sowie Bildung, Gesundheit oder Kultur fördert. Gewerkschaften haben ihr in jüngerer Vergangenheit allerdings "politische Einflussnahme" vorgeworfen.

Insgesamt, so schätzt Anke Pätsch, verfügen alle deutschen Stiftungen über ein Vermögen von 100 Milliarden Euro. Daraus würden etwa 17 Milliarden Euro jährlich für die entsprechenden Stiftungszwecke ausgegeben. Auch als Arbeitgeber im "Non-Profit"-Sektor sind sie ein wichtiger Faktor: Zahlen liegen für 2005 vor, als hier zwei Millionen Beschäftigte gezählt wurden (umgerechnet auf Vollzeit-Arbeitsplätze).

Kommunen können Stiftungen gründen, Firmen, Kirchen oder Einzelpersonen wie eben Fritz Bilz. Oder man tut sich zusammen: "Bürgerstiftungen" liegen im Trend. In ihnen sammeln die Bürger einer Stadt mit oft kleinen Einzeleinlagen - als Minimum gelten 500 Euro - ein Stiftungskapital zusammen, aus dem unterschiedliche und wechselnde Projekte gefördert werden. Die erste Bürgerstiftung nach amerikanischem Vorbild wurde 1996 in Gütersloh von Reinhard Mohn gegründet. 2008 arbeiteten in Deutschland 235 Bürgerstiftungen mit einem Gesamtvermögen von rund 120 Millionen Euro, es konnten Erlöse von 3,2 Millionen Euro ausgegeben werden, so die "Initiative Bürgerstiftungen", ein Projekt des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen.

"Bürgerstiftungen sind die ideale Möglichkeit für Jedermann, sich mit Geld, Zeit und Ideen für die Gesellschaft zu engagieren", sagt Projektleiter Burkhard Küstermann. Schwerpunkte seien derzeit generationenübergreifende Projekte oder solche, die Kindern und Jugendlichen bei Schule und Ausbildung helfen. Dabei legt er Wert darauf, dass Stiftungen nicht in Konkurrenz zum Staat treten und keine Aufgaben übernehmen, die eigentlich in Staatshand gehörten. Neben selbstständigen Stiftungen gibt es in fast allen deutschen Kommunen auch "unselbstständige Stiftungen", die von den örtlichen Behörden verwaltet werden. Meist sind es Gelder oder Immobilien, die der Stadt testamentarisch für einen bestimmten Stiftungszweck vermacht wurden, oft erwuchsen daraus traditionsreiche Krankenhäuser, Alten- oder Kinderheime. Günter Schmitz vom Kölner Finanzdezernat verwaltet 25 solcher "rechtlich unselbstständigen örtlichen Stiftungen". Oft sind mehrere kleinere Stiftungen zu gemeinsamen Aufgaben - etwa Unterstützung von Alten, Bedürftigen oder Behinderten - zusammengefasst nach dem Motto: Gemeinsam sind wir stärker. Dort fließen auch Nachlässe ein, die der Stadt etwa allgemein für "die Kunst" oder "die Altenhilfe" vermacht wurden. Das Stiftungskapital von rund 100 Millionen Euro wird in Köln von der Stadtsparkasse betreut. Trotz der Wirtschaftskrise sei "alles im grünen Bereich", findet Schmitz. Angelegt ist es in Tagesgeldern, langfristigen Anlagen und Immobilien. Aus dem Zinserlös stehen jährlich rund 4 Millionen Euro zur Verfügung, ein Teil wird als Inflationsausgleich dem Grundvermögen zugeführt. Die Verwaltungskosten trägt die Stadt. Über die Ausgaben im Sinne der Stifter entscheidet ein Gremium, dem unter anderem Vertreter der jeweiligen städtischen Dezernate angehören. Gefördert werden nur zusätzliche Projekte, keine Pflichtaufgaben der Stadt. Zudem müssen zuvor alle anderen gesetzlichen Hilfsmöglichkeiten ausgeschöpft sein. Das Spektrum ist groß: Ateliers, Rollstühle, Weihnachtspakete für Bedürftige, Ferienfreizeiten und therapeutisches Reiten für Kinder, Forschungen zur Rechtsgeschichte, preiswerter Wohnraum.

Kommunale Stiftungen

In München werden neben sieben Alten- und drei Kinderheimen fast 150 unselbstständige und kommunale Stiftungen von einer städtischen Stiftungsverwaltung verwaltet. Das gesamte aktuelle Grundkapital beträgt 410 Millionen Euro, zum Teil besteht es aus Immobilien. Im vergangenen Jahr konnten daraus für 3,5 Millionen Euro für soziale und kulturelle Zwecke ausgegeben werden.

Eine Sonderstellung nehmen die ostdeutschen Bundesländer ein. "In DDR-Zeiten ist viel untergegangen, vieles muss wiederbelebt werden", sagt ein Mitarbeiter der Stadt Dresden. So verwaltet die sächsische Hauptstadt nur sechs Stiftungen: die unselbstständige Kulturstiftung Gotthard-Werner-Lange (Erlös 2008: knapp 700 Euro), und fünf kommunale Stiftungen, darunter die Stadtwaisenhaus-Stiftung, die schon 1685 errichtet wurde. Erst in diesem Jahr wurden eine Sozialstiftung und eine Stiftung für den Kreuzchor gegründet. Bei selbstständigen Stiftungen besteht ein großer Nachholbedarf, vor allem Banken und Sparkassen füllen die Lücken.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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