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Margot Käßmann
»Armut ist Wirklichkeit«

Essay Soziale Marktwirtschaft ist auf klare moralische Grundlagen angewiesen. Von Margot Käßmann

Eine Mutter erzählt: "Vor zwei Jahren hat unsere Schule einen Ausflug ins Ausland gemacht und wir konnten unserem Sohn das Geld dafür nicht geben. Die wollten ihn aber unbedingt dabeihaben und hätten sich auch engagiert, das notwendige Geld aufzutreiben. Aber er wollte nicht mitfahren, obwohl die so gerne wollten, dass er mitfährt. Er konnte das Geld aber nicht in Anspruch nehmen, weil er sich so geschämt hat. Er meinte immer, er möchte es nicht, dass die anderen für ihn zahlen. Da ist er hiergeblieben, als Einziger. Er konnte es nicht. Der Lehrer hat noch hier angerufen und mit ihm gesprochen, aber er wollte das nicht."

Armut in Deutschland ist real - Armut bei Kindern ist erschreckende Wirklichkeit. Das Beispiel aus einem Forschungsprojekt des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und meiner hannoverschen Landeskirche zeigt: Armut hat natürlich in erster Linie mit dem Mangel an Geld und anderen Ressourcen zu tun. Vor allen Dingen aber beschädigt Armut das Selbstwertgefühl jedes Menschen, und dies auch schon bei den Kindern. Das Nachdenken über Kinderarmut und die Zukunft des Sozialsystems steht seit dem Herbst 2008 unter neuen Vorzeichen.

Angst vor Destabilisierung

Durch die Finanzmarktkrise wurde schlagartig allen klar, wie sehr unser gesamtes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem vom Verhalten einzelner Finanzakteure abhängt. Die Angst vor einer Destabilisierung des gesamten Systems war so groß, dass der Staat in einem Ausmaß finanziell eingriff, wie es das nach dem Zweiten Weltkrieg bislang noch nie gegeben hat. Seitdem macht der Begriff der "systemischen Relevanz" die Runde. Wer ihn näher betrachtet, kommt ins Nachdenken. Sind es denn wirklich nur die Banken, die in diesem Sinne eine Bedeutung für das Ganze haben?

Ins Nachdenken kommt vor allem, wer sich klar macht, wie schwierig es ist, auch nur geringe finanzielle Ressourcen zur Bekämpfung der Armut in Deutschland, insbesondere der Kinderarmut zu mobilisieren. Wie lange dauerte es beispielsweise bei uns in Niedersachsen, durchzusetzen, dass alle Kinder zu Beginn ihrer Schulzeit mit einem angemessenen Schulstarterpaket ausgestattet werden. Der Versuch, alle Kinder mit frischem Obst zu versorgen, scheiterte gar völlig. Kinder weisen offensichtlich keine "systemische Relevanz" auf. Auf der anderen Seite wird immer wieder betont, wie wichtig sie gerade angesichts der krisenhaften demografischen Entwicklung sind. Wobei auch das eine falsche Aufrechnung ist. Denn Kinder sind für mich nicht ein Wirtschaftsfaktor, sondern ein Geschenk Gottes.

Kinder, die in Armut aufwachsen, haben nicht die gleichen Startchancen wie andere Kinder. So fehlen in der Schule Bücher, Hefte, Stifte, das Geld für Klassenaktivitäten und auch die Verpflegung. "Ich habe heute sowieso keinen Hunger", sagen dann die Kinder in der dritten Klasse und bemühen sich damit, den Mangel im Elternhaus und ihre eigene Situation zu verstecken. Entsprechend groß sind die Benachteiligungen in den Bereichen Gesundheit und Bildung. Der Leistungsunterschied dieser Kinder im Vergleich zu denen aus gut gestellten Familien ist schon sehr früh sichtbar, obwohl die Begabungen viel gleicher verteilt sind.

Aufmerksame Lehrerinnen und Erzieher merken meist, welche Kinder betroffen sind. Aber oftmals werden Kennzeichen von Armut auch versteckt. So kommen Kinder aus armen Familien zwar manches Mal mit Mobiltelefon, aber ohne ausreichende Kleidung. Sie haben den gerade angesagten Schulranzen, aber es fehlen die Buntstifte und vor allem das Pausenbrot. Diese Dinge können alle wahrnehmen, die den Kindern nahekommen oder die die Kinder nahe an sich heran lassen. Kinder ohne intakte Unterwäsche und ohne Sportzeug ziehen sich zum Beispiel im Sportunterricht nicht oder nur verschämt um. Sie täuschen Krankheit vor, um Probleme zu vermeiden. Seit Ende der Neunziger Jahre nimmt in der Bundesrepublik Deutschland das Armutsrisiko besonders für Kinder zu. Während das Armutsriko der Gesamtbevölkerung von 1998 bis 2006 von 12 auf 18 Prozent, anstieg, war die Zunahme des Armutsrisikos von Kindern unter 15 Jahren besonders ausgeprägt, nämlich von 16 auf 26 Prozent.

Das Ausmaß von Kinderarmut stellt sich zum Beispiel in Niedersachsen so dar: Jedes sechste Kind unter fünfzehn Jahren war in 2007 auf Hartz IV-Leistungen angewiesen. Zudem verlassen etwa 20 Prozent aller Schülerinnen und Schüler die Schule ohne einen Abschluss. Ein Ausbildungs- und Arbeitsplatz rückt damit in weite Ferne. Was für eine Bilanz für eines der reichsten Länder der Welt! Das ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft: Wir lassen es zu, dass diese Kinder unter sehr schwierigen Lebensbedingungen aufwachsen - und geben ihnen wenig Chancen, sich aus diesen Lebensbedingungen zu befreien.

Hohe Kinderarmutsraten

Das belegt noch eine weitere Beobachtung: Deutschland ist mit einer Kinderarmutsquote von 16 Prozent weit von einer Annäherung etwa an die skandinavischen Länder entfernt. Wir bewegen uns derzeit im Bereich der unteren Mitte der OECD-Länder und weisen ähnlich hohe Kinderarmutsraten auf wie Kanada (15 Prozent ), Neuseeland (15 Prozent), Italien (16 Prozent), Irland (16 Prozent), Portugal (17 Prozent) und Spanien (17 Prozent), also Länder, die nicht für vorbildliche wohlfahrtsstaatliche Leistungen bekannt sind. Mit diesen Staaten teilt Deutschland zudem, dass die Kinderarmut höher als Armut im Bevölkerungsdurchschnitt ist

Es gibt viele Möglichkeiten, dem wirksam entgegen zu treten. Wichtig ist endlich eine gerechte Berechnung der Hartz IV-Regelsätze, insbesondere derjenigen für Kinder. Das Bundesverfassungsgericht wird hoffentlich neue Maßstäbe setzen, denen die Politik dann auch folgen muss. Genauso wichtig ist, dass in den Kinderkrippen, Kindertagesstätten und im schulischen Bereich eine neue Aufmerksamkeit für die Phänomene der Armut entwickelt wird. Wir brauchen zudem Fördermaßnahmen, die diese Phänomene kompensieren können.

Es geht um Wahrnehmungsraster, die Erzieherinnen und Erziehern ebenso wie Lehrkräften helfen, Anzeichen von Armut zu erkennen. Zur verbesserten Wahrnehmung braucht jedes Kind einen individuellen Plan zur Förderung. Mir geht es darum, dass es spürt: Du kannst teilhaben an der Gesellschaft. Du wirst gebraucht. Du bist uns wichtig. Die Synode der EKD hat sich für das kommende Jahr das Schwerpunktthema "Keiner darf verloren gehen" gesetzt - das müsste das Motto all dieser Anstrengungen sein. Mir liegt daran, jedes Kind als ein Geschenk Gottes wahrzunehmen mit all seinen individuellen Stärken und Fähigkeiten. Es soll erkennen, dass es angenommen wird. Wir alle müssen uns klar machen, dass uns Entscheidendes verloren geht, wenn wir einen großen Anteil einer Generation von Kindern und Jugendlichen als scheinbar chancenlos aufgeben. Damit die Kinder und Jugendlichen ihre Rechte einfordern können, sich selbst nicht aufgeben, brauchen sie Unterstützung.

Die Stärkung der individuellen Widerstandskraft, im Fachjargon Resilienz, bei den Kindern setzt vor allem daran an, ihnen positive Erfahrungen ihrer Selbstwirksamkeit zu ermöglichen. So gestärkte Kinder sind in der Lage, ihre Probleme zu benennen und andere um Hilfe und Unterstützung zu bitten. Sie entwickeln einen Blick dafür, wer hierfür in Frage kommt. Auch mit Kindern kann eingeübt werden, sich in schwierigen Situationen lösungsorientiert zu verhalten.

Es geht mir um die Stärkung einer zuversichtlichen Grundeinstellung. In diesem Sinne "resiliente" Menschen wissen, dass Schwierigkeiten in ihrem Leben nicht zu vermeiden sind, aber bewältigt werden können. Sie haben die Hoffnung, dass sich das Gute doch noch durchsetzt. Christen vertrauen darauf, dass ihr Leben von Gottes Güte geleitet wird. Gott sieht den einzelnen Menschen mit liebevollem Blick an - darum ist jeder Mensch bei Gott im wahrsten Sinne des Wortes angesehen. Auch Krisen und persönliches Scheitern gehören zum Leben dazu - das Christentum sieht Gott selbst in der Person Jesu Christi dem Schmerz und dem Leiden ausgesetzt.

Mut und Zuversicht

Christen dürfen deshalb darauf vertrauen, dass Gott auch in Krisen nahe ist. Solch ein Glaube kann sich auch schon bei Kindern als eine unersetzbare Ressource erweisen. Entscheidend ist, wie auf die von Armut betroffenen Kinder zu- und wie mit ihnen umgegangen wird. Mut und Zuversicht zu stärken - das sind ganz entscheidende Faktoren für die Entwicklung von Widerstandskraft.

Wer für die Gesamtgesellschaft relevant ist, muss auch eine entsprechende "systemische Robustheit" ausbilden. Auch hier geht es folglich in einem übertragenen Sinne um Resilienz, um die Belastbarkeit etwa der Finanzmärkte angesichts von Krisen. Sie sind offenbar in unserem Wirtschaftssystem nicht zu vermeiden, dürfen aber auf keinen Fall wieder so belastend sein wie 2008. Die Finanzmärkte sind systemisch von besonderer Bedeutung, weil sie als Makler fungieren. Sie bilden eine Ebene des wirtschaftlichen Geschehens, die entscheidend dafür ist, dass in der Realwirtschaft überhaupt sinnvoll gearbeitet werden kann. Als Makler übernehmen sie eine treuhänderische Funktion, indem sie Geld ausleihen von den einen, die etwas haben, an die anderen, die etwas brauchen. Gute Makler werden niemals besonders hohe Gewinne machen, weil das ihrer treuhänderischen Funktion widersprechen würde. Sie werden auch niemals hohe und höchste Risiken eingehen, da dies das Vertrauen, das ihnen entgegengebracht wird, beschädigen würde. Schon Martin Luther hat exzessives Zinsnehmen massiv kritisiert.

Hinter dem Bild der Banken als Treuhänder und Makler steht die übergeordnete Vorstellung, dass eine soziale und nachhaltige Marktwirtschaft auf klare moralische Grundlagen angewiesen ist. Vor einigen Monaten hat der Rat der EKD in seinem "Wort zur globalen Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise" ein biblisches Bild aus dem Buch des Propheten Jesaja verwendet: Die gegenwärtige Krise sei "Wie ein Riss in einer hohen Mauer", so der Titel des Wortes. Jesaja warnt im Namen Gottes, dass eine Krise in einer Gesellschaft anfangen kann wie ein leichtes Rieseln an einer Mauer, die dann unversehens einstürzt - wenn nicht rechtzeitig eine Umkehr erfolgt.

Um dieses Bild aufzunehmen: Es geht im Grunde bei der Krise, die uns seit Herbst 2008 beschäftigt, nicht nur um irgendwelche Zufälligkeiten, die systemimmanent auftreten und so überwunden werden können. Es geht um das ethische Fundament, das die Mauer trägt, um den Mörtel des Vertrauens, der die Steine zusammenhält. Es zeigt sich: Die entscheidende Grundlage einer sozialen und nachhaltigen Marktwirtschaft ist Freiheit in Verantwortung. Ich bin überzeugt, die gegenwärtige Krise zeigt sehr deutlich, dass nur verantwortete Freiheit wirkliche Freiheit ist. Das gilt für Wirtschaft und Politik ebenso wie für das persönliche Verhalten. Freiheit ohne Verantwortung verkommt und wo die Achtsamkeit für die Konsequenzen des eigenen Handelns fehlt, zerfällt das Gemeinwohl.

Deshalb brauchen wir bezogen auf den Finanzmarkt eine Stärkung der systemisch robusten, sich ihrer maklerischen Funktion und Verantwortung bewussten Akteuren. Das heißt ökonomisch übersetzt nichts anderes, als dass eine größere Stabilität und Eigenverantwortung eingefordert werden muss. Es geht darum, wie es der amerikanische Nobelpreisträger Paul Krugman gesagt hat, dass "Banking has to be boring again." Scheinbare Langeweile ist hier eine Tugend, denn die Banken sollen den Menschen dienen und nicht die Menschen den Banken! Die Vorstellung, dass mit Spekulationen auf den Finanzmärkten in kürzester Zeit schnell Reichtum erlang werden kann, muss endgültig ad acta gelegt werden, wenn wir ein nachhaltiges und systemisch vertrauensvolles Bankenwesen haben wollen. Wir brauchen nicht "Topmanager" und Banker, sondern den "ehrbaren Kaufmann" und den "verantwortlichen Bankmitarbeiter".

Umfassendes Umsteuern

Generell gilt, dass Krisen dieses Ausmaßes nur durch umfassendes Umsteuern der internationalen Wirtschafts-und Finanzpolitik bewältigt werden können. Die Risiken für zukünftigen Generationen, für arme Länder und für natürliche Grundlagen des Lebens müssen bei Entscheidungen in den Vordergrund treten. Es geht um eine nachholende Entwicklung in den armen Ländern des Südens, die der sozialen Sicherung, der Begrenzung und Milderung der Folgen des Klimawandels und der Sicherung von Ernährung und natürlichen Ressourcen dienen.

Nur wenn das gelingt, wird die Krise zur Chance dafür, Impulse für eine Neuorientierung der Wirtschaft am Leitbild der nachhaltigen Entwicklung zu setzen, die dann nicht nur die internationalen Finanzmärkte stabilisieren, sondern auch die Folgen solcher Krisen zu bewältigen, die sich selbst in einem reichen Land wie Deutschland in einer erschreckend hohen Zahl armer Kinder manifestieren.

Kinder aus armen Familien und die Akteure auf den Finanzmärkten - eine interessante Kombination. Beiden aber fehlt offenbar die notwendige Widerstandskraft, Krisen zu bewältigen. Die Gründe sind verschieden. Die Kinder erleben, dass sie zu wenige Ressourcen haben mit Blick auf elementare Herausforderungen. Die Finanzakteure haben offensichtlich zu viele Ressourcen, und tendieren deswegen dazu, Risiken zu unterschätzen. Beide Bereiche, Kinder und Finanzmärkte, sind systemisch höchst relevant. In beiden Fällen brauchen wir die Stärkung gesellschaftlicher Widerständigkeit (Resilienz), damit Leben und Wirtschaften eine menschenwürdige, nachhaltige, gute Zukunft hat! Für mich gehören dazu zuallererst Gottvertrauen und Verantwortung.

Landesbischöfin Margot Käßmann ist Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Aus Politik und Zeitgeschichte

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