Inhalt

Thekla Dannenberg
Vor dem Knock-out?

FERNSEHEN Private Sender sollten ein neues Medienzeitalter einläuten - jetzt könnten sie die ökonomische Basis verlieren

RTL hat am Programm gespart, und die Einschaltquoten sind gestiegen. Was Hartmut Ostrowski, der Bertelsmann-Vorstand und damit Chef von Europas größtem Privatsender bei einer Veranstaltung in Berlin als den unternehmerischen Erfolg des vorigen Jahres verkündete, entsprach in etwa der Logik, die Kritiker dem Privatfernsehen gemeinhin unterstellen: Wenn die Quote nicht stimmt, war das Programm wohl nicht doof genug. Dann werden Ansprüche und Kosten gesenkt, Drastik und Aufmerksamkeit aber gesteigert. Wenn die Castingshow nicht zündet, die Mystery-Serie floppt und auch das Promi Dinner nicht mehr zieht, werden "Eltern auf Probe" gestellt. Gefühlter Tiefpunkt privater Fernsehunterhaltung war vielleicht "Reality Affairs" von ProSieben, in der sich eine gewisse Trixie vor die Wahl gestellt sah, Puffmutter zu werden oder zum Fernsehen zu gehen.

Dabei muss privates Fernsehen nicht schlecht sein. Es gibt kein Gesetz, nach dem Qualität nicht auch erfolgreich sein könnte. Einige amerikanische Fernsehsender haben zur Genüge bewiesen, dass sich mit anspruchsvoller Unterhaltung Geld durchaus verdienen lässt. Dort produzieren die großen Fernsehnetzwerke ebenso wie Kabel- oder Abonnementsender hochgelobte Serien wie die "Sopranos", "The Wire", "West Wing" oder "Mad Men". Aber sie schaffen auch immer wieder innovative und erfolgreiche Nachrichtenformate und Kultursendungen. Selbst ein kleiner Spartensender wie Comedy Central hat mit Jon Stewarts "Daily Show" eine hochintelligente Kultsendung geschaffen, die weltweit ein begeistertes Millionenpublikum im Internet um sich schart.

Neues Medienzeitalter

In Deutschland dagegen spielen die kommerziellen Sender im Jahr 26 Jahre nach ihrem Start publizistisch kaum noch eine Rolle, nicht einmal die Nachrichtensender. Wenn es gut läuft, unterhalten sie. Gegen große Widerstände machte sich die 1982 ins Amt gekommen Regierung Helmut Kohls daran, ein neues Medienzeitalter für die Bundesrepublik einzuläuten. Die Gegner der totalen Television fürchteten kulturelle Verflachung und politische Manipulation. Doch Postminister Christian Schwarz-Schilling ließ die Republik verkabeln, um der Informationstechnologie den Weg zu ebnen, neue Kommunikationssysteme für die Industrie zu schaffen und Medienunternehmen einen Markt zu eröffnen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk war bei der neuen Regierung nicht nur als Rotfunk verrufen, sondern auch durch einen sorglosen Umgang mit Gebührenmilliarden, ein verknöchertes Programm und lähmenden Parteieneinfluss. Zu den Fanfarenstößen von Händels Feuerwerkmusik startete der Filmhändler Leo Kirch am 1. Januar 1984 seinen Sender Sat.1, einen Tag später folgte RTL.

Doch ein Triumph sollte die Geschichte des Privatfernsehen nie werden, auch wenn die beiden großen Sender Sat.1 und RTL in den 1980er und 1990er Jahren durchaus innovative Akzente setzten, neue Formate schufen und ambitionierte Sender wie Vox gegründet wurden. Und mit seinen ambitionierten Eigenproduktionen wurde Sat.1 zu einem wichtigen Motor für die deutsche Film- und Fernsehindustrie.

Doch der Höhenflug währte nur kurz. Nach nur einem Jahr wurde Vox verkauft. Für Leo Kirch rentierten sich seine enormen Investitionen in die Fußball-Bundesliga und das Pay-TV nicht: 2002 ging seine inzwischen mit ProSieben verschmolzene Sendergruppe mit sieben Milliarden Euro Schulden insolvent und wurde zum Preis von 525 Millionen Euro an den amerikanischen Medienunternehmer Haim Saban verkauft. Der wiederum übergab ProSiebenSat.1 mit Milliardengewinnen an die Finanzinvestoren Permira und KKR, die den Sender mit einem Schuldenberg von 3,4 Milliarden Euro belasteten. Von der Kirchpleite wird sich der Fernsehmarkt nicht so schnell erholen. Auch die Persönlichkeit, die mit dem entsprechenden publizistischen Sendungsbewusstsein ausgestattet ist, ist nicht in Sicht.

Und mit der Wirtschaftskrise droht das Privatfernsehen als ökonomisches Modell vollends seine Basis zu verlieren. ProSiebenSat.1 rechnete für 2009 mit einem Rückgang ihrer Werbeeinnahmen von zehn bis fünfzehn Prozent, wofür die Wirtschaftskrise nur zum Teil verantwortlich ist. Auch das Verbot von Alkopops und Zigarettenwerbung haben Werbern und Medien unwiederbringliche Verluste beschert. Zum Hohn kommt nun auch noch der Spott dazu. Im Grunde hatten die Privatsender von Anfang an kaum eine Chance gegen die Öffentlich-Rechtlichen - und die haben sie nicht genutzt. Der Fernsehmarkt wurde nur teilliberalisiert, als duales System blieb er extrem reguliert. Ein strikter Jugendschutz und ebenso rigide Reglementierung der Werbung drücken das Geschäft. Zuständig für die Kontrollen sind nicht nur die einzelnen Landesmedienanstalten, sondern auch ihre zahlreichen Neben- und Unterkommissionen, die Kommission für Zulassung und Aufsicht oder die Kommission für Jugendschutz; einschalten können sich jederzeit auch Justizministerium, Bundesnetzagentur und Bundeskartellamt.

Verzerrter Markt

Und es ist natürlich ökonomisch ein völlig verzerrter Markt, in dem die Öffentlich-Rechtlichen allein mit 7,3 Milliarden Euro Rundfunkgebühren ausgestattet sind. Hinzukommen die Einnahmen aus Werbung und Sponsoring. Dabei weitet sich das gebührenfinanzierte Fernsehen immer weiter aus. Auf 23 Programmen senden ARD und ZDF mittlerweile. Zuletzt ging am 1. November der neue Familienkanal ZDF.neo an den Start, der Bildung, Kultur, Wissenschaft, und Unterhaltung für die Mitte der Gesellschaft angekündigt hatte, aber auch vor allem Dokusoaps zeigt. Ob diese stetige Ausbreitung durch den Programmauftrag noch gedeckt ist, ist ebenso fraglich wie die Nivellierung des Programms nach unten.

Verantwortlich macht der Medienwissenschaftler Robin Meyer-Lucht, Leiter des Berliner Instituts für Medienökonomie, dafür die Sorge um die Gebühren-Akzeptanz, so dass sich die Öffentlich-Rechtlichen immer weiter der Zuschauergunst andienen. Nur so kann er sich den Rückkauf der Bundesliga-Rechte erklären, die allein die ARD pro Saison rund 100 Millionen Euro kosten. Ein teures Vergnügen ohne politisch-gesellschaftliche Relevanz, das ebenso gut bei den Privaten aufgehoben wäre. Man stelle sich vor, ARD und ZDF hätten zwei Millionen Euro mehr in der Woche für investigativen Journalismus, Kulturprogramme oder gehobenere Filmproduktionen!

Anstaltsversagen

"Wer von Marktversagen spricht, darf vom Anstaltsversagen nicht schweigen", meint Meyer-Lucht und sieht das System an der Grenze der Fehlsteuerung angekommen. Immer weniger ständen die öffentlich-rechtlichen Sender für Qualitätsinhalte. Dagegen lässt die ARD allein für 400 Millionen Euro im Jahr von ihrer Produktionsfirma Degeto Seifenopern für die seichte Heimatunterhaltung zur Primetime von Montag bis Freitag fabrizieren. Das ZDF hat 30 Millionen Euro für das riesige leere Nachrichtenstudio des heute-journals ausgegeben, dessen Chefmoderator mehr verdient als der Intendant.

"Den Öffentlich-Rechtlichen steht stellenweise pro Sendeminute das Sechsfache an Programmmitteln zur Verfügung als den Privaten", schätzt Meyer-Lucht. Allein die Produktion eines "Tatorts" koste etwa 15 Millionen Euro, dies sei das Vielfache dessen, was sich ein Privatsender an dieser Stelle leisten kann. Im Qualitätssegment müssen die privaten Sender somit immer gegen Mitbewerber konkurrieren die viel reicher als sie selbst sind. So gebe es zum Beispiel keine Anreize mehr, gutes Fernsehen zu produzieren.

Die Autorin ist Redakteurin des Online-Kulturmagazins Perlentaucher.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag