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VOR 20 JAHREN ...
Benjamin Stahl
Moskauer Krisensitzung

26. Januar 1990: Beratung der Lage in der DDR

Michail Gorbatschow hatte geladen. Im sechsten Stock des Moskauer Zentralkomitee-Gebäudes beriet er sich am 26. Januar 1990 mit seinen engsten außenpolitischen Mitarbeitern. Außenminister Schewardnadse war ebenso zugegen wie Militärberater Achromejew und KGB-Chef Krjutschkow. Thema der Sitzung: das weitere Vorgehen angesichts der jüngsten Entwicklungen in der DDR.

"Wir wollen ganz offen darüber sprechen, was bevorsteht", eröffnete Gorbatschow das Treffen, "alle Prämissen sind erlaubt, außer einer: ein Einsatz unserer Streitkräfte." Einigkeit herrschte schnell in dem Punkt, dass die DDR als Staat nicht zu halten wäre. "Jetzt ist schon klar, dass die Vereinigung unausweichlich ist", glaubte Gorbatschow. Nicht einig war sich die Runde darüber, ob das vereinte Deutschland Mitglied der Nato sein dürfe. Am Ende der vierstündigen Diskussion wurde Achromejew beauftragt, den Abzug sowjetischer Truppen aus der DDR vorzubereiten. Außerdem wollte man eine "Sechsergruppe" - bestehend aus den vier Siegermächten und den beiden deutschen Staaten - einrichten, um die internationale Diskussion der deutschen Frage voranzutreiben. Um das Unaufhaltbare wenigstens hinauszuzögern, einigte man sich, enger mit anderen "zögerlichen Staaten" zu kooperieren.

Dass damit neben Frankreich vor allem die Briten in Frage kamen, zeigte sich am selben Tag: In einem Interview mit dem "Wall Street Journal" äußerte Premierministerin Thatcher ihre Bedenken gegenüber einer "zu schnellen Herstellung der Einheit". Kanzler Helmut Kohl empfand die Äußerungen als "ungewöhnlich unfreundlich".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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