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Jörg von Bilavsky
Ideale Bühne für einen monomanen Selbstdarsteller

Ns-Ideologie Wolfgang Martynkewicz' gelungene Studie über die geistigen Steigbügelhalter Hitlers

Bildung und Kultur schützen vor Barbarei und Gewalt. So sollte man zumindest meinen. Doch der erhellende Blick in die dunkelsten Winkel der deutschen Geistesgeschichte belehrt uns eines Besseren. Wolfgang Martynkewicz verortet ihn in Münchens intellektuell illusterstem Salon. In den stilvollen Räumlichkeiten des Verlegerehepaars Bruckmann am Karolinenplatz räsonierten zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht nur die Dichter Rainer Maria Rilke und Hugo von Hoffmanstahl von ewigen Werten, wahrer Kunst und charismatischer Herrschaft, sondern auch Adolf Hitler und sein Chefideologe Alfred Rosenberg. Während die kunstsinnige Elite von der kulturellen Wiedergeburt Deutschlands lediglich träumte, machte die radikale Rechte auf brutalste Weise ernst damit. Mit finanzieller und ideeler Unterstützung der Bruckmanns.

Dem Bamberger Literaturwissenschaftler Martynkewicz geht es in seinem scharfsinnigen Epochenporträt jedoch weniger um die persönlichen Verstrickungen des Verlegerehepaars im Dickicht des Nationalsozialismus. Auch wenn er jedes Zusammentreffen, jedes Geschäft mit Hitler und seinem Kulturapparat bis ins Detail verfolgt und schildert, möchte er in erster Linie die seelische und ideengeschichtliche Verwandtschaft zwischen dem scheinbar klassenlosen Nationalsozialismus und der bürgerlichen Geistesaristokratie aufdecken. Und in der Tat ist die Schnittmenge der ideologischen Denkmuster zwischen beiden Lagern erstaunlich groß. Vor allem die Sehnsucht nach einem neuen Messias und einer ebenso sinn- wie einheitstiftenden Kultur einte die beiden Seiten gedanklich. Eine willensstarke Persönlichkeit sollte neue "Sicherheiten und Gewissheiten" herstellen, die Ende des 19. Jahrhunderts mit der Rationalisierung und Individualisierung der Welt verloren gegangen seien. Begriffe wie Volk, Rasse, Führer und Drittes Reich kursierten in Bruckmanns Salon in vielerlei Spielarten. Grundiert von antidemokratischen, antimodernen und antisemitische Phantasien, die aber Andersdenkende nicht zwangsläufig aus der exklusiven Gesellschaft ausschließen mussten.

Ideale Plattform

Der mit der Aufklärung geborene bürgerliche Salon bot die ideale kommunikative und soziale Plattform für solch gewagte Gedankenspielereien. Bis 1920 hatte jedoch im erlauchten Kreise der Bruckmanns niemand eine Vorstellung davon, wie eine autoritäre Geistesherrschaft konkret aussehen könnte. Erst nachdem Elsa Bruckmann den Volkstribun Hitler auf diversen Parteiveranstaltungen in der bayerischen Landeshauptstadt leibhaftig erlebte und ihn während seiner Festungshaft in Landsberg besuchte, bekam der neue Messias ein Gesicht und die neue Macht Konturen. Die ebenso sensibel wie schwärmerisch veranlagte Verlegergattin machte den von ihr maßlos bewunderten Hitler im wahrsten Sinne des Wortes salonfähig. Ohne ihre Fürsprache wäre der kleinbürgerliche Parvenü und gescheiterte Kunstmaler wohl kaum in den Genuss der Kontakte zur Münchener Oberschicht gekommen. War der Konservative Franz von Papen 1933 der politische, so waren die Bruckmanns Ende der 1920er Jahre die geistigen Steigbügelhalter Hitlers.

Autoritäre Atmosphäre

Mit dem Auftritt des monomanen Rhetors im Hause Bruckmann konnte allerdings von einer Salonkultur im klassischen Sinne nicht mehr die Rede sein. Das Haus am Karolinenplatz wurde vielmehr zu einer weiteren Bühne für den eitlen Selbstdarsteller. Die diskursive und offene Atmosphäre wich einer autoritären und zunehmend intoleranten. Martynkewicz analysiert dabei haarscharf, wie sehr Hitler mit seinen Anschauungen, seiner Erscheinung, seiner Stimme all das verkörperte, was die Verfechter einer ästhetischen Moderne um 1900 bewunderten.

Gleichwohl folgten nur relativ wenige Künstler, Literaten, Musiker und Philosophen von wirklichem Rang dem Beispiel Elsa und Hugo Bruckmanns und erwählten Hitler zu ihrem geistigen Führer. Insofern steht der Münchener Salon nicht exemplarisch für den "Salon Deutschland" und schon gar nicht stellvertretend für die Ansichten der Mehrzahl der konservativen Künstler und Intellektuellen im Deutschen Reich. Sie standen Hitler - bei aller Faszination, die er zeitweilig auf sie ausüben mochte - meist skeptisch und äußerst reserviert gegenüber. Doch auch viele von ihnen müssen sich bis heute den Vorwurf gefallen lassen, durch ihre passive und unpolitische Haltung Hitlers Aufstieg zumindest begünstigt zu haben.

Was in der Rückschau viel schwerer wiegt als der Traum vom charismatischen Führer, ist die Blindheit der geistigen und künstlerischen Elite für die politischen Realitäten in Staat und Gesellschaft. "Die Überhöhung und Überschätzung von Kultur und Geist bei gleichzeitiger Abwertung des politischen Handelns" war und ist der grundlegende Denkfehler bei vielen Künstlern. So bietet Wolfgang Martynkewicz' ideengeschichtliche Studie nicht nur einen Blick in die Abgründe der deutschen Kultur. Sie macht auch einmal mehr bewusst, dass Kunst und Kultur in einem demokratischen Gemeinwesen moralische Verantwortung übernehmen müssen. Denn Kultur ist, wie Thomas Mann einmal sagte, "offenbar nicht das Gegenteil von Barbarei; sie ist vielmehr oft genug nur eine stilvolle Wildheit". Sich diese Ambivalenz bewusst zu machen und den schmalen Grat zwischen Zivilisation und Zerstörung nicht zu überschreiten, ist die bleibende Botschaft dieses anregenden Buches.

Wolfgang Martynkewicz:

Salon Deutschland. Geist und Macht 1900-1945.

Aufbau Verlag, Berlin 2009; 627 S., 26,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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