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Claudia Heine
Von der Basis an die Spitze

Ausstellungen Das Projekt »Politik ungeschminkt« von Bernd und Angelika Kohlmeier porträtiert Politiker im Wahlkreis. »Wille - Macht« von Herlinde Koelbl fragt nach den Spuren der Macht

Der Politik auf der Spur bleiben, ist nicht immer so einfach: "Auf einmal war Susanne Kastner einfach weg", berichtet Angelika Kohlmeier von einer missglückten "Verfolgungsjagd". "Damit uns das nicht noch einmal passiert, haben wir uns extra ein Navigationssystem für unser Auto gekauft." Mehr als 10.000 Kilometer sind die beiden Berliner Fotografen Angelika und Bernd Kohlmeier im vergangenen Jahr quer durch die Republik gefahren, haben 16 Bundestagsabgeordnete in deren Wahlkreise begleitet und dort fotografiert. Zurückgekommen sind sie mit einer Ausstellung, die unter dem Titel "Politik ungeschminkt" eine Auswahl der Arbeiten noch bis zum 28. Februar im Kunst-Raum des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses zeigt.

"Politik ungeschminkt" - der Titel lässt zunächst etwas anderes vermuten, doch es geht nicht um Politiker als Privatpersonen. "Wir wollten keine Homestorys", stellt Bernd Kohlmeier klar. Das Ziel sei es gewesen, "Politik zu zeigen" und keine reine Porträtserie zu machen. Entstanden sind auf diese Weise dennoch Porträts - eingebunden in Situationen ihres politischen Alltags zeigen sie die Abgeordneten jedoch stets in einem besonderen Zusammenhang.

Der Fotograf im Hintergrund

Und so zeigt "Politik ungeschminkt" unter anderem Wolfgang Thierse (SPD), Otto Fricke (FDP), Claudia Roth (Grüne), Peter Ramsauer (CSU), Katja Kipping (Linke) und auch Susanne Kastner (SPD) aus - mehr oder minder - überraschenden, ungewöhnlichen Perspektiven.

"Uns war es wichtig, immer im Hintergrund zu bleiben", erzählt Angelika Kohlmeier. Bewusst verzichteten die Künstler auf Digitaltechnik, künstliches Licht oder Farbfotografie. Und tatsächlich sind auf diese Weise authentische Aufnahmen entstanden, die mehr zeigen als den Politiker, sondern die zugleich auch den Menschen hinter dem Amt erkennen lassen.

Politik brauche Köpfe, Themen brauchen Gesichter, sagte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) zur Eröffnung der Ausstellung am 28. Januar. "Die großen geschichtlichen Ereignisse verbinden sich mit Gesichtern. In ihnen lässt sich das Auf und Ab von Niederlagen und Erfolgen besser erkennen als in Texten."

Politik fängt jedoch nicht bei den großen Ereignissen, sondern im Kleinen, in den Wahlkreisen an. Und deshalb wollten Angelika und Bernd Kohlmeier auch genau dort hin. "Bei unseren ersten Wahlkreisreportagen 2002 dachten wir: Moment Mal, da läuft ja politisch etwas ganz anderes", sagt Angelika Kohlmeier. Die Öffentlichkeit konzentriere sich meistens auf das Plenargeschehen und die Politikprominenz, fügt Bernd Kohlmeier hinzu. Aber im Kleinen machten Politiker schließlich ihre Kernarbeit und da bringe auch der berühmte Hinterbänkler "unglaubliche Sachen auf die Spur".

Spuren der Macht

Um Hinterbänkler geht es Herlinde Koelbl gerade nicht. 1999 sorgte die Fotografin mit ihrer Porträtserie "Spuren der Macht. Die Veränderung des Menschen durch das Amt" für Aufsehen. Über Jahre hatte sie Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Medien aufgenommen, um in ihren Gesichtern festzuhalten, ob und wie sich der Einfluss eines Amtes auf den Menschen auswirkt. Im Bundestag ist seit dem 26. Januar ihre Fotoinstallation "Wille" und "Macht" zu sehen: zwei großformatige Fotowände, die eine Art Nachfolgeprojekt von "Spuren der Macht" darstellen, da sie dessen Ergebnisse in einem neuen Zusammenhang präsentieren. Der Unternehmer Carsten Maschmeyer hat sie der Kunstsammlung des Bundestages als Dauerleihgabe zu Verfügung gestellt - auf Vermittlung von Altkanzler Gerhard Schröder (SPD).

Auch den Altkanzler hat die Fotografin 15 Jahre lang begleitet. Aber die Spuren von Macht und Einfluss lassen sich nicht nur an seinem Gesicht, sondern auch an dem seiner Nachfolgerin Angela Merkel oder an dem Joschka Fischers gut ablesen. "Wenn Menschen etwas erreichen wollen, ist der Wille das Grundlegendste. Der Wille ist der Anfang", erläuterte Herlinde Koelbl zur Eröffnung das Konzept ihrer Installation. "Wenn sie das Ziel erreicht haben, wenn sie wirklich an die Spitze, in die höchsten Ämter vorgestoßen sind, dann wird ihr Charakter auf den Prüfstand gestellt. Das ist das Entscheidende: Wie verhalten sich Menschen, wenn sie Macht haben?"

So präsentiert der Bundestag derzeit sehr unterschiedliche künstlerische Herangehensweisen an Politiker, die sich dennoch gut ergänzen. Von "Berufung", wie Angelika Kohlmeier es formuliert, berichten beide Arbeiten. "Sie lernen Politiker kennen, wie es über die bekannten medialen Inszenierungen nicht möglich ist", sagte Andreas Kaernbach, der Kurator der Kunstsammlung über die Kohlmeier-Bilder. Das lässt sich umstandslos auch auf die Porträts von Herlinde Koelbl übertragen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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