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Sandra Ketterer
Bologna-Prozess unter der Lupe

Bildungsausschuss Experten ziehen eine gemischte Bilanz der Hochschulreform

Die Bilanz zur europaweiten Hochschulreform, dem "Bologna-Prozess", ist am 27. Januar im Bildungsausschuss gemischt ausgefallen. Vier Experten machten in einem Fachgespräch deutlich, dass die Hochschulen wesentlich mehr Geld bräuchten, um die Lehre zu verbessern und steigende Studienplätze zu verkraften.

Anja Gadow vom Freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften (fzs) bemängelte die Schwierigkeiten bei einem Hochschul- oder Studiengangwechsel. Es gebe eine solche Fülle von Studiengängen, dass die im Bologna-Prozess anvisierte Vergleichbarkeit nicht möglich sei. Das führe auch zu Problemen, wenn Studierende beispielsweise im dritten Semester in einen anderen, aber ähnlich aufgebauten Studiengang wechseln wollten. Oft seien sie gezwungen, wieder "bei Null" anzufangen.

Die Bilanz von Jan-Hendrik Olbertz, Kultusminister in Sachsen-Anhalt und Vertreter der Kultusministerkonferenz (KMK), fiel positiver aus. "Wir sollten uns hüten, alles nur schlecht zu reden", mahnte er. Die Umstellung von Magister- und Diplomstudiengängen auf Bachelor und Master sei für Deutschland ein größerer Schritt gewesen als für die europäischen Nachbarn. Zum Wintersemester 2009/2010 seien fast 80 Prozent der Studiengänge umgewandelt gewesen. Ein Problem sei die Verschulung. Die KMK habe "mit großem Nachdruck" die Hochschulen gebeten, die Prüfungszyklen zu überprüfen, damit "die Studenten auch einmal zur Ruhe kommen", sagte er.

Neue Formen der Lehre

Nach den Worten von Peter Strohschneider, Vorsitzender des Wissenschaftsrates, sind viele Probleme "der jahrzehntelangen Unterfinanzierung des Hochschulwesens" geschuldet. Er forderte mehr langfristige Stellen für Professoren und Tutoren und einen Ausbau der "räumlichen Infrastruktur", um die Qualität der Lehre zu verbessern. Da dafür mehr als 1 Milliarde Euro jährlich zusätzlich nötig sei, sprach sich Strohschneider für ein gemeinsames Programm von Bund und Ländern aus.

Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, betonte: "Der Bologna-Prozess ist die tiefgreifendste Reform seit 200 Jahren." Für eine Bewertung sei es noch sehr früh. Immerhin studierten jetzt drei Viertel aller Erstsemester in den neuen Studiengängen. Zudem sei die Abbrecherquote in den Geistes- und Kulturwissenschaften gesunken. "Wir brauchen Kompetenzzentren, um neue Formen der Lehre und von Prüfungen zu entwickeln", forderte Wintermantel.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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