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Helmut Stoltenberg
Ewiges Warnzeichen

GEDENKEN AN NS-OPFER Israels Präsident betont »einzigartige Freundschaft« mit Deutschland

Schon vor Shimon Peres haben bereits israelische Staatspräsidenten vor dem Bundestag gesprochen: Ezer Weizman 1996 und Moshe Katsav 2005. Mit Peres aber sprach am 27. Januar dieses Jahres erstmals der oberste Repräsentant des jüdischen Staates auf der jährlichen Gedenkveranstaltung des Bundestages für die Opfer des Nationalsozialismus vor der Volksvertretung der Deutschen. 65 Jahre zuvor, am 27. Januar 1945, war das Konzentrationslager Auschwitz befreit worden. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) erinnerte auf der Veranstaltung im Berliner Reichstagsgebäude daran, dass der Befehl zur Errichtung dieses größten Vernichtungslagers der Nationalsozialisten Anfang 1940 erteilt wurde, vor genau 70 Jahren: "Es ist erst 70 Jahre her, und daran wollen wir auch und gerade 20 Jahre nach Wiederherstellung der Einheit unseres Landes erinnern".

Die zahlenmäßig größten Gruppen unter den Auschwitz-Opfern waren die Juden Europas und Polen, auch darauf verwies Lammert und zeigte sich "um so dankbarer", mit Peres und dem polnischen Historiker und Holocaust-Überlebenden Feliks Tych jeweils einen Gast aus Polen und Israel als Redner begrüßen zu können. Und während Peres in seiner Rede davon sprach, wie sein von ihm bewunderter Großvater von den Nazis bei lebendigem Leib in einer Synagoge verbrannt wurde, schilderte Tych, wie er einen großen Teil seiner Familie in den Konzentrationslagern verlor - bedrückende und beschämende Beispiele für Verfolgung und Völkermord, für das Leid von Millionen Opfern und ihren Angehörigen.

Die Shoa, sagte Peres, werfe "schwierige Fragen zur tiefsten Seele des Menschen auf: Wie böse kann der Mensch sein? Wie gelähmt ein ganzes Volk?" Er verwies darauf, dass die Zahl der Shoa-Überlebenden abnehme, während gleichzeitig noch immer Täter von damals lebten: "Tun Sie alles, um diese Verbrecher ihrer gerechten Strafe zuzuführen", appellierte Peres an seine Zuhörer und mahnte, die Shoa müsse "dem menschlichen Gewissen als ewiges Warnzeichen stets vor Augen stehen, als Verpflichtung zur Heiligkeit des Lebens, zur Gleichberechtigung aller Menschen, zu Freiheit und Frieden".

Brücke über dem Abgrund

Sie dürfe aber auch nicht "davon abhalten, an das Gute zu glauben", fügte der Friedensnobelpreisträger hinzu und verwies darauf, dass sich zwischen Israel und der Bundesrepublik eine "einzigartige Freundschaft" entwickelt habe: Aufgebaut mit "schmerzenden Händen und Schultern, die dem Gewicht der Erinnerung kaum standhielten", stehe die "Brücke über dem Abgrund" auf starken, moralischen Grundfesten. "Wir waren und sind der Überzeugung, dass das neue Deutschland alles, was von ihm erwartet wird, tun wird, damit der jüdische Staat sich nie mehr alleine einer Gefahr ausgesetzt sehen muss", sagte Peres. Grausame Diktaturen dürften "ihr böses Haupt nicht wieder erheben".

Wunsch nach Frieden

Nachdrücklich betonte der israelische Präsident den Wunsch seines Landes nach Frieden mit seinen Nachbarn. "Der Frieden ist meiner Meinung nach in Reichweite. Drohungen gegen Israel werden uns nicht von diesem Weg abbringen", versicherte er. Israel identifiziere sich auch mit den Millionen Iranern, die gegen die Diktatur rebellierten. "Genau wie sie lehnen wir ein fanatisches Regime ab", das "mit Zerstörung droht und Atomkraftwerke und Nuklearraketen besitzt, mit denen es sein eigenes Land wie auch andere Länder terrorisiert".

Lammert sagte, nicht nur für Israel sei ein atomar bewaffneter Staat in seiner Nachbarschaft mit einem "offen antisemitisch orientierten Regime" unerträglich. "Die Weltgemeinschaft darf eine solche Bedrohung nicht dulden", fügte der Bundes- tagspräsident hinzu und betonte die "historisch begründete besondere Verantwortung" Deutschlands für Israels Existenz und Sicherheit. "Wir Deutschen tragen eine Mitverantwortung für den Staat Israel", unterstrich Lammert. Er bekräftigte zugleich, dass Deutschland das Geschehene nicht vergessen wird: "Wir wissen um die Verpflichtung, jede Form von Hass, Intoleranz, Diskriminierung, Ausgrenzung und Antisemitismus entschieden zu bekämpfen."

In Völkermord verwickelt

Tych verwies darauf, dass in fast jedem europäischen Land, in dem die Nazis die Ausrottung der Juden betrieben, "ein Teil der einheimischen Bevölkerung so oder anders in den Völkermord verwickelt war" - sei es als Täter, als Denunzianten, als "den Tätern geneigte Zuschauer oder sei es nur als Profiteure, die sich selbst die Hände nicht schmutzig machten, und vor allem als Gleichgültige". Der Holocaust habe in Teilen der Bevölkerung die niedrigsten Instinkte freigesetzt, fügte der Historiker hinzu. In Polen retteten nach seinen Worten etwa 200.000 Menschen unter Einsatz ihres Lebens mindestens 40.000 Juden, "aber gleichzeitig fanden sich Menschen, die Juden, welche sich versteckt hatten, denunzierten oder der Polizei übergaben". Nichts könne "das Dritte Reich von der Verantwortung für den Holocaust freisprechen", betonte Tych, doch bleibe dessen Rezeption solange unvollständig und verzerrt, solange eine "europäische Komplizenschaft beim deutschen Staatsverbrechen, das hier in Berlin geplant und von hier aus gelenkt wurde", nicht zum Bestandteil des europäischen historischen Bewusstseins geworden sei.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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