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Gabriele Lesser
Schlange vor dem Pult

POLEN Die Sejm-Debatten sind oft Tagesgespräch in Polen

Polen lieben die Politik so wie die Briten das Wetter. Politische Debatten im Sejm, dem polnischen Abgeordnetenhaus, werden oft live im Fernsehen übertragen. Danach sind sie Tagesgespräch in ganz Polen. Hoch her geht es im Sejm insbesondere dann, wenn moralisch und historisch strittige Themen auf der Tagesordnung stehen. In-Vitro-Befruchtung ist so ein Thema. Religionsunterricht in der Schule oder der richtige Umgang mit der kommunistischen Vergangenheit erhitzen ebenfalls die Gemüter. Auch das Radio überträgt solche Debatten häufig und lädt die Hörer dazu ein, die einzelnen Reden im Sejm zu kommentieren. Die Fernsehsender bitten Geistliche, Experten oder Zeitzeugen ins Studio, die die Sejmdebatte aufgreifen und über das Thema weiter diskutieren.

Der Sejmmarschall, der als Parlamentspräsident die Sitzungen leitet, sitzt über den Abgeordneten. Nach einem alten Ritual beginnt er jede Sejmsitzung mit dem dreimaligen Aufstoßen des Marschallstabes. Die Redner und Rednerinnen müssen ein paar Stufen nach oben steigen. Das Rednerpult befindet sich direkt unter dem Marschallsitz, rund drei Schritte von den Bänken der Regierungsvertreter entfernt, die auf gleicher Höhe mit dem jeweiligen Redner sitzen. Das dunkle Holz verleiht dem Hohen Haus eine würdevolle Atmosphäre.

Die Nähe des Rednerpults zu den im Halbrund angeordneten Abgeordnetenreihen reizt zu Zwischenrufen. Ein Mikrofon ist nicht nötig - die Stimmen sind auch so gut zu hören. Aufgrund der räumlichen Nähe der 460 Abgeordneten kommt es oft zu sehr lebhaften Sejmsitzungen.

Will ein Abgeordneter richtig in die Debatte einsteigen, muss er oder sie sich zu Wort melden. Die Redezeit ist auf anderthalb, drei oder fünf Minuten begrenzt, die Abgeordneten stehen häufig in einer kleinen Schlange vor dem Rednerpult. Manche kritzeln noch schnell ein paar Zeilen auf einen Zettel. Der einzige, der seine Debattenbeiträge immer vollständig abliest, ist ein poetisch veranlagter Abgeordneter, der seine Argumente in Reime verpackt. Manchmal sind sie so gut, dass er für sein Werk Applaus von allen Abgeordneten erntet.

Hitzige Debatten

Polens Demokratie ist noch jung und die Neugierde war groß, als Anfang der 1990er Jahre die ersten demokratisch geführten Debatten im Fernsehen übertragen wurden. Es entstand sogar eine Satiresendung, in der die markantesten Politiker als Tiere auftraten.

Als im Jahr 2005 die nationalkonservative Partei "Recht und Gerechtigkeit" die Wahlen gewann und mit den radikalen Parteien "Liga der polnischen Familien" und "Samoobrona" (Selbstverteidigung) die Mehrheit im Parlament stellte, erinnerte der Sejm tatsächlich des Öfteren an einen Zirkus: Die via TV öffentlich ausgestrahlten Sejmdebatten über die Sexaffären der Koalitionspartner regten die Polen dermaßen auf, dass sie bei den nächsten Wahlen gleich zwei der Parteien ins parlamentarische Aus schickten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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