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Maik Forberger
Das Lamm im Wolfspelz

Zivilisationsgeschichte Jeremy Rifkin hält Empathie für die eigentliche Triebfeder des Menschen

Wer die Moderne erklären will, hat zwei Möglichkeiten: Entweder er bleibt realistisch, anerkennt die Komplexität und hält sich fern von holistischen Welterklärungen. Oder er macht es wie Jeremy Rifkin in seinem neuen Buch und reduziert die Komplexität auf ein rotes Band, das die Menschen transhistorisch verbindet und von Rifkin Empathie genannt wird. Viele aktuelle Bücher haben einen merkwürdigen Beigeschmack von Ratgeberliteratur und Besserwisserei. Auch Rifkins Buch "Die empathische Zivilisation" fällt in diese Ratgeberliteratur - was auch damit zusammenhängen mag, dass Rifkin Politikberater ist.

Entgegen aller bisherigen Geschichtsschreibung, die sich vorwiegend auf Kriegs- und Konfliktgeschichte bezieht, macht der Autor den Versuch, die Geschichte der Menschheit aus der Perspektive der Empathie zu erzählen. Und damit, meint Rifkin, biete er eine völlig neue Interpretation der Zivilisationsgeschichte an. Er ist überzeugt, dass bis heute in der Geschichtsschreibung immer nur das Schlechte des Menschen im Mittelpunkt stand und die eigentliche Antriebskraft des Menschen übersehen wurde: dass wir Menschen qua Natur friedliche Lebewesen sind, die nach Nähe, Gemeinschaft und Liebe suchen. Kriege und derlei mehr seien die Ausnahme und nicht die Regel, die von Empathie bestimmt wird.

Glückliches Leben

Empathie ist ein Modewort und wird gegenwärtig in vielen Medien als Non-plus-ultra-Eigenschaft beschrieben, über die ein jeder verfügen sollte, damit er ein glückliches Leben führen kann. Rifkin versteht unter Empathie mehr als Sympathie und Mitgefühl. Empathie ist für Rifkin das Einfühlen in eine andere Person, ein psychischer Prozess, der "ausgelöst [wird] durch die tiefe emotionale Teilnahme an der Situation des anderen und begleitet [wird] von deren kognitiver Bewertung, auf die dann eine affektive und einfühlende Reaktion folgt, die auf die Bedürfnisse des anderen eingeht und dessen Leid zu mildern sucht". Kurz und einfach gesagt, kann Empathie also als Sympathie plus Hilfeleistung verstanden werden.

Als Beweis bietet der Autor, wo immer es geht, Verweise auf wissenschaftliche Untersuchungen an und wertet sie mit Zitaten berühmter Autoren auf. An die tausendmal wird der Leser mit dem Wort Empathie konfrontiert, so dass er am Ende gar nicht mehr weiß, warum Menschen trotzdem egoistisch und nicht empathisch sein könnten.

Damit sind wir beim Kernproblem dieses Buches: Es ist gut und wichtig, interdisziplinär zu arbeiten, wenn es um soziologische Fragestellungen geht. So bringt Rifkin in seiner Geschichtsinterpretation eben auch Philosophie, Biologie und Psychologie, Physik und Ökonomie mit ins Spiel. Doch wie alles und warum es mit Empathie zusammenhängt, wird nicht klar. Der Grund dafür ist einfach: Es ist die diffuse Begrifflichkeit selbst und die Unfähigkeit des Autors, sich in die Gefühlslagen eines egoistisch handelnden Menschen hineinzuversetzen.

Gerade Rifkin sollte wissen, dass gute Argumentation die Argumente der Gegenseite gewichtet, um sie danach mit Gegenargumenten zu konfrontieren. Stattdessen aber erlebt der Leser in den ersten Kapiteln ein einziges Freud-Basching. Rifkin wirft Sigmund Freud vor, mit seiner Lust-Unlust-Theorie die utilitaristische Gesinnung der damaligen Gesellschaft psychologisch abgebildet und legitimiert zu haben. Er stellt Freud auf eine Stufe mit Thomas Hobbes, der im Menschen nichts anderes sah als einen Wolf, der Menschen tötet, um zu leben. Kurz gesagt: Rifkin hält Freud vor, dass er nicht Empathie als primären Trieb des Menschen ausgemacht hat, sondern Libido und Destruktion. Gleichzeitig fragt Rifkin, warum Menschen nach Ordnung streben, und meint, damit Freud widerlegt zu haben. Was Rifkin jedoch übersieht, ist, dass Menschen Ordnungen schaffen, weil sie destruktiv sind oder ihre Lust befriedigen. Warum funktioniert ein Staat? Doch nicht, weil wir alle so empathisch sind! Vor allem funktioniert er, weil er das Gewaltmonopol besitzt und mit kodifizierten Sanktionen droht, wenn wir uns nicht konform benehmen. Und weil wir wegen der Arbeitsteilung gezwungen sind, uns kooperativ zu verhalten, da wir sonst nicht überleben könnten.

Helfen als Lustgewinn

Rifkin meint, wir Menschen handelten zuallererst nicht egoistisch, sondern altruistisch, weil wir empathische Lebewesen seien. Damit aber ignoriert Rifkin den menschlichen Lebenstrieb und auch sämtliche Untersuchungen der Neurowissenschaften, aus denen man klar ablesen kann, dass es uns nicht nur Freude macht, anderen zu helfen. Vielmehr schütten wir Glückshormone aus, wenn wir anderen helfen, und befriedigen so unseren Libidotrieb und schaffen in uns Ordnung. Das aber passt nicht ins Konzept der Rifkinschen Weltsicht und wird nicht diskutiert.

Jeremy Rifkin frönt einem linearen Verständnis von Geschichte, das nur einen Weg kennt. Erst in der Zivilisation sei der Mensch in der Lage, die volle Pracht der Empathie zu erfahren - und Zivilisation hat man, wenn man den Stand des Westens erreicht hat: Informationsfreiheit, Nahrungsmittelüberschuss und damit Zeit, sich der Empathie zuzuwenden. Rifkin tappt hier in die Falle kausalgeleiteter Fortschrittsgläubigkeit, die progressive Historiker schon lange entlarvt haben.

Dass der Mensch im Grunde gut ist, hat der Leser schon vor Rifkins Buch gehofft. Er wird aber nicht schlauer, wenn er dessen Idee von der "empathischen Zivilisation" folgt.

Jeremy Rifkin:

Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein.

Campus Verlag, Frankfurt/M. 2010; 468 S., 26,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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