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Ralf Hanselle
Prosa des inhumanen Realismus

DDR Von 1961 bis 1989 ließ das Ministerium für Staatssicherheit den Schriftsteller Günter Grass bespitzeln. Der Journalist Kai Schlüter hat die Stasi-Akten gesichtet und die wichtigsten Auszüge zusammengestellt und kommentiert

Ihre Namen finden sich in keinem Literaturlexikon. Und doch: Sie stehen als Pseudonym für einige der prominentesten Schriftsteller der DDR. Sie heißen IM "Dichter", IM "Dolgow" oder IM "Martin". Ihre Klarnamen versprachen Jahrzehnte lang Auszeichnungen und Auflagen. Hinter ihnen verbergen sich Goethe- oder Staatspreisträger. Sie hießen Erwin Strittmatter, Hermann Kant und Paul Wiens. Es waren Autoren, die für gewöhnlich hungrig nach Öffentlichkeit waren. Und doch: Das Werk, um das es hier geht, blieb weitgehend im Verborgenen. Weder war es in gut sortierten Buchhandlungen, noch in Bibliotheken zu finden. Heute, 20 Jahre nach Ende der DDR, lagert er gut gehütet in den Archiven der Berliner Birthler-Behörde. Es dokumentiert die Prosa eines inhumanen Realismus; Diffamierungsdichtung aus dem anderen Deutschland.

Es ist ein Mammutwerk: 2.200 Seiten, gefüllt mit Tonbandprotokollen, Berichten und IM-Auskünften. Zu den prominenten Mitautoren zählten nicht nur die oben genannten Schriftsteller. Es befanden sich darunter auch der angesehene Theatermacher Manfred Wekwerth, der Verleger Jürgen Grunder und der Leiter des Leipziger Reclam-Verlages, Hans Marquardt.

Dieser Papierberg sollte ihr großes Gemeinschaftswerk darstellen. Entstanden ist es in einem Zeitraum von mehr als 28 Jahren. Anzunehmen, dass die Arbeit daran nicht nur die Kräfte seiner vielen Autoren verschlissen hat. Auch von deren Führungsoffizieren beim Ministerium für Staatssicherheit (MfS) wurde zuweilen das Äußerste abverlangt. Und all dieser Aufwand galt einem einzigen Mann: Dem damals in West-Berlin lebenden Schriftsteller Günter Grass.

Einreiseverbot

Geahnt hatte Grass es lange schon. Auch wenn er bis 1989 die Schnüffeleien in seinem Rücken nie konkret hatte beweisen können, war er sich doch sicher, dass seine zahlreichen DDR-Besuche beim MfS Interesse geweckt haben musste. Nicht von ungefähr hatte man ihm schließlich 1980 die Einreise in den selbst ernannten Arbeiter- und Bauernstaat verbieten lassen. Grass' unnachgiebige Einlassungen zu den realsozialistischen Verhältnissen hinter Mauer und Stacheldraht und seine Beschwörungen kultureller Einheit in Anbetracht politischer Teilung waren Mielke früh suspekt geworden.

Wie genau und gezielt sich die Überwachung von Günter Grass im einzelnen vollzogen hat, ist jetzt erstmalig anhand einer ausgiebigen Dokumentensammlung nachzuvollziehen. "Günter Grass im Visier" heißt diese von dem Bremer Hörfunk-Journalisten Kai Schlüter publizierte Dokumentation, die die wichtigsten Auszüge aus Grass' Stasi-Unterlagen zusammenstellt und ausführlich kommentiert. Ergänzt hat Schlüter die vielen kleinen Indiskretionen mit Stellungnahmen des Nobelpreisträgers selbst, sowie mit Notizen und Erinnerungsprotokollen einiger wichtiger Zeitzeugen.

"Die Stasi war mein Eckermann". Mit diesen Worten hat einst Grass' Kollege Erich Loest sein schwieriges Leben im Schatten der MfS-Spione beschrieben. Liest man die zahlreichen Einträge, die dieser eigentümliche "Eckermann" über Günter Grass verfasst hat, fällt vor allem seine sprachliche Armut ins Auge: "15.50 Uhr kam der PKW Typ: Mercedes Kombi, Farbe: grün, amtl. Kennz.: B-HD 535, auf der F87 aus Richtung Apolda. Im PKW befanden sich Grass und seine Ehefrau. Sie fuhren weiter auf der F7 nach Weimar", heißt es da etwa in einem Überwachungsprotokoll vom 22. April 1988. Es ist ein Satz, wie man ihn in keiner Eckermann'schen Dichtung lesen möchte. Auch die intellektuelle Bescheidenheit der vielen Stasi-Mitarbeiter ist zuweilen erstaunlich: So wird die Gruppe 47 beim MfS als eine "antikommunistische und bürgerliche Tarnorganisation der SPD" geführt, und über das malerische Oeuvre von Grass heißt es in einem Eintrag aus dem Wendejahr 1989: "Tagsüber hat G. Strandgut und zerzauste Bäume gemalt."

Dass es überhaupt zu all diesen Notizen und Vermerken kommen konnte, hat vornehmlich an einer kritischen Äußerung des Schriftstellers aus dem Jahr 1961 gelegen. Wie kaum ein zweiter Intellektueller der Bundesrepublik war Grass im Sommer dieses Jahres scharf mit der Zementierung der deutschen Teilung ins Gericht gegangen. In zwei offenen Briefen - einer davon war an Anna Seghers, die damalige Präsidentin des DDR-Schriftstellerverbandes adressiert - hatte er nicht nur den Mauerbau kritisiert. Unverhohlen hatte er auch dessen Urheber, Walter Ulbricht, mit einem Kommandanten aus einem NS-Konzentrationslager verglichen. Fortan galt der weltberühmte Autor der "Blechtrommel" in Ost-Berlin als "antisozialistischer Reaktionär". "Angefallen wegen Provokation" stand auf der handschriftlichen Notiz, mit der die Stasi ihre Aufzeichnungen zu Günter Grass am 18. August 1961 beginnen lässt.

Erste Lesereise

Eigentlich war es nur ein kleiner Satz. Doch er sollte Folgen haben: Über ein Vierteljahrhundert lang durften in der DDR weder Bücher von Grass erscheinen, noch durften seine Theaterstücke aufgeführt werden. Und neben Grass gerieten auch nahezu sämtliche seiner ostdeutschen Kontaktpersonen ins Visier der emsigen Ideologiewächter. Erst 1988, ein Jahr vor Ende der DDR, sollte Grass erstmals eine Genehmigung für eine längere Lesereise erhalten. Und selbst die sollte nicht die Wende bringen. Weiterhin blieb der Querdenker den Machthabern ein Dorn im Auge. Erst als ein gewisser IM "Schäfer" seinem Führungsoffizier im Sommer 1989 den Abbruch der Verbindung nahelegte, schloss sich Grass' Stasi-Akte endgültig.

Vielleicht ist das das Interessanteste an den riesigen Papierbergen, die Kai Schlüter aus dem Dunkel der Archive gezerrt hat: Sie zeugen von der Angst einer inhumanen Staatsapparatur in Anbetracht eines freidenkenden Individuums. Wenige Worte bereits schienen in Ost-Berlin ausgereicht zu haben, um ein offensichtliches Unrechtssystem heftig ins Schwitzen zu bringen. Alle weiteren Details der Akte "Grass" muss man nicht wissen. Vielleicht sind sie interessant für manch eine Hausarbeit in Germanistik. Für den einfachen Grass-Leser aber sind sie ein zu ödes Feld.

Kai Schlüter:

Günter Grass im Visier. Die Stasi-Akte.

Ch. Links Verlag, Berlin 2010; 384 S., 24,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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