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Karin Kartewig
Zaghafte Zuversicht

Deutsche Teilung Willy Brandts Besuch in Erfurt 1970

Zwanzig Jahre lang hatte das politische Bonn über die kleine graue Diktatur von Moskaus Gnaden vor allem beredt geschwiegen. Erst die Sozialdemokraten wollten die Eiszeit der 1950er Jahre und die Schockstarre nach dem Mauerbau überwinden. Im Oktober 1969 erklärte der gerade gewählte Bundeskanzler Willy Brandt die Verständigung mit dem Osten zum Kern seiner Außenpolitik. Erstmals bezeichnete er die DDR als Staat, verweigerte ihr aber weiterhin die völkerrechtliche Anerkennung: "Auch wenn zwei Staaten in Deutschland existieren, sind sie doch füreinander nicht Ausland; ihre Beziehungen können nur von besonderer Art sein." Es galt, "ein weiteres Auseinanderleben der deutschen Nation" zu verhindern. Bereits zum Jahreswechsel sondierte Bonn die Möglichkeiten zu einem Gipfelgespräch mit Ost-Berlin.

Für die DDR war Brandts neue Ostpolitik eine Herausforderung. Seit 1949 pflegte die SED ihr in Stein gemeißeltes Zerrbild über die Bundesrepublik. Dort hatten angeblich Revanchisten und Monopolkapitalisten das Sagen. Für die SED gab es längst keine gemeinsame Nation mehr. Sie wollte die uneingeschränkte völkerrechtliche Anerkennung für ihren Staat. Im großen Theater um die Souveränität zählte "die BRD" zum besonders übelwollenden Teil des Auslands.

Doch nun signalisierte der Gegner Dialogbereitschaft. Was tun? War der "Sozialdemokratismus" nur eine besonders perfide Strategie des Klassenfeindes, wie Erich Mielke und Erich Honecker dachten? Oder bot sich tatsächlich die Chance zu einer Art von Koexistenz, wie Walter Ulbricht meinte?

In ihrer politischen Mikrohistorie erzählen Jan Schönfelder und Rainer Erices die spannende Geschichte des ersten deutsch-deutschen Gesprächs in Erfurt: von der Vorgeschichte über seine schwierige Vorbereitung in West und Ost bis zum Gipfeltreffen selbst, dem Besuch der KZ-Gedenkstätte Buchenwald und schließlich zur Berichterstattung in den Medien.

Atmosphärische Dichte

Mit großer Anschaulichkeit entfalten die Autoren ihr filmreifes Doku-Drama. Zu den internen Diskussionen, den beteiligten Personen, Institutionen und Örtlichkeiten haben sie minutiös recherchiert. Viele Details geben dem historischen Ereignis atmosphärische Dichte. So sind wir im Bilde über Menüs und Getränke. Genau vorstellen können wir uns im Erfurter Hof den düsteren Konferenzsaal - eine Mischung aus Billardzimmer und Politbüro -, aber auch die nagelneu möblierte Kanzler-Suite; die weißen Pelzimitat-Sessel wirkten so falsch wie der zur Schau gestellte Überfluss in den Geschäften. Wir riskieren einen Blick auf jene klandestine Welt der Geheimdiplomatie, der vertraulichen Vieraugengespräche und der "Blitztelefonate". Dort agierten offizielle Emissäre, Kuriere in geheimer Mission und inoffizielle Gesprächspartner mit unklarer Autorisierung.

Im Poker, ob überhaupt und wenn ja wo, wann, zu welchen Vorbedingungen und mit welchem Ziel ein Gespräch zwischen Brandt und Stoph stattfinden konnte, rang man um jedes Detail. Einfache Protokollfragen konnten angesichts deutsch-deutscher Empfindlichkeiten die gefährliche Sprengkraft politischer Symbole entfalten. Am Veranstaltungsort "Berlin - Hauptstadt der DDR" und an der gewünschten Einreise Brandts über Westberlin wäre das ganze Vorhaben fast gescheitert - bis die Russen Erfurt ins Spiel brachten.

Der Strippenzieher

Kompliziert und hintergründig war die Kommunikation im Kalten Krieg. Denn die Botschaften hinter den Mitteilungen zwischen Bonn und Ost-Berlin galten nicht selten Moskau. Dort hielt sich während der Vorbereitungen des Treffens Egon Bahr, der Vordenker der neuen Ostpolitik, auf. Höchst erfolgreich spielte er den Strippenzieher und Torwächter für Informationen und Einschätzungen zwischen Bonn und Moskau.

Die Delegationen und die Entourage der beiden Staatsmänner entfalteten all ihre Verhandlungs- und Formulierungskünste. Und doch konnten Brandt und Stoph am 19. März 1970 nur ihre festen Positionen wiederholen: offener Meinungsaustausch, Wahrung der Einheit der Nation, beiderseitige Erklärung zum Gewaltverzicht, Reiseerleichterungen, Aufbau gemeinsamer Institutionen versus Anerkennung der DDR und Westberlins als selbständige politische Einheit, Aufnahme diplomatischer Beziehungen, gemeinsame Auf- nahme in die Vereinigten Nationen. Die politischen Spielräume tendierten gegen null. Doch Verhandlungen waren gar nicht das Ziel. Brandt und Stoph suchten das Gespräch. Immerhin vereinbarte man einen Gegenbesuch Stophs im Mai in Kassel. Lockerungsübungen durch fortwährende Kommunikation könnte man diesen Neuanfang nennen. Als sich zwei Jahre später der Erfolg einstellte, prägte Bahr den Begriff "Wandel durch Annäherung".

Doch Erfurt steht für etwas Zweites. Der Jubel der Thüringer entlang der Zugstrecke und vor allem die spontane Begeisterung für Willy Brandt auf dem Bahnhofsplatz desavouierte die SED, die eisern behauptete, die deutsche Einheit sei ein Phantom. In der Geschichte der deutschen Teilung war dies ein Augenblick zaghafter Zuversicht - bis die Demonstranten abgedrängt oder verhaftet wurden und die bestellten Claqueure für Stoph erschienen.

Und Willy Brandt? Auf seiner Reise in die DDR durchlebte er ein Wechselbad der Gefühle: Nah und fern, vertraut und bedrückend zugleich erschien dem Kanzler das Land. Mit diesen Emotionen war er wohl nicht allein.

Jan Schönfelder, Rainer Erices:

Willy Brandt in Erfurt. Der schwierige Weg zum ersten deutsch-deutschen Gipfeltreffen 1970.

Ch. Links Verlag, Berlin 2010; 248 S., 19,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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