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Monika Pilath
Kummerkasten und Wunschbörse

Internationale tourismus börse Auf der weltgrößten Reisemesse werden die Tourismuspolitiker des Bundestages mit Bitten und Anfragen überschüttet. Ein durchaus willkommener Input

Von Rheinland-Pfalz nach Bayern sind es nur fünf Minuten. Und Mecklenburg-Vorpommern liegt auch gleich um die Ecke. Mit strammen Schritten eilt der Vorsitzende des Tourismusausschusses, Klaus Brähmig (CDU), an der Seite einer Hostess im meerblauen Kostüm durch die Berliner Messehallen. Jens Ackermann (FDP), Hans-Joachim Hacker (SPD) und fünf weitere Abgeordnete versuchen, nicht den Anschluss zu verpassen im Ozean der mehr als 11.000 Aussteller auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB). Der Ablaufplan ist eng gestrickt, im Halbstundentakt folgt Termin auf Termin: Die ITB, weltgrößte Reisemesse, ist Hauptsaison für die Tourismuspolitiker des Bundestages.

"Wann sonst können wir uns über so viele Themen in so kurzer Zeit informieren - ohne zu reisen?", fragt Kornelia Möller (Die Linke). "Nur auf der ITB", schiebt sie die Antwort gleich hinterher. "Natürlich werden hier nur Themen angerissen", sagt Brähmig, "aber aus einigen entwickeln wir Initiativen". Die Abgeordneten wappnen sich auf der ITB mit Argumenten und Ideen für die parlamentarische Arbeit der nächsten Monate. Das Futter können sie gut gebrauchen, schließlich wollen sie Kollegen in anderen mächtigeren Ressorts für tourismuspolitsche Anliegen gewinnen.

Die Repräsentanten an den Ständen wissen, dass die Abgeordneten wenig Zeit mitbringen. Um den heißen Brei wird deshalb nicht lang herumgeredet: Bad Wörishofens Bürgermeister Klaus Holetschek, Vorsitzender des Bayerischen Heilbäder-Verbandes, bittet: "Ihr müsst mal Eure Kollegen aus dem Gesundheitsausschuss ansprechen." Es gebe Überlegungen im Bereich Prävention, Leistungen für Kassenpatienten nur noch wohnortnah zu bezuschussen. "Den Kurorten würde eine wichtige Nische genommen", sagt Holetschek, der früher schon mal für die CSU im Bundestag saß. "Das nehmen wir mit", verspricht Brähmig und Kollegin Möller nickt.

Niedrige Fraktionsschwelle

Überhaupt zählen die Fraktionsgrenzen im Touismusausschuss nicht viel. Gemeinsam, das betonen alle 18 Abgeordneten, will man bis zum Jahr 2013 das Reiseland Deutschland nach vorne bringen. Und so sind es vor allem die Gespräche an den Ständen der Bundesländer, in denen die Parlamentarier nachhaken.

Wie auf den Fachkräftemangel reagiert werde, will etwa Marlene Mortler, tourismuspolitsche Sprecherin der CDU/CSU-Fraktion, vom Präsidenten des Tourismusverbandes Mecklenburg-Vorpommern, Mathias Löttge, wissen. Der erzählt, mit dem Programm "mv4you" werde für die Rückkehr ehemaliger Landeskinder geworben. Schließlich werde es immer schwieriger, qualifizierte Auszubildende zu finden: in diesem Jahr werde es nur 14.000 Schulabgänger geben, im vergangenen Jahr seien es noch 30.000 gewesen, berichtet der Norddeutsche.

Doch er hat noch mehr auf dem Herzen. Über die Ost-West-Schienenanbindung seines Landes sei er "nicht so ganz glücklich", sagt Löttge. Und wenn im Jahr 2013 an der Ausbau der Strecke Rostock-Berlin beginne, gebe es "ein Riesenproblem". Hans-Joachim Hacker, der über die Landesliste Mecklenburg-Vorpommern in den Bundestag eingezogen ist, macht sich eifrig Notizen. Er werde sich kümmern, sagt er.

Alltäglichere Sorgen hat Rheinland-Pfalz. Das Saarland macht Ärger. Zwei "Event-Köche" versuchen mit viel Lärm den ITB-Besuchern das saarländische Motto "Grenzenlos genießen" schmackhaft zu machen. Entschleunigung und Wellness hingegen haben sich die Rheinland-Pfälzer auf die Fahnen geschrieben. Doch das können nur die Abgeordneten hören, die unmittelbar neben Achim Schloemer, dem Geschäftsführer der Rheinland-Pfalz Tourismus GmbH, Platz genommen haben.

Umstrittene Hotelsteuer

Jens Ackermann zum Beispiel. Der FDP-Abgeorndete will wissen, wie sich die umstrittene Senkung des Mehrwertsteuersatzes für Hotelübernachtungen auswirke. In eine Pause des saarländischen Trubels hinein seufzt Schloemer. Einerseits, sagt er dann, sei dies im Sinne der Wettbewerbsgleichheit mit dem angrenzenden Frankreich für Rheinland-Pfalz dringend geboten gewesen. Die Häuser hätten auch Luft für Investitionen gewonnen. Andererseits wisse er nicht, ob die Diskussion über die politische Entscheidung für die Hoteliers "nicht möglicherweise schädlich" sei.

Doch zum Diskutieren bleibt keine Zeit, denn Brähmig trommelt die Abgeordneten wieder zusammen. Der nächste Stand ruft. Vielleicht, merkt Kornelia Möller im Aufbruch begriffen an, könne der Ausschuss ja das Tourismuskonzept vor Ort an Ahr und Mosel unter die Lupe nehmen. "Eine gute Idee!" Schloemer wirkt zufrieden.

Mut zu Investitionen

Weniger zufrieden zeigt sich der Präsident des Bundesverbandes der deutschen Tourismuswirtschaft, Klaus Laepple. Im Koalitionsvertrag stehe, die Mittel für die Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT) sollten auf hohem Niveau stabilisiert werden, sagte er. "Aber stabilisieren heißt nicht erweitern", moniert er. Wenn der Bundestag am 19. März dem Bundeshaushalt zustimmt, erhält die DZT, die im Auftrag der Bundesregierung für das Reiseland Deutschland im Ausland wirbt, 26,71 Millionen Euro. Mortler weist die Kritik Laepples zurück. "Stabilisieren ist schon mal was", betont sie, schließlich würden die Zeiten härter. Sie pflichtet jedoch gleichzeitig ihrem Parteifreund Brähmig bei, der fordert, Deutschland müsse "den Mut haben, in die Werbung für den Tourismus zu investieren". Denn nur dann könne nach dem Krisenjahr 2009 das prognostizierte Wachstum bei den Übernachtungen von ein bis drei Prozent erreicht werden. Vielleicht ließen sich dann sogar Spanien und Frankreich als beiliebteste Reiseziele bei den Europäern verdrängen. Bei der ITB 2011 wird Bilanz gezogen. Monika Pilath z

Aus Politik und Zeitgeschichte

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