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Helmut Herles
Privatisierer der Politik

helmut kohl Aus Oggersheim in die Geschichte - der Kanzler der Einheit und der europäischen Einigung wird 80 Jahre alt

Allmählich verblassen die Kohl-Klischees von "Bimbes" und "Birne", vom "Schwarzen Riesen" und "Sumo-Ringer." Erst recht die vom angeblich provinziellen Pfälzer und der Witzfigur. Kaum einer kennt heute noch Kohl-Witze oder erzählt sie. Die hatten ihm übrigens nicht geschadet. Ebenso wenig, dass er eine Weile, vor allem während der sechs Jahre als Oppositionsführer in Bonn, der unterschätzteste Politiker war. Das hat eher gezeigt, dass er kein abgehobener Intellektueller, sondern ein Mann aus der Mitte des Volkes ist.

Abwertende Bilder und Gleichnisse sind trotz all seiner Sünden und Schwächen der Anerkennung des sicheren Platzes in der Geschichte gewichen: Helmut Kohl ist der Bundeskanzler der deutschen Einheit, der europäischen Einigung und des Euro sowie nach Jean Monnet, dem "Vater Europas", der zweite "Ehrenbürger Europas", der neben Konrad Adenauer wirkungsmächtigste Christdemokrat des 20. Jahrhunderts. Keiner war mit 16 Amtsjahren länger als er Bundeskanzler und keiner führte mit mehr als einem Vierteljahrhundert länger seine Partei als er. Aus der heutigen Sicht der CDU allerdings zu lang. Aber selbst sein ihn anfänglich als "tönendes Nichts aus Mainz" total unterschätzender SPD-Vorgänger im Kanzleramt, Helmut Schmidt, hat ihn 2010 wegen der "Gesamtleistung" für Deutschland und Europa ein "positives Prädikat" ins politische Führungszeugnis geschrieben.

Das Mädchen und der Sündenfall

Leider geht es Helmut Kohl nach Stürzen und einer Gallen-Operation gesundheitlich so schlecht, dass die Vollendung seines 80. Lebensjahres am 3. April nicht an den Schauplätzen seiner Siege und Niederlagen in Bonn und Berlin gefeiert werden kann. Er ist auf den Rollstuhl angewiesen und hat darum gebeten, die Feiern in seiner Heimatstadt Ludwigshafen "zu bündeln". Dort ist er nach wie vor in seiner Heimat Oggersheim zu Hause. Gepflegt und gehegt, aber auch abgeschirmt und "regiert" von seiner jungen zweiten Frau Maike Kohl-Richter, die er nach der tragischen Selbsttötung seiner Frau Hannelore am 5. Juli 2001 im Mai 2008 geheiratet hatte, ohne seine beiden Söhne dazu einzuladen. Ein Indiz dafür, dass es um den Familien-Menschen einsamer geworden ist. Erschwerend kommt hinzu, dass politische "Freunde" selten oder nie persönliche Freunde sind.

Am 5. Mai soll er in einem gemeinsamen Empfang der Stadt und des Landes Rheinland-Pfalz, dessen modernisierender und reformierender Ministerpräsident er von 1969 bis 1976 war, gewürdigt werden. Bundeskanzlerin Angela Merkel, einst Kohls "Mädchen" aus der DDR des ersten und deshalb letzten demokratischen Ministerpräsidenten Lothar de Maiziere, wird kommen. Sie hatte sich rasch vom Übervater Kohl emanzipiert und ihn als CDU-Generalsekretärin wegen des bis heute nicht aufgeklärten Spenden-Skandals am 18. Januar 2000 vom Thron des CDU-Ehrenvorsitzenden gestürzt. Beide haben wieder Frieden miteinander. Aber die Frage, ob die CDU nun Kohl nicht abermals den Ehrenvorsitz antragen sollte, beantwortete Merkel soeben kühl: "Die stellt sich nicht mehr."

Kohl hat sich in seinen "Erinnerungen" keineswegs aufklärend verhalten, warum er mit den hinter einem "Ehrenwort" versteckten Spenden das Grundgesetz und das Parteiengesetz verletzt und der CDU nicht nur materiell geschadet hat - trotz der privat organisierten Rückzahlung der Millionen-Strafe an die Partei. Auch die soeben im Bonner Bouvier-Verlag erschienene "Nahaufnahme" seines früheren engen Mitarbeiters im Kanzleramt Stephan Eisel kann diesen Sündenfall nicht aufklären. Eisel wundert sich, weil Kohl "überaus penibel war, wenn es um finanzielle Dinge ging […]. Hier war er ganz der Sohn eines bayerischen Finanzbeamten. Für mich war es eine große Überraschung , als Kohl 1999 zugab, Spenden an die CDU nicht korrekt abgewickelt zu haben. Das stand in völligem Widerspruch zu dem , wie ich ihn in finanziellen Dingen erlebt habe".

Dialektische Ergänzung

Die Laudatio auf Helmut Kohl, wahrscheinlich ohne jenen "Bimbes"-Skandal - wird am 5. Mai der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog halten. Richard von Weizsäcker dagegen, den im April 90 Jahre alt werdenden eigentlichen Bundespräsidenten der Ära Kohl, kann man sich an jenem Rednerpult nur schwer vorstellen.

Jeder hatte begriffen, dass Weizsäckers Kritik an den "machtversessenen" Parteien nicht zuletzt auf das "System Kohl" gemünzt war. Und Kohl warf dem Präsidenten Undankbarkeit vor: "Die Hand, die segnet, wird zuerst gebissen."

In der politischen Wirklichkeit jedoch ergänzten sich die beiden gerade wegen ihrer Widersprüche dialektisch - so wie einst Konrad Adenauer und Theodor Heuss. So wenig der eine ohne den anderen Bundespräsident geworden wäre, so wenig hätte der andere das für den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik notwendige internationale Vertrauen erreicht, wenn nicht von Weizsäcker seine Rede zum 8. Mai 1945 gehalten und in Moskau das Goebbels-Gorbatschow-Porzellan gekittet hätte, das Kohl zuvor zerschlagen hatte.

Länger als Adenauer

Das war nicht die einzige Versöhnung einstiger Gegensätze für und dank Helmut Kohl. Zum Beispiel: Angeblich sind die Bänke der Opposition im Parlament hart - als seien die der Regierung weicher! Aber Kohl tauschte den Regierungssitz in Mainz mit der härteren Opposition im Bonner Bundestag. Da hatte er sich nicht nur mit dem Bundeskanzler Helmut Schmidt auseinanderzusetzen, sondern oft noch mehr mit dem massiven Chef der CSU, Franz Josef Strauß, den er nach dessen Kreuther Fraktions-Trennungsbeschluss erst zur Einheit zurück zwingen musste. 1980 musste er ihm die Kanzlerkandidatur überlassen - um selbst am 1. Oktober 1982 Bundeskanzler zu werden und dies bis zum 26. Oktober 1998 zu bleiben, als ihn Gerhard Schröder ablöste. Zwei Jahre länger als Adenauer. Dies hätte er nie erreicht, wenn er als CDU- Vorsitzender in Mainz geblieben und nicht Fraktionsvorsitzender in Bonn geworden wäre. Übrigens: Oktobertage haben es für Helmut Kohl in sich. Vor allem der Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990.

Verbündet zur Einheit

Die deutsche Einheit im Zusammenhang der europäischen Einigung erreichte er nicht zuletzt durch die Synthese der ursprünglichen Antithesen der Adenauerschen West- und der Brandtschen Ostpolitik mit Hilfe der Helmut-Schmidtschen Schachspieler-Sicherheitspolitik im Nato-Doppelbeschluss. Für Kohl lagen die beiden am Ende so nah beieinander wie Adenauers Rhöndorf und Brandts Unkel am Rhein, wo Helmut Kohl sich vom sterbenden Willy Brandt verabschiedete, dankbar, dass Brandt, anders als jüngere SPD-Politiker wie Lafontaine oder Schröder, zum Verbündeten auf dem entschlossenen Weg zur deutschen Einheit geworden war.

Dass Kohl diesen Kairos, den einmaligen geschichtlichen Augenblick, erkennen und nutzen konnte, verdankt er neben den glücklichen politischen Konstellationen von Moskau bis Washington und dem Willen des deutschen Volkes in der DDR auch seinem damaligen Mitarbeiterkreis im Kanzleramt - und seiner Fähigkeit, Weltpolitik "ganz und gar persönlich" zu gestalten. Michael Mertes hat es in dem Band "Die DDR in Deutschland" anhand der zehn Punkte Kohl als Türöffner zur Einheit beschrieben. Der heutige NRW-Bevollmächtigte beim Bund war als Redenschreiber einer der Zuverlässigen um den aus Mainz nach Bonn verpflanzten harten Kern der "Kohlisten", zu dem Eduard Ackermann erst in Bonn kam, mit Horst Teltschik, Wolfgang Bergsdorf und Juliane Weber. Er zeigt, wie neu und ungewohnt 1989/90 die Lage in Deutschland und Europa für das Kanzleramt war und wie geistesgegenwärtig, mit viel Glück und diskret gearbeitet wurde. Bis dahin, dass Helmut Kohls handschriftliche Endredaktion der zehn Punkte zu Hause in Oggersheim von Hannelore Kohl auf ihrer Reiseschreibmaschine getippt worden war.

Seele der Deutschen

Vergleichbar "persönlich" handelte Kohl bei den Mächtigen im In- und Ausland. Er "privatisierte" die Politik, nicht nur die CDU. Von der 1982-"Wende" der FDP, weg von Schmidt hin zu ihm, durch tägliche Telefonate mit Hans Dietrich Genscher: was ein sogar die Nicht-Information des Außenministers über die zehn Punkte überdauerndes Grundvertrauen begründete; bis zur Strickjacke bei Gorbatschow und den Naturbetrachtungen beider an der Mauer des Kanzleramtes am Rhein und am Fluss im Kaukasus. Seither weiß der Russe, "dass auch die Deutschen eine Seele haben". Oder Hand in Hand mit Präsident Mitterrand angesichts der Massengräber von Verdun. Dieses Persönliche war Kohls Erfolgsgeheimnis.

Helmut Kohl wirkt wie ein mächtiger, verwitterter Baum, von Stürmen gezeichnet und allein auf weiter Flur. Wer ihn verstehen will, sollte die Lebensringe dieses Solitärs betrachten. Dabei wird man merken, dass er seinen Wurzeln im rheinisch-fränkischen Elternhaus trotz allem treu geblieben ist: "Katholisch, aber gleichzeitig liberal und gemäßigt national." Bei ihm ist das Europäische hinzu gekommen. Nicht zuletzt deshalb konnte er 2009 beim Treffen mit Bush senior und Gorbatschow in der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin bei der Veranstaltung "20 Jahre Mauerfall - Sieg der Freiheit" sagen, auch wenn ihm das Sprechen schwerfällt: "Ich hab allen Grund, bei allem Ärger und Verdruss, stolz zu sein. Ich hab nichts Besseres, als auf die deutsche Einheit stolz zu sein." Das ist tatsächlich das beste Geschenk zu seinem 80.

Helmut Herles hat Helmut Kohl in den 1970er Jahren als Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Mainz kennengelernt und seither, zuerst für die FAZ, danach für den General-Anzeiger in Bonn und Berlin, beobachtet und beschrieben.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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