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ORTSTERMIN BEI: HOLGER SCHEERER IN DER BIBLIOTHEK DES BUNDESTAGES
Götz Hausding
»Die neuen Abgeordneten haben nicht schlecht gestaunt«

30 Minuten dauert es - oft geht es auch noch schneller. Wer in der Bibliothek des Deutschen Bundestages ein Buch bestellt, kann es eine halbe Stunde später an der Ausgabe im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus abholen. "Das garantieren wir", sagt Holger Scheerer, Bereichsleiter Benutzung und Information der Bibliothek. Pro Jahr werden mehr als 80.000 Bücher, Zeitschriftenbände oder Aufsätze aus der nach Washington, Tokio und Rom größten Parlamentsbibliothek der Welt ausgeliehen. Nach dem Umzug der Bibliothek von Bonn nach Berlin, der erst im März 2004 abgeschlossen war, sei die Zahl der Ausleihen stetig gestiegen, erzählt Scheerer. Seit drei Jahren ist der gesamte Bestand online recherchierbar, was zu einem weiteren Anstieg geführt habe, sagt er. Noch nicht berücksichtigt sei dabei der steigende Anteil elektronischer Publikationen und Datenbanken, die als PDF-Datei am Bürocomputer aufgerufen und heruntergeladen werden könnten.

Genutzt werden kann der Bibliotheks-Service zuallererst natürlich von Abgeordneten und deren Mitarbeitern. Laut der vom Ältestenrat verabschiedeten Benutzungsordnung dürfen unter anderem aber auch Mitarbeiter der Fraktionen, der Bundestagsverwaltung sowie die bei der Bundespressekonferenz akkreditierten Journalisten Bücher ausleihen. "Wir sind keine öffentlich zugängliche Bibliothek", sagt Scheerer. Externe Nutzer müssen einen Antrag stellen, wenn sie Bücher aus der Bibliothek benötigen - etwa für wissenschaftliche Arbeiten mit Parlamentsbezug; die Publikationen müssen dann im Lesesaal angesehen werden.

Die Bücher können über den elektronischen Bibliothekskatalog des Hauses bestellt werden. "Wenn eine Bestellung eingeht, erstellt der Drucker im Magazin einen Bestellschein mit Signatur und Titel", sagt Scheerer. Dann ist einer der sechs Magazinmitarbeiter gefragt, der weiß, welche Signatur in welchem Raum steht, das Buch holt und über den Bücheraufzug zu den Kollegen in der Ausleihe schickt. Der Gesamtbestand von 1,3 Millionen Büchern, der jährlich um 30.000 "bibliografische Einheiten" wächst, befindet sich in Magazinen, die eine Fläche von 8.500 Quadratmetern einnehmen. Hier herrscht eine konstante Raumtemperatur von 18 Grad Celsius und eine Luftfeuchtigkeit von 45 bis 55 Prozent - streng nach Din-Norm.

Nicht nur deshalb ist nach Scheerers Ansicht die Situation in Berlin ein "Quantensprung" verglichen mit der in Bonn. "Dort lebten wir in Provisorien", erinnert er sich. Die Magazine waren über mehrere Standorte in der Stadt verteilt. Der am häufigsten genutzte Bestand befand sich in einem ehemaligen Luftschutzbunker - schlechte Arbeits- und auch Archivierungsbedingungen. Hier hingegen sei man das erste Mal unter einem Dach versammelt. "Das ist phantastisch. Wir haben hier kurze Wege."

Wir - das sind auch die 15 Fachreferenten, die darüber entscheiden, welche Bücher neu angeschafft werden. Darunter sind Juristen, Ökonomen, Politologen, Soziologen und Pharmazeuten - Scheerer selbst ist Historiker. "Damit decken wir alle Wissensgebiete ab, die für den parlamentarisch-politischen Betrieb relevant sind."

Was das Ausleihverhalten in der Bundestags-Bibliothek angeht, so spiegle sich hier das parlamentarische Geschehen wieder, sagt Holger Scheerer. "Als das Thema Schweinegrippe wichtig war, hatten wir dazu viele Anfragen." Jetzt, da die neue Enquete-Kommission "Internet und digitale Gesellschaft" ihre Arbeit beginnt, seien plötzlich Themen wie "Medienkompetenz bei Jugendlichen" gefragt.

Und wissen die Abgeordneten den Service der Bibliothek auch zu schätzen? Natürlich, sagt Scheerer. Mit Beginn der Legislaturperiode habe die Bibliothek bei den mehr als 200 neuen Abgeordneten eine Art "Telefonmarketing" betrieben. "Es gab eine überwältigend positive Resonanz, mit der wir so niemals gerechnet hatten." Viele Büros hätten die angebotenen Führungen in Anspruch genommen und "nicht schlecht gestaunt, welche Möglichkeiten ihnen die Bibliothek gibt".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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