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Sebastian Reimann
Fahrt aus der Krise

TRANSPORTWIRTSCHAFT Wachsende Nachfrage bringt die Branche wieder auf Touren

Das Jahr 2009 war für die Transport- und Logistikbranche ein Horrorjahr. Kein Wunder, der Welthandel brach um 12,2 Prozent ein. Dies sei der größte Rückgang innerhalb eines Jahres seit dem Zweiten Weltkrieg, betont die Welthandelsorganisation WTO. Dabei wurden rund um den Globus sogar knapp ein Viertel weniger Güter exportiert als 2008, was wiederum direkt auf den Logistiksektor durchschlug: Reedereien, Frachtfluggesellschaften, Binnenschiffer und Straßentransporteure erbrachten der WTO zufolge im internationalen Handel 2009 noch Transportdienstleistungen im Wert von 704 Milliarden US-Dollar und damit ein Fünftel weniger als im Jahr zuvor. Die Folge: Sie mussten Lkw parken, Containerschiffe auflegen, wie es in der Branche heißt, und schickten Frachtflugzeuge im wahrsten Sinne des Wortes in die Wüste.

Etwas zuversichtlicher

Doch mit dem Frühling kehrt auch die Zuversicht in der Logistikbranche zurück. Von einem "allmählichen Aufschwung" sprach Reinhard Lange, Vorsitzender der Geschäftsführung des Schweizer Großspediteurs Kühne + Nagel, bei der Vorlage der Jahresbilanz Anfang März. Frank Appel, Chef der Deutschen Post, die mit ihrer Tochtergesellschaft DHL ebenfalls zu den ganz Großen im internationalen Fracht- und Logistikgeschäft zählt, setzt auf eine "moderate Erholung der weltweiten Transportmengen". Und Nils S. Andersen, Vorstandschef des dänischen Mischkonzerns A.P. Moeller-Maersk, zu dem mit der Maersk Line auch die weltgrößte Containerreederei gehört, ist zuversichtlich, dass im laufenden Jahr wieder 3 bis 5 Prozent mehr Boxen rund um den Globus befördert werden.

Dass der Aufschwung nicht nur bei den Marktführern ankommt, zeigen diverse Umfragen, bei denen auch mittelständische Anbieter befragt werden. Dies ist wichtig, da sie zumindest in Deutschland das Gros der Marktakteure ausmachen. So schreiben ProgTrans und das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in ihrem Transportmarkt-Barometer für das erste Quartal 2010, dass die Talsohle bei den meisten Verkehrszweigen wohl durchschritten sei. Und: Die befragten Manager seien "zunehmend optimistisch".

So wie eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, reicht ein gutes Bauchgefühl indes nicht für einen nachhaltigen Aufschwung. Doch auch die jüngsten Zahlen des Bundesverkehrsministeriums deuten auf eine Erholung hin. In der aktuellen Mittelfristprognose gehen die Ministeriumsstatistiker davon aus, dass der Güterverkehr in Deutschland im laufenden Jahr um fünf Prozent wächst. 3,88 Milliarden Tonnen werden demnach transportiert. Daraus ergibt sich eine Transportleistung von 619,5 Milliarden Tonnenkilometern. Rund die Hälfte der Einbußen des Vorjahres würde damit wettgemacht.

Starker Handel

Getragen wird die Erholung durch die starke Position Deutschlands im internationalen Handel. Die Außenhandelsentwicklung sei eine "wesentliche Bestimmungsgröße der Transportnachfrage", betonen ProgTrans und ZEW. Entsprechend haben sie in der See- und Luftfracht den größten Optimismus ausgemacht. Mit diesen beiden Verkehrsträgern werden vor allem international gehandelte Waren transportiert.

Viele davon kommen aus China, wo das Geschäft schon wieder brummt. Wie das dortige Transportministerium berichtet, legte das Luftfrachtvolumen im Januar um 68,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat zu. Der Containerumschlag in den chinesischen Häfen wuchs um gut ein Viertel, was im Einzelfall schon zu Engpässen führte. So blieben mitunter Container voller Spielzeug, Schuhe, Elektroartikel und anderer Güter in den Verladehäfen stehen - sehr zum Unmut der Importeure aus Europa und den USA. Dies liegt nicht nur an dem überraschend starken Nachfrageanstieg. Eine große Rolle spielt auch, dass die Reedereien in der Krise ihre Kapazitäten deutlich reduziert haben.

Auch auf lange Sicht dürfte die Musik für die Logistiker im Reich der Mitte sowie in anderen großen Schwellenländern spielen. In einer Rangliste der attraktivsten Investitionsziele für Logistikunternehmen steht Indien ganz oben. In der Aufzählung der Marktforscher von "Transport Intelligence" aus Großbritannien folgen Brasilien auf dem zweiten Rang und Russland auf Platz fünf. Gemeinsam mit China, dass aufgrund seiner Größe und seiner ohnehin schon starken Bedeutung nicht berücksichtig wurde, bilden diese drei die viel zitierten BRIC-Staaten. So werden die länder mit den hlöchsten Wachstumsraten bezeichnet. Auch eine Studie der Vermarktungsgesellschaft Germany Trade & Invest zählt sie zu den wichtigsten Exportmärkten der deutschen Wirtschaft.

Deutschlands Logistiker profitieren gleich mehrfach. Denn sie transportieren die Waren nicht nur, sondern lagern sie auch, veredeln sie und steuern ganze Logistikketten. Die Forscher der Fraunhofer Arbeitsgruppe für "Supply Chain Services SCS" erwarten, dass in diesen umfangreichen und komplexen Dienstleistungspaketen, im Branchenjargon Kontraktlogistik genannt, auf lange Sicht das größte Wachstumspotenzial liegt. Im laufenden Jahr wird die Kontraktlogistik aber wohl wie der Transportsektor nur um zwei bis vier Prozent wachsen.

Rückschläge nicht ausgeschlossen

Zum "business as usual" können die Anbieter damit trotz der guten langfristigen Aussichten vorerst nicht zurückkehren. Dazu war der Einschnitt durch die Wirtschaftskrise zu tief. Und Rückschläge bei der fragilen Konjunkturerholung sind nicht ausgeschlossen. Dies bekamen Logistiker, aber auch Unternehmen aus anderen Bereichen, noch im Januar vor Augen geführt, als die deutschen Exporte nach mehreren Monaten mit Zugewinnen plötzlich wieder einknickten.

Logistiker wie Monika Ribar, Chefin des Großspediteurs Panalpina, agieren daher vorsichtig. "Wir müssen uns auf deutlich mehr Schwankungen bei Transportmengen und -preisen einstellen", betont die erfahrene Managerin.

Neben ihren Ausgaben müssen die Logistikunternehmen auch die Kapazitäten unter Kontrolle halten. Darin sind sich Praktiker und Theoretiker einig. Die Seefrachtraten würden nur dann ein akzeptables Niveau halten, wenn die Reedereien der Versuchung widerstehen, ihr Stellplatzangebot auf den Schiffen direkt wieder auszuweiten, redete Maersk-Chef Andersen der Branche Anfang März ins Gewissen. Auch Peter Klaus, der Grand Signor der deutschen Logistikwissenschaft, mahnt Vorsicht bei der Steuerung des Transportangebots an, "denn das Wachstum der Logistik ist nicht unendlich".

Auf und Ab des Ölpreises

Dies zu beherzigen ist so wichtig, da neben der wackeligen konjunkturellen Lage noch andere Faktoren das Wohl der Warentransporteure bedrohen. "Das Auf und Ab des Ölpreises schwebt seit jeher als ein Damoklesschwert über der Branche", sagt Stefan Rommerskirchen, Geschäftsführer der ProgTrans AG. So hat sich der Ölpreis seit seinem Tiefstand im Februar vergangenen Jahres auf mittlerweile rund 80 US-Dollar je Fass verdoppelt. Die Folge: Auch der Diesel für die Lkw, das Kerosin für die Frachtflieger und der sogenannte Bunker für die Containerschiffe wird teurer. "Auch die Finanzkrise ist längst nicht ausgestanden", unterstreicht Rommerskirchen. So fürchtet gerade der deutsche Mittelstand eine Kreditklemme. Dies schmälert nicht nur die Investitionsbereitschaft. Für manchen Logistiker können knappe Finanzmittel gar das Aus bedeuten, etwa wenn die Bank keine Überbrückungskredite mehr gewährt. Und dabei hat die Branche mit einer Insolvenzrisikoquote von 4 Prozent schon heute die unrühmliche Spitzenposition in der deutschen Wirtschaft inne.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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