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ORTSTERMIN IN DER: AUSSTELLUNG »ATLASMACHER« IM KUNST-RAUM
Sandra Schmid
»Ab welchem Punkt ist die Freiheit bedroht?«

Eine Vitrine mit ausgestopften Bibern und Hamstern, Seesterne in Alkohollösung, großflächige Filmprojektionen, ein Experiment mit Mäusen: Das sind Elemente der Ausstellung "Atlasmacher" von Lutz Dammbeck, die der Bundestag seit vergangenen Dienstag bis zum 11. Juli in seinem Kunst-Raum im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus zeigt.

Das Werk des 1948 in Dresden geborenen Künstlers ist keins, das sich auf den ersten Blick erschließt: "Es ist zu sperrig, zu komplex, zu sehr in Bewegung, um sich in eine Schublade stecken zu lassen", beschrieb Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) bei der Ausstellungseröffnung die Kunst Lutz Dammbecks, die Film, Skulptur, Performance, Malerei und Collagen umfasst. Sie sei gekennzeichnet von "Grenzüberschreitung, Perspektivwechsel und Mehrdimensionalität". In der DDR aufgewachsen, habe Dammbeck schon früh sein "gesellschaftskritisches Sensorium" trainiert. Seitdem nehme er immer wieder die technisch und ideologisch hochgerüstete Gesellschaft mit "all ihren Verheißungen, Widersprüchen und Verrücktheiten" in den Blick. "Geschenkt wird dem Betrachter jedenfalls nichts", resümierte Thierse, "er muss die vernetzten Gedankengänge des Künstlers rekonstruieren, mitdenken, mitarbeiten - und sich dazu Zeit nehmen." Nur dann erschließe sich der vielschichtige künstlerische Kosmos.

Auch Dammbeck, der seit 1999 Professor der Hochschule für bildende Künste in Dresden ist, hat sich Zeit genommen: Eigens für den Kunst-Raum des Deutschen Bundestages konzipierte der 61-Jährige die Ausstellung "Atlasmacher", in der er im Stile einer "Wunderkammer" Exponate aus Wissenschaft und Technik zusammenführt. Erstmals kombiniert er rund 90 Präparate aus den Zoologischen Sammlungen der Universität Halle mit dem Experimentalfilm "Herakles Höhle" und seiner Installation "RE-REEDUCATION". In deren Zentrum steht die Nachbildung eines 1970 im Jewish Museum New York gezeigten "behaviouristischen Experimentallabors", in dem die Bewegung von Mäusen zwischen Metallwürfeln überwacht und analysiert werden sollte. Dammbeck spielt auf Erkenntnismethoden der Naturwissenschaften an, die durch Modelle versuchen, in der Vielfalt der Natur Muster und Normen zu erkennen - und so Steuerungsmodelle für künftige Gesellschaften entwickeln. Für Dammbeck, der mit seiner Kunst in der DDR immer wieder aneckte und 1986 in die Bundesrepublik ausreiste, eine bedrohliche Vorstellung.

Dementsprechend kreist sein Werk um die Gefährdung der Autonomie des Einzelnen in der modernen Gesellschaft - sowohl durch totalitäre Herrschaftsstrukturen als auch durch subtilere manipulative Verfahren in offenen Gesellschaften. "Es geht um die Frage, ab welchem Punkt die Freiheit bedroht ist", erklärt Andreas Kaernbach, der als Kurator der Kunstsammlung des Deutschen Bundestages die Konzeption der Ausstellung begleitet hat. Diese Frage ist für ihn eine der wichtigsten im Kontext von Politik und Kunst überhaupt - und ein Grund, weshalb die Kunst Dammbecks für den Bundestag so interessant ist: Bereits 1998 erwarb das Parlament für eine Fraktionslobby im Reichstagsgebäude Teile der "Herakles Notizen", einer mehrere hundert Blätter umfassenden Bildserie des Künstlers, die nun ebenfalls mit zahlreichen weiteren Blättern aus der Serie im Kunst-Raum zu sehen ist.

Mit der Ausstellung, die dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr für Besucher geöffnet ist, geht der Bundestag aber einen Schritt weiter: "Wir wollen einen Überblick über das Gesamtwerks des Künstlers geben, sein Umfeld vorstellen", erläutert Kaernbach das Konzept der 2005 begonnenen Ausstellungsreihe im Kunst-Raum, die nun durch die aktuelle Schau fortgesetzt wird. Für den Kurator ein Höhepunkt: "Dammbeck ist einer der wichtigsten deutsch-deutschen Künstler. Einer, der für den Mut zum Widerstand und die Fähigkeit zur künstlerischen Selbstbehauptung steht - und mit seiner Kunst allen Weltheilungsphantasien eine Absage erteilt."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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