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Sophie Mühlmann
Zum Retter auserkoren

PHILIPPINEN Favorit Aquino klarer Wahlsieger

Der Favorit hat klar gewonnen: Benigno "Noynoy" Aquino III. wird der neue Präsident der Philippinen. Er siegte mit mehr als 40 Prozent der Stimmen deutlich vor seinem Konkurrenten, dem ehemaligen Filmstar und Ex-Präsidenten Joseph Estrada.

"Noynoy" hat als Sohn gesiegt, sein größtes Wahlkampfargument war sein Familienname: Er ist der einzige Sohn der philippinischen Ex-Präsidentin und Demokratielegende Corazon Aquino. Sein Vater war der populäre Oppositionssenator Benigno Aquino Jr., ein Bürgerrechtler, den der Diktator Ferdinand Marcos 1983 bei der Rückkehr aus dem amerikanischen Exil direkt am Flughafen Manila ermorden ließ.

Gewalt und Einschüchterung sind ein immer wiederkehrendes Thema auf den Philippinen, und so haben sie auch diese Wahl überschattet. Mindestens 14 Menschen sind am Wahltag, dem 10. Mai, bei Zusammenstößen zwischen Anhängern rivalisierender Kandidaten getötet worden. Während des Wahlkampfes hatte es, schätzte das philippinische Institut für Frieden, Gewalt und Terrorismus, mehr als 100 Todesopfer gegeben, darunter 38 Kandidaten.

Neben dem Staatsoberhaupt und dessen Stellvertreter, die gemäß der Verfassung einzeln, nicht als Team für eine jeweils sechsjährige Amtszeit gewählt werden, bestimmten die Wähler am vergangenen Montag auch die 270 Abgeordneten des Repräsentantenhauses und die Hälfte der 24 Senatoren. Und das war noch nicht alles an diesem Mega-Wahltag: Auch über sämtliche Bürgermeister und lokale Räte wurde abgestimmt. Insgesamt waren es 82.000 Kandidaten, die um rund 18.000 Mandate auf nationaler und lokaler Ebene wetteiferten.

Der Zwei-Kammer-Kongress oder "Kongreso" der Philippinen besteht aus dem Senat und dem Repräsentantenhaus (Kapulungan Ng Nga Kinatawan). Dessen Abgeordnete werden alle drei Jahre neu gewählt.

Typisch für den südostasiatischen Inselstaat waren die Kandidaten: eine bunte Mischung aus Showbusiness, Prominenz und den Mitgliedern der großen philippinischen Politdynastien -Namen sind auf den Philippinen seit jeher wichtiger als Inhalte. Hier, wo politische Karrieren meistens auf schriller Publicity aufbauen, wo Filmstars, Sänger oder Sportskanonen zu Volksvertretern mutieren, wo Ruhm alles ist und politische Konzepte fast gar nicht zählen, da ist ein unscheinbarer, stiller Mann wie Noynoy eine große Ausnahme.

Ohne Skandale

Eigentlich wollte der 50-jährige Junggeselle mit der Brille und der Halbglatze gar nicht antreten. "Ich habe nie darüber nachgedacht", hatte er einmal in einem Interview zugegeben: "Ich habe mich nicht darum gerissen, die Person zu werden, die die Verantwortung zur Lösung aller Probleme trägt." Noynoy gilt als ehrlich, und seine Weste ist weiß: keine Selbstveständlichkeit auf den Philippinen. In den zwölf Jahren der politischen Karriere Noynoys gab es nicht einen einzigen Skandal.

Seine Vorgängerin Gloria Macapagal Arroyo hingegen steckt bis zum Hals im Korruptionssumpf. Seit der Zeit des Diktators Marcos hat es kein Staatsoberhaupt gegeben, das so unbeliebt war wie sie. Dreimal hatte die Opposition versucht, die unpopuläre Präsidentin durch ein Amtsenthebungsverfahren zu stürzen, aber ohne Erfolg. Die Mehrheit der Bevölkerung ist einer jüngsten Umfrage zufolge froh, dass ihre Zeit nun um ist. Nach neun Jahren im Amt durfte sie nicht mehr als Präsidentin antreten. Sie ließ sich allerdings für einen Sitz im Senat wählen - wohl auch, um Immunität zu behalten und so einem Korruptionsverfahren entgegenzuwirken.

Welle der Sympathie

Ihr Nachfolger hat genau den entgegengesetzten Ruf. Das Image der Rechtschaffenheit und Glaubwürdigkeit liegt bei Benigno III. in der Familie. Seine Mutter, genannt Cory, hatte nach dem Tod ihres Gatten dessen Mission übernommen und Marcos drei Jahre später mit dem legendären "People's Power"-Volksaufstand aus dem Amt gejagt. Seitdem gilt sie als beinahe heilige Volksheldin. Ihr Tod im vergangenen Jahr hatte Noynoy eine zusätzliche Welle der Sympathie und Nostalgie eingebracht, auf der er nun bis an die Staatsspitze reiten konnte.

Ohne seine prominente Abstammung, da sind sich viele Beobachter einig, gäbe es indes nicht viel, das eine solche Karriere begründen würde. Aquino gilt als farblos, linkisch und ein wenig langweilig. Die Reden des studierten Wirtschaftswissenschaftlers, der einige Jahre lang Nike-Schuhe verkauft hat, sind wenig inspirierend, sein Auftritt kaum charismatisch. Und doch verkörpert er Hoffnung und Wandel, und die Mehrheit der fünf Millionen Wähler in dem verarmten, korrupten, von Gewalt gebeutelten Land hat ihn zum Retter auserkoren. Die hohe Wahlbeteiligung von rund 75 Prozent führen Analysten auf diese Erwartung zurück.

Aquino will jetzt die Armut und Arbeitslosigkeit in seiner Heimat bekämpfen. Sein Wahlslogan ist recht simpel: "Ohne korrupte Politiker gibt es auch keine armen Leute."

Einfacher gesagt als getan, doch die schlichten Worte kommen gut an. Aquino hat eine Untersuchungskommission angekündigt, die seine Vorgängerin Gloria Arroyo genau unter die Lupe nehmen soll. Die scheidende Präsidentin hat allerdings am vergangenen Mittwoch schnell noch einen neuen Obersten Richter eingesetzt, von dem sie sich offenbar erhofft, dass er ihr im Gegenzug einen Korruptionsprozess erspart. Renato Corona ist ein alter Vertrauter Arroyos. Er war ihr "Chief of Staff", als sie noch Vizepräsidentin war. Noynoy Aquino kann ihn laut Verfassung nun nur durch ein Amtsenthebungsverfahren absetzen.

Der neue Präsident erbt die Macht in einem Land mit massivem Haushaltsdefizit und einer erdrückenden Historie von Vetternwirtschaft und Gewalt. "Kann Noynoy die Philippinen retten?", fragte jüngst das US-amerikanische "Time""Magazin. Die Autoren sind optimistisch. Sie meinen: Mit seiner "fast Ghandi-artigen Schlichtheit und Aufrichtigkeit" habe Nonoy durchaus das Zeug dazu.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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