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ORTSTERMIN IM: BRITISCHEN PARLAMENT
Sebastian Borger
»Wir formen unsere Gebäude, dann formen sie uns«

Welch ein Kontrast! An diesem Dienstag kommt wieder einmal die Queen zu Besuch in den Palast von Westminster, dem Sitz des Parlamentes von Großbritannien. In der prächtigen Paradekutsche, begleitet von 48 Reitern in Bärenfellmützen, fährt Elizabeth II. dann direkt zum ihr zustehenden "Eingang des Souveräns". Der liegt am Südwest-ende des langgestreckten Gebäudes unter dem Turm, der nach ihrer Vorfahrin Victoria benannt ist. Von dort begibt sich die Königin ins Oberhaus (House of Lords) und verliest die Thronrede. Mit ihrer Regierungserklärung leitet sie die neue Sitzungsperiode des am 6. Mai frisch gewählten Unterhauses, des House of Commons ein.

Gewöhnliche Besucher des neugotischen Monumentalbaus am Ufer der Themse hingegen stehen erst einmal vor der aktuellsten Ergänzung zum architektonischen Mischmasch am Parliament Square an. Es handelt sich um ein liebloses Häuschen aus Beton und Stahl. Wer Metalldetektor und Taschenkontrolle überstanden hat, steht nach einigen Schritten in der Westminster Hall, dem ältesten und in vieler Hinsicht eindrucksvollsten Teil des Palastes. Im Jahr 1097 ließ König Wilhelm II, Sohn des normannischen Eroberers, die 73 mal 20 Meter lange Halle errichten. Sie ist von zwei Meter dicken Quadern ummauert, bleibt also auch im kurzen englischen Hochsommer kühl. Vor allem aber wird der gewaltige leere Raum von der größten mittelalterlichen Holzdecke Nordeuropas überspannt. Die schier übermenschliche Meisterleistung von Baumeistern und Handwerkern des späten 14. Jahrhunderts ist auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch großartig anzusehen.

Hier steigen Staatsempfänge und Ordensverleihungen, gelegentlich kommt es auch zu Fragestunden des Parlaments. Oder es finden sich, so neulich geschehen, ein Großteil der 232 frischgewählten Unterhaus-Abgeordneten zusammen, damit der Parlaments-Fotograf sie ablichten kann (Bild). Im Plenarsaal des Unterhauses ist das Fotografieren nämlich verboten. Selbst Fernseh-Kameras wurden dort erst vor 20 Jahren zugelassen.

Gegenüber der 900 Jahre alten Westminster Hall sind die Kammern von Ober- und Unterhaus sowie weite Teile des restlichen Palastes Emporkömmlinge. Erbaut wurden die Gebäude nach dem gewaltigen Brand von 1834 in rund 20-jähriger Arbeit als viktorianische Monumentalbauten. Architekt Charles Barry und sein genialer Gehilfe Augustus Pugin legten den Königsthron, Oberhaus und Unterhaus in einer Achse an. Dazwischen thront die Central Lobby: Wenn das Parlament tagt, schreitet der Speaker, der britische Parlamentspräsident, mit seinen Begleitern in einer Prozession durch die Lobby zum Plenarsaal.

Vergangene Woche wurde der Konservative John Bercow als Parlamentspräsident bestätigt. Er darf also weiter in der engen Kammer präsidieren, in der sich die Unterhaus-Abgeordneten auf treppenartig ansteigenden grünen Bänken gegenübersitzen: Regierungsfraktionen auf der einen, oppositionelle Abgeordnete auf der anderen Seite. Nun, da Premier David Cameron die erste Koalitionsregierung seit Churchills Kriegskabinett geformt hat, müssen plötzlich Konservative (306 Sitze) und Liberaldemokraten (57 Sitze) einträchtig die Regierungsbank teilen. Ihnen gegenüber sitzen die 258 Vertreter der Labour-Partei. Doch eines hat sich auch in der neuen Legislaturperiode nicht verändert: Im Saal des Architekten Giles Gilbert Scott finden lediglich 427 der 650 Abgeordneten einen Sitzplatz vor. Wer zu spät kommt, muss stehen.

Nachdem deutsche Fliegerbomben den Plenarsaal im Mai 1941 zerstört hatten, diskutierten die Abgeordneten übrigens über seinen Neubau: Sollte man die Parlamentarier-Bänke, wie anderswo auf der Welt, im Halbkreis oder in Hufeisenform aufstellen? Nein, beharrte Kriegspremier Winston Churchill, die Kammer veranschauliche das britische Zwei-Parteien-System, und jenes sei die Essenz der britischen Demokratie: "Wir formen unsere Gebäude, und anschließend formen sie uns."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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