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Parlamentarisches Profil
Jan Rübel
Die Volkstribunin: Julia Klöckner

Als Kurt Beck beim Hof der Klöckners in Guldental bei Bad Kreuznach vorfuhr, war es ein Besuch ganz nach seinem Geschmack. Es war 1995, und er durfte der frisch gekürten deutschen Weinkönigin und ihrer Winzerfamilie gratulieren und den Wein der Heimat ehren. Dass er 15 Jahre später sein Amt als rheinland-pfälzischer Ministerpräsident gegen eben jene Königin zu verteidigen hat, ahnte er nicht beim Anblick der damals 22-jährigen Julia Klöckner.

Gerne haben sie in der SPD die neue Frontfrau der CDU in Mainz belächelt. Hier König Kurt, ein ganzer Kerl, der "mit de Leit' zu schwätze" weiß - dort Königin Julia, die junge Verbraucherpolitikerin im fernen Berlin. Julia Klöckner lehnt sich in ihrem Abgeordnetenbüro im Paul-Löbe-Haus zurück. "Manche Herren in der SPD scheinen die Frauen in der CDU gerne zu unterschätzen", sagt sie. Doch als die SPD sah, dass auch Klöckner Festzelte füllt, bei ihren Streifzügen durchs Land Menschentrauben nach sich zieht, da kündigte Beck an, die Spitzenkandidatin der CDU bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz im Frühjahr 2011 wie einen Mann zu behandeln. "Ich habe jedenfalls nicht vor, ihn wie eine Frau zu behandeln", sagt sie. Und legt los: "In Mainz hat sich eine Arroganz der Macht entwickelt. Demnächst wird wohl noch der Hofknicks in der Staatskanzlei eingeführt."

Doch das Image der Hübschen wird sie nicht los. "Das schöne neue Gesicht der CDU", titelte "Bild", und sei es von links (Frankfurter Rundschau: "Sie sieht gut aus") oder rechts (Cicero: "Bei ihr ist die weibliche Erscheinung gepaart mit der Fähigkeit, komplizierte Sachverhalte verständlich zu vermitteln") - dieses Image reduziert, führt weg vom Politischen. Über welchen Mann wird so geschrieben? "Das ist journalistische Freiheit", sagt sie diplomatisch, "ich kenne keinen Politiker, der glaubt, mit Aussehen ein Land regieren zu können."

Die politische Karriere der Julia Klöckner erstaunt, weil sie mit-tendrin begann. Nicht mit einer Ochsentour durch den Parteiapparat, sondern weil sie auffiel. Erst 1997 war sie in die Junge Union eingetreten, hatte Politik und Religion studiert und als Lehrerin gearbeitet, sich schließlich für den Journalismus entschieden und nach einem Volontariat als Chefredakteurin des Weinmagazins "Sommelier" die Welt der Reben bereist. Doch dann kam dieser Anruf. "Kannst Du Dir vorstellen, für den Bundestag zu kandidieren", fragte man sie 2001, "überleg's Dir bis heute Nachmittag." Klöckner sagte ab. Ein Freiticket war es, per Landesliste garantierter Wechsel ins Parlamentarierleben. Als man sie drei Wochen später noch mal fragte, sagte sie zu. Den Wahlkreis Bad Kreuznach, den sie 2002 bei ihrer ersten Kandidatur nicht gewann, eroberte sie dann 2005 und hielt ihn 2009.

In den Berliner Jahren war sie verbraucherschutzpolitisch aktiv, beackerte dieses damals als Nischenthema verlachte Gebiet - und machte auf sich aufmerksam. Avancierte zur Volkstribunin auf einer Bühne, die immer mehr Beachtung fand. 2009 dann die Ernennung zur parlamentarischen Staatssekretärin im Bundesministerium für Landwirtschaft und Verbraucherschutz; wohl auch ein Winkelzug Angela Merkels, Klöckners Ausgangslage beim Sturm auf Mainz zu verbessern.

Der chronisch zerstrittenen CDU in Rheinland-Pfalz erschien Klöckner wie eine Heilsbringerin. Lebensgeist und Eintracht hauchte sie ihr ein, im Moment. Dabei ist der Wahlkampf längst ausgebrochen. Es ist vor allem ein Wettstreit mit Beck über die größere Bodenständigkeit. Klöckner setzt dabei auf eine Mischung aus Pragmatismus und Konservatismus. "Ich orientiere meine Politik an den Bedürfnissen der Leute und mit Augenmaß fürs Mögliche", sagt sie. Knallhart Position bezieht die Theologen bei Moralfragen: "Embryonale Stammzellen sind menschliches Leben. Entsprechend ist der Schutz dieses Lebens für mich von höchstem Interesse", sagt sie. Beim Abfassen von Patienten-verfügungen empfiehlt sie dringend ärztliche Beratung. Entscheidend für die Wähler in Rheinland-Pfalz wird sein, welcher Kandidat die größeren Führungsqualitäten zeigt. Die Schonzeit für den Shooting-Star Klöckner, das neue Gesicht der CDU, ist - so scheint es - längst vorbei.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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