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VOR 15 JAHREN ...
Benjamin Stahl
Vergängliches Kunstwerk

24. Juni 1995: Reichstags-Verhüllung

Als der Bundestag im Februar 1994 darüber beriet, ob das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude den Reichstag verhüllen darf oder nicht, stellte der SPD-Abgeordnete Peter Conradi fest: "Über Kunst kann nicht mit Mehrheit entschieden werden, sie gehört zum Bereich des Unabstimmbaren." Dennoch musste eine Entscheidung her. 295 Abgeordnete stimmten für das Vorhaben, 226 waren dagegen. 23 Jahre, nachdem Christo erste Skizzen der Idee angefertigt hatte, konnte das Projekt "Wrapped Reichstag" endlich verwirklicht werden.

Vor dessen Vollendung am 24. Juni 1995 begannen Montagearbeiter bereits im April, die erforderlichen Stahlkonstruktionen am Reichstag zu installieren. In einwöchiger Arbeit brachten dann 90 Gewerbekletterer die hunderttausend Quadratmeter Polypropylengewebe an das Gebäude an. Zwei Wochen lang ließen die silbernen Stoffbahnen das Reichstagsgebäude - Christos Vorstellung entsprechend - wie einen "gefrorenen Wasserfall" erscheinen. Rund fünf Millionen Besucher fanden während dieser Zeit den Weg zu dem vergänglichen Kunstwerk. Die Bilder vom verhüllten Reichstagsgebäude und seinen Gästen aus aller Welt gingen um die Welt und vermittelten ein neues Deutschland: weltoffen, tolerant, gelassen. "Damals erlebte Berlin sein erstes Sommermärchen", schrieb Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) kürzlich in einem Glückwunschschreiben an Christo zu dessen 75. Geburtstags.

Etwa 1,5 Millionen D-Mark kostete die spektakuläre Aktion. Die Finanzierung übernahmen der aus Bulgarien stammende Künstler und seine inzwischen verstorbenen Frau selbst.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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