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AUFGEKEHRT
Susanne Kailitz
Taubgetrötet vom iPad

Man kann es nicht anders sagen: In Sachen technisches Equipment ist die FDP auf der Höhe der Zeit. Nicht nur, dass Jimmy Schulz, Experte der Fraktion für Internet und digitale Gesellschaft, gerade als erster Abgeordneter des Deutschen Bundestags eine Rede von seinem nigelnagelneuen iPad abgelesen hat - er hat um der globalen Verbreitung des Novums willen auch seine Anhänger auf Twitter, Facebook und Co rechtzeitig darüber informiert, dass er dies tun würde.

Der Pressestelle seiner Fraktion war die bahnbrechende Aktion sogar eine eigene Meldung wert, in der zu lesen war, Schulz habe die "Pad Premiere" zwar souverän gemeistert, sei sich aber der großen Gefahr im Umgang mit dem Gerät bewusst: "Man muss aufpassen, in der Aufregung nicht zu schnell zu scrollen, sonst ist man plötzlich an der ganz falschen Stelle im Manuskript."

Feingefühl ist also von Nöten - und das nicht nur im Umgang mit dem iPad, sondern auch innerhalb der Koalition. Und auch da könnte die neue Technik zukunftsweisend wirken: So rangeleigefährdet wie Union und FDP derzeit sind, kann ein dicker Ordner mit Sparvorschlägen in intensiven Haushaltsverhandlungen schnell zum Wurfgeschoss mutieren - während die Koalitionäre es sich dagegen vermutlich zweimal überlegen werden, ob sie das edle Display des Pads tatsächlich am harten Schädel der Gegenübers zerkratzen sollten.

Sollte es trotz aller Harmoniebestrebungen erneut zu Auseinandersetzungen zwischen den "Gurken" und "Wildsäuen" kommen, bietet sich der Einsatz des Geräts dennoch an: Immerhin gibt es inzwischen auch eine iPad-Vuvuzela, die an die heimische Musikanlage angeschlossen werden kann und ganz sicher jeden politischen Zwist übertönt. Wer taubgetrötet ist, kann schließlich nicht mehr streiten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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