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Parlamentarisches Profil
Robert Radu
Die Schavan-Kritikerin: Daniela Kolbe

Eine studierte Physikerin aus dem Osten Deutschlands macht Bundespolitik. Die Rede ist diesmal nicht von Bundeskanzlerin Angela Merkel, sondern von einem neuen Gesicht in den Reihen der SPD-Fraktion: Daniela Kolbe.

Die junge SPD-Abgeordnete kam im September 2009 über die Landesliste Sachsen in den Bundestag. Kolbe, die 1980 im thüringischen Schleiz geboren wurde, ist mit ihren 30 Jahren das jüngste Mitglied einer stark dezimierten Fraktion. Ihr Mandat fällt damit in eine schwierige Zeit: Sie sitzt nun für eine Partei im Bundestag, die nicht nur über den Verlust der Regierungsverantwortung hinwegkommen muss und erst dabei ist, sich in ihre Rolle als Oppositionsfraktion einzufinden. Gerade Kolbe als jüngstes und damit medial besonders aufmerksam beobachtetes Fraktionsmitglied muss die Erneuerung ihrer Partei, die ja nicht selten mit einer Verjüngung beginnt, mit vorantreiben. Das sind hohe Erwartungen.

Dass gerade die SPD unter den zehn jüngsten Abgeordneten überhaupt nicht vertreten ist - Bündnis 90/Die Grünen sind es gleich vier Mal - könnte jene Sozialdemokraten durchaus besorgen, die an den Nachwuchs ihrer Partei denken. Kolbes Sicht der Dinge kann nüchterner nicht sein: "Das Wahlergebnis war grandios schlecht", gibt sie unumwunden zu. Vor allem im Osten sei es verheerend gewesen. "Meine Reaktion auf das errungene Mandat war daher auch eher eine Mischung aus Traurigkeit und Freude über die kommende parlamentarische Arbeit."

An diesen klaren und kritischen Worten zeigt sich vor allem auch eins: eine gesunde Distanz zur eigenen Partei. Erst 2002 ist Kolbe der SPD beigetreten, obgleich sie sich schon viel früher im sozialdemokratischen Sinne zu engagieren begonnen hatte.

Mit 16 Jahren gründete sie in Jena einen Ortsverband der "Falken", die sich als sozialistischer Kinder- und Jugendverband verstehen. Nach ihrem Umzug von Jena nach Leipzig, wo sie 1998 zunächst ein Studium der Meteorologie aufnahm, kam Kolbe zu den Leipziger Jusos, deren Vorsitzende sie dann von 2004 bis 2009 war.

In ihrem heutigen Wahlkreis verwandelte sich Kolbe immer mehr von einer politisch interessierten Physikerin zu einer politisch aktiven Sozialdemokratin. "Die Frage nach dem Entweder-Oder", erinnert sich Kolbe heute, "ließ sich spätestens da nicht weiter aufschieben." Ihr Physikstudium sei eher eine Vernunftentscheidung gewesen, da sie sich Politik als Beruf nicht habe vorstellen können. "Politik ist mein Hobby", dachte Kolbe damals in jungen Jahren, "aber mein Geld verdiene ich mit etwas anderem." Letztlich kam jedoch alles anders. Die Physikerin hat sich schließlich doch für die Politik entschieden. Mit ihrer Berufswahl folgt sie ihrer tiefen Überzeugung, wonach "die Welt veränderungsbedürftig ist und man sie mit richtiger Politik auch verändern kann".

Dies mag ein wenig pathetisch klingen, doch dass es noch immer vornehmlich die Politik ist, nicht etwa die Wirtschaft, die jene Entscheidungen trifft, die das Leben aller berühren, dessen ist sich die junge SPD-Abgeordnete sicher: "Bundestagsabgeordnete können Dinge bewegen, gleich ob sie in der Regierung oder der Opposition sitzen."

Daniela Kolbe, die Mitglied im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung ist und auch im Innenausschuss sitzt, sieht ihre künftige Arbeit vor allem in der Wissenschaftspolitik. Hier geht sie auf Konfrontation zur Bildungspolitik der schwarz-gelben Regierung. So animiere das Stipendiensystem von Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) Jugendliche aus sozial schwachen Familien nicht dazu, ein Studium aufzunehmen. Statt die Zahl der Stipendien zu erhöhen, solle man deshalb besser das BAföG-System ausbauen. "Wir halten Schavans Konzept der Exzellenz und Privatisierung das SPD-Konzept ,Beste Bildung für alle' entgegen." Kolbes hoher Leitsatz wird hier konkret: Die Welt verändert man im Kleinen, in der Tagespolitik, sachlich, bisweilen mühsam und fast immer ohne jedes Pathos.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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