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Ulrich Krökel
Herzliches Verhältnis

POLEN Sein Vorgänger Lech Kaczynski war Deutschland gegenüber von einer skeptischen Grundhaltung. Der neue polnische Präsident Bronislaw Komorowski pflegt enge Beziehungen zum großen Nachbarn im Westen

Als er vom Tod des Präsidenten erfuhr, griff Bronislaw Komorowski reflexartig in sein Jackett und zog die Verfassung der Republik Polen heraus. "Ich wollte den Gesetzestext sehen, wollte Schwarz auf Weiß lesen, was auf mich zukommen würde", berichtete Komorowski später über jene schicksalsschweren Minuten des 10. April 2010. Außenminister Radoslaw Sikorski informierte ihn damals über die Flugzeugtragödie im russischen Smolensk. Staatschef Lech Kaczynski und 95 weitere hochrangige Repräsentanten der polnischen Nation waren bei dem Absturz ums Leben gekommen. Und er, der Sejm-Marschall, wie die Polen ihren Parlamentspräsidenten nennen, würde nun die Amtsgeschäfte des Staatsoberhauptes übernehmen und Neuwahlen einleiten müssen.

Für den 58-Jährigen war dies eine mehr als heikle Situation, wollte er doch bei der ursprünglich für Oktober geplanten Wahl selbst als Präsidentschaftskandidat der rechtsliberalen Regierungspartei PO ins Rennen gehen. Seit rund einer Woche nun steht fest: Die Polen haben Bronislaw Komorowski tatsächlich zum vierten Präsidenten ihrer Dritten Republik gewählt. In einem Stichwahl-Krimi besiegte er Jaroslaw Kaczynski, den Zwillingsbruder des verunglückten Staatschefs, mit rund 54 Prozent der Stimmen. "Er hat diese extrem schwierige Situation nach der Katastrophe von Smolensk mit kühlem Kopf grandios gemeistert", lobte die frühere Polen-Beauftragte der Bundesregierung, Gesine Schwan.

Der Griff zur Verfassung in den dramatischen Augenblicken des 10. April war indes kein Zufall. Komorowski trägt das kleine Büchlein stets bei sich. "Der Präsident muss zuallererst die verfassungsmäßige Ordnung garantieren", sagte er nach seiner Wahl. Tatsächlich hat der direkt gewählte polnische Präsident deutlich mehr Befugnisse als etwa der Bundespräsident (siehe Kasten). Dass sich Komorowski indes in erster Linie als Hüter der Verfassung sieht, hängt vor allem mit seiner Prägung durch den Freiheitskampf der Solidarnosc und die friedliche Revolution von 1989 zusammen. Seit den 70er Jahren hatte der aus Niederschlesien stammende Historiker in der antikommunistischen Opposition mitgemischt. Im Solidarnosc-Aufstand kämpfte er 1980 "mit heißem Herzen" an der Seite des späteren Friedensnobelpreisträgers Lech Walesa. "Ich war damals ein Radikaler", sagt Komorowski heute. Doch die Staatsmacht schlug zurück. Wegen seiner Gegnerschaft zum KP-Regime saß Komorowski ein Jahr lang im Gefängnis. Seither lautet einer seiner Leitsätze: "Recht muss vor Macht gehen."

Danziger Mauerstück

Vor diesem Hintergrund war dem Mann mit dem akkuraten Seitenscheitel, der sonoren Stimme und dem "urpolnischen" Schnauzbart die Rolle als Sejm-Marschall, also als Präsident des polnischen Parlamentes, wie auf den Leib geschneidert. Wo Kritiker ihn als langweilig und bieder einstufen, sehen Freunde vor allem eines: Besonnenheit. Immer wieder bemühte sich Komorowski im Sejm um überparteilichen Konsens. Nicht zuletzt knüpfte er aber auch vielfältige Beziehungen zu Parlamenten im Ausland, insbesondere zum Deutschen Bundestag. In seiner knapp dreijährigen Amtszeit als Sejm-Marschall besuchte Komorowski die Bundesrepublik sechsmal. "Das ist absoluter Rekord, wenn es um die Reisen eines Parlamentspräsidenten in ein einziges Land während einer Legislaturperiode geht", erklärt Michal Madaj von der Sejm-Kanzlei.

Bei seinen Besuchen in Berlin kam Komorowski immer wieder mit Bundestagspräsident Norbert Lammert zusammen. Beide schätzen sich sehr. Als sie vor Jahresfrist am Reichstagsgebäude gemeinsam ein Mauerstück der Danziger Lenin-Werft enthüllten, war dies wohl der bewegendste Moment in der langen Reihe ihrer Treffen. In Danzig hatte der Freiheitskampf der Solidarnosc begonnen. Daran und "an den Beitrag Polens zur deutschen Wiedervereinigung" soll die Gedenktafel erinnern. 20 Jahre nach dem Mauerfall sprach Lammert von einer "großen Geste". Komorowski erwiderte: "Es gibt keine Freiheit ohne Solidarität."

Geprägt hat Komorowskis Deutschlandbild eine doppelte Vertreibungsgeschichte. Der Vater von fünf Kindern stammt aus einem Adelsgeschlecht mit Wurzeln in Litauen. Von dort vertrieben die Sowjets Komorowskis Vorfahren. In dem kleinen Ort Oborniki Slaskie unweit von Breslau aber, in dem Bronislaw Komorowski sieben Jahre nach dem Krieg zur Welt kam, hatten einst viele Deutsche gelebt. Sie wurden von Polen gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Der künftige Präsident hat daraus seine Lehren gezogen. "Die Aussöhnung mit Deutschland", sagte er einmal, "war die wichtigste Errungenschaft der Solidarnosc." Und so ist es kein Wunder, dass sich Komorowski in dem Streit um das in Berlin geplante "Zentrum gegen Vertreibungen" hinter den Kulissen hartnäckig und erfolgreich um eine Einigung bemühte.

Anfang August wird der designierte Präsident vereidigt. Im eigenen Land will er dann im Zusammenspiel mit seinem Parteifreund Premier Donald Tusk vor allem die Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft vorantreiben. Nach außen aber setzt er besonders auf ein gutes Verhältnis zu Deutschland - als Kern einer starken EU. Denn Komorowski ist davon überzeugt: "Wenn es der Europäischen Union gut geht, geht es auch Polen gut." Und so ist es kein Wunder, dass er ein besonders herzliches Verhältnis zu dem neuen Präsidenten des EU-Parlaments pflegt: Sein Landsmann Jerzy Buzek begann seine politische Laufbahn ebenfalls in der Solidarnosc.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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