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Götz Hausding
Von der Werkbank an die Uni

Bildung Experten streiten über die Wertigkeit von Schul- und Hochschulabschlüssen

Ist das Abitur mehr wert als der Abschluss einer Fachoberschule? Sollen bestimmte berufliche Qualifikationen Hochschulabschlüssen gleichgestellt werden? Über diese Fragen diskutierten die Experten, die der Bildungsausschuss des Bundestages am vergangenen Mittwoch zu einer öffentlichen Anhörung eingeladen hatte.

Hintergrund der Debatte ist die Entwicklung eines "Deutschen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen" (DQR). Dessen Ziel ist es, das deutsche Bildungssystem transparenter zu machen. Gleichzeitig soll es die Anerkennung in Deutschland erworbener Qualifikationen in den europäischen Nachbarstaaten erleichtern. Dazu werden die Abschlüsse aus den einzelnen EU-Ländern auf europäischer Ebene in acht Niveaustufen eingeordnet.

Offenheit gefordert

Wie die deutschen Abschlüsse genau gruppiert werden sollen, an dieser Streitfrage reiben sich Gewerkschaften und Arbeitgeber auf der einen und Hochschulen und Kultusministern auf der anderen Seite. So plädieren die Kultusminister der Länder dafür, das Abitur höher zu bewerten als einen Abschluss an einer Fachoberschule, mit dem Absolventen an einer Fachhochschule studieren können. In ihren Empfehlungen spricht sich die Kultusministerkonferenz der Länder dafür aus, den Fachoberschul-Abschluss auf Niveaustufe 4 einzuordnen - das Abitur hingegen soll in die Stufe 5 eingruppiert werden. Und das, obwohl man mit beiden Zeugnissen studieren dürfe, kritisierte Georg Spöttl. Er ist Professor am Bremer Institut für Technik und Bildung und Leiter der Arbeitsgrupe Elektro/Metall im DQR-Arbeitskreis.

Für Spöttl ist dennoch "die Berufsbildung der Gewinner bei der Entwicklung des Deutschen Qualifikationsrahmens". Durch den DQR werde das Gewicht des Meisterabschlusses dem des Bachelor-Abschlusses angeglichen, sagte Spöttl bei der Anhörung. Ebenso würden die Fachhochschulen näher an die Universitäten rücken. Diese "Gleichwertigkeit der beruflichen Bildung" ist seiner Ansicht nach ein "Zugewinn".

Der DQR werde für mehr Transparenz sorgen, prognostizierte Friedrich Hubert Esser vom Zentralverband des Deutschen Handwerks. Es gehe dabei um die "Neujustierung des Verhältnisses von allgemeiner, hochschulischer und beruflicher Bildung". Dabei handle es sich um mehr als nur um "Bildungskosmetik". Esser forderte, dass der DQR ebenso wie der Europäische Qualifikationsrahmen (EQR) am Bedarf der Unternehmen einerseits und der Lernenden andererseits ausgerichtet sein müsse. Nur dann würde er von allen akzeptiert.

»Alleinstellungsmerkmal«

Aus Sicht des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) muss der DQR zum Ziel haben, Transparenz, Gleichwertigkeit und Durchlässigkeit von Bildungsprozessen zu gewährleisten, sagte der DGB-Vertreter Hermann Nehls. Vor diesem Hintergrund betrachte er es mit Sorge, dass die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) die Vereinbarungen infrage stelle, die im Verhältnis "hochschulischer und beruflicher Aufstiegsfortbildung" bereits erreicht wurden. Er kritisierte, dass die Hochschulrektoren einen Handwerksmeister, dessen Abschluss auf Niveau 6 eingeordnet wird, nicht automatisch für einen Masterstudiengang zulassen wollten. Das "Alleinstellungsmerkmal", das die Universitäten für sich in Anspruch nehmen würden, sei aus Sicht des Gewerkschaftsbundes "nicht akzeptabel". Denn: "Wir brauchen eine Offenheit im Qualifikationsrahmen", forderte Nehls.

Daran sei auch die HRK interessiert, bestätigte deren Vertreter Jan Rathjen. Dahinter stecke eine "Wertschätzung für die berufliche Bildung". Gleichwohl müsse bedacht werden, dass mit Forderungen nach einer weiteren Liberalisierung, etwa beim Zugang zum Master-Studiengang, "entweder die Studierenden überfordert oder die Qualitätsniveaus sinken werden". Die Sorge der Hochschulen sei es, dass durch den DQR ein Druck erzeugt werde, sich vom wissenschaftlichen Profil zu entfernen, nicht zuletzt dadurch, dass der Zugang zum Studium erleichtert werde. "Dafür", so forderte Rathjen, "darf der DQR kein Schlüssel sein".

Keine Niveaustufe dürfe ausschließlich für bestimmte Qualifikationen reserviert werden, betonte Boris Brokmeier von der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe. Daher sei es auch wichtig, Ergebnisse des Wissenserwerbs außerhalb der traditionellen Bildungswege im DQR zu berücksichtigen. Kompetenzen, die etwa in Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit erworben wurden, müssten auch anerkannt werden. Dem entgegnete Lothar Herstix, Vorsitzender der Arbeitsgruppe "Europäischer Qualifikationsrahmen der Kultusministerkonferenz", der DQR habe die Funktion, das bestehende Bildungssystem "abzubilden, nicht aber, es zu ersetzen". Man wolle zuerst formelle Qualifikationen eingrup- pieren, sich aber später auch mit anderen Lernwegen beschäftigen. Götz Hausding

Aus Politik und Zeitgeschichte

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