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Aus Plenum und Ausschüssen
Karl-Otto Sattler
Die Kehrseite der günstigen Lebensmittelpreise

VERBRAUCHERSCHUTZ

Schweres Geschütz fahren die Kritiker der Supermarktketten bei der Anhörung des Ausschusses für Ernährung und Verbraucherschutz über die Macht der Konzerne auf dem Lebensmittelmarkt auf. Die Hersteller werfen den großen Handelsunternehmen vor, ihre marktbeherrschende Stellung für Preisdiktate gegenüber den Produzenten auszunutzen und den Lieferanten zu wenig zu bezahlen. Helmut Born vom Bauernverband wettert gegen einen "Steinzeitkapitalismus": Landwirte müssten als "Kanonenfutter" im Verdrängungswettbewerb der Ketten herhalten. Jürgen Abraham von der Bundesvereinigung der Ernährungsindustrie beklagt, dass die Hersteller dem Preisdruck der Handelskonzerne existenziell ausgeliefert seien. Franz-Josef Möllenberg von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten assistiert: Lasse sich ein Produzent auf die Preisforderung eines Unternehmens nicht ein, werde er schnell aus dessen Sortiment "ausgelistet".

Die Kritiker räumen ein, dass die Konsumenten von vergleichsweise günstigen Lebensmittelpreisen profitieren, die jedoch eine Kehrseite hätten: Das Angebot in den Regalen werde "immer stromlinienförmiger" (Born), die Preisdiktate erhöhten bei Herstellern den "Druck auf die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten" (Möllenberg). Für Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg hat der Preiskampf eine "schleichende Qualitätsverschlechterung" bei Lebensmitteln zur Folge.

Von einer "Marktbalance" spricht hingegen Stefan Genth vom Handelsverband Deutschland (HDE), der die niedrigen Verbraucherpreise als Plus herausstellt - die seit 2005 gleichwohl um elf Prozent gestiegen seien. Der Einzelhandel eröffne den Erzeugern vielfältige Absatzchancen. So stamme die Hälfte der Frischwaren im Sortiment aus Deutschland. Die Hersteller seien, wie der HDE in einem Papier erläutert, auch beim Export als Einnahmequelle sehr erfolgreich. Laut Genth landet nur 40 Prozent der bäuerlichen Milch in hiesigen Supermärkten. Der Preisdruck laste nicht nur auf den Produzenten, sondern auch auf dem Einzelhandel, dessen Umsatzrendite bei lediglich ein bis drei Prozent liege. Der HDE-Sprecher weist im Übrigen darauf hin, dass es auch bei der Ernährungsindustrie Konzentrationsprozesse und in Teilbereichen Überkapazitäten gebe.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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