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Jan Rübel
Ein Amt - zwei Berichte

gorleben Die Sicht des Kanzleramtes auf die Erkundung im Wendland

Vor 30 Jahren saßen sie sich im Amt gegenüber. Am vergangenen Donnerstag traten die beiden ehemaligen Referenten des Bundeskanzleramts, August Hanning und Wolf von Osten, getrennt vor den Ersten Untersuchungsausschuss - und überraschten mit voneinander abweichenden Berichten über ihre damalige Arbeit.

August Hanning zog eine nüchterne Bilanz. "Aus Sicht des Bundes war es wünschenswert, Probebohrungen an mehreren Standorten vorzunehmen. Aber Niedersachsen hatte sich immer strikt geweigert, auch andere Standorte als Gorleben zu untersuchen." Die Entscheidung der niedersächsischen Landesregierung für den Ort im Wendland "hat uns nicht begeistert" - wegen der Nähe zur DDR. Leider sei das Ansinnen des Bundes politisch nicht realisierbar gewesen. "Wir fanden uns damit ab."

Schließlich sei man mit der Wahl des Standorts verantwortlich umgegangen. Zwar habe es Probleme in Gorleben gegeben. Aber es gebe keinen optimalen Standort - und die Eignung Gorlebens sei nie in Frage gestellt gewesen.

Drastischer äußerte sich Wolf von Osten. Die Bundesregierung habe ein starkes Interesse an alternativen Standorten gehabt, sagte er. "Dieses Interesse wurde zwischen 1981 und 1982 wieder angeschoben durch die Tatsache, dass erhebliche Zweifel an Gorleben auftauchten." Von Osten nannte hierfür Probleme mit der Deckschicht und Wassereinbrüche. So habe kaum Dissens zwischen den zuständigen Ministerien darüber bestanden, dass man auch nach anderen Standorten suchen solle. Auch habe es 1982 eine Bitte der niedersächsischen Regierung gegeben, die Suche auf Standorte außerhalb Niedersachsens auszuweiten.

Zwei Männer - zwei Versionen. Ihre Aussagen werden dem Untersuchungsausschuss einige Arbeit bescheren. Geht es ihm doch um die Frage, ob die Bundesregierung 1983 im Vorfeld ihrer Entscheidung, sich bei der Suche nach einem Endlager für radioaktive Abfälle auf den Standort Gorleben zu beschränken, Einfluss auf untersuchende Wissenschaftler genommen hat. Die Strategien von Koalition und Opposition bei der Ausschussarbeit unterscheiden sich völlig. SPD, Grüne und Linkspartei sprechen in ihren Fragen oft grundsätzliche Themen der Endlagerung an; wollen sie doch damit die öffentliche Debatte über Kernkraftnutzung anheizen. Union und FDP indes versuchen die Verantwortung der bis 1982 den Bundeskanzler stellenden SPD für die Gorlebenentscheidung hervorzuheben.

Besonders deutlich wurde dies beim Auftritt des ersten Zeugen am Donnerstag. Der Quartärgeologe Klaus Duphorn sollte über die obertägigen Erkundungen am Standort Gorleben berichten. "Je tiefer wir bohrten, desto schlechter wurden die Ergebnisse", sagte Duphorn. Sein Vertrag war nicht über das Jahr 1981 hinaus verlängert worden. "Über die Art und Weise, wie ich vom Bundesministerium für Forschung und Technologie damals abserviert und abqualifiziert worden bin, habe ich mich geärgert", sagte Duphorn. Er äußerte den Verdacht, dass Referenten im Bundesministerium teilweise am Minister vorbei agiert hätten.

Für jede Fraktion bot sich so ein Einfallstor für unterschiedliche Bewertungen. "Wir haben heute eine bemerkenswerte Wende erlebt", sagte CDU-Obmann Reinhard Grindel. "Klaus Duphorn hat der damaligen SPD-Bundesregierung vorgeworfen, ihm 1982 keine neuen Verträge mehr bewilligt zu haben, weil dem Forschungsministerium seine Forschungsergebnisse nicht gepasst hätten." Grünen-Obfrau Sylvia Kotting-Uhl konterte: "Damals wie heute gibt es erhebliche wissenschaftliche Zweifel an der Eignung von Gorleben."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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