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Boris Kalnoky
Kulturell kompatibel?

ISLAM Die Rolle der Religion für den Beitritt in die EU

Jüngst äußerte sich der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan in gewohnter Manier zur EU-Kandidatur seines Landes: Europa "müsse" die Türkei aufnehmen, "um zu beweisen, dass es kein Christenclub ist". Natürlich ist in den Aufnahmebedingungen nirgendwo von Religion die Rede. Umso bemerkenswerter, dass es in der Debatte um den türkischen Beitritt andauernd genau darum geht. Würde wirtschaftlich argumentiert, dann müsste die Türkei begehrenswerter erscheinen als so manches dahinsiechende EU-Mitglied, etwa Griechenland, Rumänien oder Bulgarien.

Weil es wirtschaftlich kein schlagendes Argument gegen die Türkei gibt, rügen ihre Gegner deren "kulturelle Inkompatibilität", womit sie meinen, dass sie muslimisch ist. Westliche Befürworter betonen die "Brückenfunktion" der Türkei in Richtung islamische Welt, nicht deren Wirtschaft. Der Grund für eine Aufnahme oder Ablehnung des Landes scheint - in westlichen Augen - die Religion zu sein.

Unerbetene Europäisierung

Sonderbar, dass die Türkei ähnlich argumentiert: Sie betont zunehmend ihre islamische Haltung, und fordert die EU auf, dies zu akzeptieren. Staatsgründer Atatürk unterzog sein Volk ab 1923 einer unerbetenen "Europäisierung". Er sah den Islam als Entwicklungsbremse und legte der Religion enge staatliche Ketten an. Atatürk zu kritisieren ist in der Türkei bis heute tabu. Der Druck dieses Identitätstraumas schafft sich ein Ventil in der Verteufelung der EU: Sie, und nicht der zwanghaft verehrte Atatürk, wird als anti-islamisch verdammt.

EU-Politiker dürften nachsichtig lächeln. Sie wissen, dass der Islam-Vorwurf vordergründig ist. Die Türkei mit ihren 72 Millionen Einwohnern würde die Machtstrukturen der EU erschüttern. Daher ist die türkische Kandidatur so heikel, und daher ist der Islam selten ein Thema, wenn es um kleinere EU-Anwärter wie Bosnien oder Albanien geht.

Dass die Türkei unter der islamisch empfindenden Regierung Erdogans überhaupt EU-Mitglied werden will, hat zum Teil ebenfalls mit Religion zu tun. Die Kandidatur dient dazu, die Türkei zu islamisieren, gegen den Widerstand der säkularen Eliten, vor allem der einflussreichen Armee. "Man betrachtet die EU als Vehikel für die Freiheit, mehr Religion durchsetzen zu können", sagt Gareth Jenkins, einer der angesehensten Türkei-Experten und Verfasser zweier Bücher über den politischen Islam und das Militär in der Türkei. Die Freiheiten des Kopenhagener Werte-Katalogs bringen automatisch mehr Freiheit für den Islam, die politische Gängelung durch das Militär widerspricht ebenfalls europäischen Werten. So ist der EU-Beitrittsprozess ein Mittel zur Selbstentfaltung für die Muslime der Türkei.

Die Frage ist, was die islamischere Türkei am Ende wirklich will. Das Militär ist bereits weitgehend entmachtet, und es mutet fast wie ein Ergebnis dieser neuen Freiheit an, dass sich die türkische Außenpolitik zunehmend der islamischen Welt zuwendet. Jenkins zufolge haben Erdogan und seine Mitstreiter "nie verinnerlicht, dass es eine Gleichberechtigung zwischen den Religionen geben sollte". Erdogan, der in den 1990er Jahren als Fundamentalist auftrat und gegen den Westen wetterte, kehrt laut Jenkins neuerdings zu diesen Wurzeln zurück. Was also ist heute Erdogans muslimische Vision, und welchen Platz hat darin Europa? "Wenn es nur nach Erdogan ginge", meint Jenkins, dann würde er aus der Türkei "den Führer der islamischen Welt machen". Mit dem Westen würde er gute nachbarschaftliche Beziehungen anstreben, aber "nicht im selben Haus", er würde Distanz halten.

Der Autor ist Korrespondent der Tageszeitung "Die Welt" in Istanbul.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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