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Susanne Kailitz
»Immer muss man kuschen«

ARBEITSMARKT Drastische Zunahme befristeter Arbeitsverträge schränkt die Planung junger Menschen ein

Was anderen Menschen vielleicht spießig erscheint, ist Stefan Ullrichs* Traum: "Ich will endlich sesshaft werden. Ein Haus kaufen, einfach mal wissen, wo ich mit meiner Familie in den kommenden Jahren leben werde." Dass dieser Traum sich für Ullrich erfüllt, ist vorerst nicht absehbar: Der 38-jährige Historiker arbeitet an einer sächsischen Hochschule - mit einem Zwei-Jahres-Vertrag. "Ich kenne das gar nicht anders. Seit meinem Studienabschluss habe ich immer nur befristete Arbeitsverträge gehabt, mal für drei Jahre, mal auch nur für sechs Monate", berichtet Ullrich. In vier Monaten läuft sein aktueller Arbeitsvertrag aus; ob er einen danach neuen bekommt, ist noch offen.

Hauskauf ist nicht drin

Deshalb will Ullrich auch nicht mit seinem richtigen Namen in der Zeitung stehen - während der kommenden Wochen, in denen es darum geht, seinen Chef von seiner Unverzichtbarkeit zu überzeugen, kann er es sich nicht leisten, negativ aufzufallen oder gar als Querulant dazustehen: "Im Grunde ärgert mich das am meisten: Dass man immer kuschen muss und sich seiner Sache nie sicher sein kann - egal, wie gut man arbeitet." Manchmal würde Ullrich seinem Frust gern Luft machen und seinem Chef und der Hochschulverwaltung entgegen brüllen, was er von dieser Behandlung hält. Doch Ullrich ist seit einem halben Jahr Vater. "Ich will meiner Familie nicht schon wieder einen Umzug zumuten oder gar die Unsicherheit, wenn ich arbeitslos werde", sagt er: "Meine Frau will in einer paar Monaten wieder in ihren Job zurück; ob sie in einer anderen Stadt eine Stelle findet, ist völlig unklar."

Seit vielen Jahren wird das Leben der Ullrichs davon bestimmt, dass es Sicherheit nur auf Zeit gibt: "Wir hätten gern früher ein Kind gehabt, haben uns aber lange nicht getraut - und schließlich gegen alle Bedenken gesagt, wir machen das jetzt. Man kann doch das Leben nicht immer aufschieben." Ein Haus oder eine Wohnung zu kaufen ist nach wie vor nicht drin - zu groß ist die Gefahr, kurz nach dem Einzug wieder den Umzugswagen bestellen zu müssen.

Erfolglose Probezeit

Stefan Ullrich ist bei Weitem kein Einzelfall. Nach Untersuchungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit stieg der Anteil der befristeten Verträge an den Neueinstellungen von 32 Prozent im Jahr 2001 auf 47 Prozent im ersten Halbjahr 2009. Ein Großteil dieser Befristungen finde sich im öffentlichen Dienst. Stark betroffen sei auch der Bereich sozialer Dienstleistungen, sagt Claudia Weinkopf, Vizedirektorin des Instituts Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen. Fast jeder zweite Arbeitnehmer erhält damit bei der Neueinstellung nur einen Zeitarbeitsvertrag. Betroffen sind vor allem junge Arbeitnehmer - "frappierend", findet Weinkopf. In vielen Fällen erweist sich die Befristung als erfolglose Probezeit: Nur die Hälfte der befristet Eingestellten wird später übernommen. Zahlen des Statistischen Bundesamts belegen, dass lediglich 2,5 Prozent der befristet beschäftigten Arbeitnehmer ganz bewusst auf eine Festanstellung verzichtet haben - die überwältigende Mehrheit musste sich den Wünschen ihrer Vertragspartner beugen.

Was für die Betroffenen dazu führt, dass eine längerfristige Lebensplanung kaum möglich ist, wird von den Arbeitgebern als willkommene Flexibilisierung des Arbeitsmarktes gelobt. Die Regierung sehen sie dabei zu Recht an ihrer Seite: Im Bundesarbeitsministerium wird gerade an einem Gesetzentwurf gearbeitet, der den Abschluss befristeter Arbeitsverträge weiter erleichtern soll. Bislang müssen Unternehmen, die neue Angestellte nur auf Zeit beschäftigen wollen, dies genau begründen - mit der Gefahr, dass die Befristungsgründe juristisch angefochten werden können. "Sachgrundlose Befristungen" sind bislang nur möglich, wenn mit demselben Arbeitsgeber zuvor kein anderes Arbeitsverhältnis bestanden hat. Nach dem Koalitionsvertrag soll dieses "Anschlussverbot" deutlich gelockert werden.

Für die CDU-Arbeitsmarktexpertin Gitta Connemann ist das nur konsequent, schließlich gelte nach wie vor die Aussage: "Lieber befristet Arbeit als unbefristet arbeitslos". Befristete Arbeitsverträge seien für viele Arbeitslose "eine Brücke ins Arbeitsleben". Eine Sicht, die die SPD nicht teilt - jedenfalls nicht mehr. Waren in den rot-grünen Arbeitsmarktreformen von 2001 und 2003 befristete Arbeitsverträge noch erleichtert worden, fordern die Sozialdemokraten jetzt, dass befristete Arbeitsverträge "auf das Notwendige zurück gedrängt" werden sollen. In einem Antrag der Fraktion (17/1769) heißt es, die gewünschte arbeitsmarktpolitische Wirkung der sachgrundlosen Befristungen sei nicht eingetreten. Vielmehr, kritisiert die SPD-Arbeitsmarktexpertin Anette Kramme, würden sie immer öfter genutzt, "um Kündigungsschutzregelungen zu umgehen". Zudem: Wer auf die Entfristung seiner Stelle hoffe, scheue sich oft, Arbeitnehmerrechte wahrzunehmen - etwa bei der Einhaltung der Arbeitszeiten, der Vergütung von Überstunden oder der Gewährung von Urlaub.

Kritik an Arbeitgebern

Das sieht auch Reingard Zimmer, Arbeitsrechtlerin beim Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut in der Hans-Böckler-Stiftung, so. Wenn Arbeitgeber argumentierten, es erschwere Berufsanfängern den Start in den Beruf, wenn sie nicht ohne Sachgrund befristet eingestellt werden könnten, sei dies "nur vorgeschoben". Tatsächlich gehe es um einen "Abbau des Kündigungsschutzes durch die Hintertür".

Für Stefan Ullrich wäre das kein Schreckgespenst mehr: "Ich würde mir ehrlich gesagt wünschen, dass Kündigungen für den Arbeitgeber leichter wären, wenn das mehr Festanstellungen mit sich bringen würde. Dann hätte ich wenigstens das Gefühl, ich könnte mir über die gute Qualität meiner Arbeit Sicherheit schaffen."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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