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Marcus Bensmann
»Ich sterbe mit dem See«

ARALSEE Die Trauer eines Kapitäns über die Versandung des einst größten Binnenmeeres

Das rostige Schiff ist für immer gestrandet. Sein Rumpf liegt eingekeilt zwischen den Sanddünen. Weit und breit ist kein Meer zu sehen. Kamele äsen gemächlich um die Kielflosse. Das Sterben des Aralsees, einst ein fischreiches Binnengewässer Zentralasiens, begann in den 1960er Jahren. Die Sowjetunion verwandelte das fruchtbare Land in den Sowjetrepubliken Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan in Baumwollplantagen. Gewaltige Kanäle wurden in die Wüsten und Steppe getrieben, um die Flächen für den Baumwollanbau zu bewässern.

Die beiden Flüsse Syr Darja und Amu Darja, die aus den Gletschern des Tien-Schan- und Pamirgebirges entspringen und nach ihrem Weg durch die zentralasiatische Steppe einst den Aralsee füllten, erreichen das Ziel nicht mehr. Ohne frische Wasserzufuhr verdunstet der einst größte Binnensee der Welt regelrecht. Seine Austrocknung stellt eine der größten von Menschen verursachten Umweltkatastrophen dar.

Leere Fischhallen

Munjak war früher eine Hafenstadt und liegt heute mitten in der Wüste. Im Stadtzentrum verrostet eine Konservenfabrik für Fisch aus dem Salzsee. Ein ehemaliger Vorarbeiter kommt zwar noch regelmäßig vorbei, streift allerdings durch leere Hallen. "Ohne Wasser keine Fische, ohne Fische kein Leben", sagt er resigniert. Auch ein ehemaliger Kapitän hat sich verbittert in seine Datscha zurückgezogen. Früher hatte er Meeresblick, nun dringt der Wüstensand über die Hecke. "Ich bleibe hier, und sterbe mit dem See", sagt der 65-Jährige. "Einen alten Baum verpflanzt man nicht mehr."

Zwischen 1960 und 1997 verlor der Aralsee über 90 Prozent seiner Wassermenge und hinterließ eine giftige Wüste. Salze und Pestizide, die über die Jahre ungefiltert in den See geschwemmt wurden, kamen nun an die Oberfläche und werden noch heute von Windböen aufgewirbelt und über die gesamte Region verteilt. Jeder, der nach Zentralasien kommt, kann das schmecken. Der Tee in einem Teehaus am Pamirgebirge in Tadschikistan ist noch klar und rein, in den Teehäusern in Samarkand und Buchara wird das Getränk salziger, bis der Tee wegen des schmutzigen Wassers unweit des einstigen Aralsees ungenießbar wird.

Seit dem Jahr 2005 ist der Aralsee geteilt. Mit Unterstützung der Weltbank baute Kasachstan für 65 Millionen US-Dollar einen 13 Kilometer langen Staudamm. Seither steigt der Wasserpegel im sogenannten Kleinen Aralsee wieder an und das Meer ist mindestens in Kasachstan wieder zurück in die Wüste geholt. Für den Aralsee, der sich in Usbekistan befindet, kommt jedoch jede Rettung zu spät. Der Biologe Sinovi Novitzkij bemüht sich dort, den Boden zumindest zu befestigen, um Salz- und Sandverwehungen vorzubeugen. "Durch Anpflanzungen des Saxaulstrauches können wir so das Schicksal vieler Menschen erleichtern", sagt er. Der Strauch wird inzwischen in ganz Zentralasien angepflanzt, um die Wüste zu stoppen. Der usbekische Staat hingegen scheint sich mit dem Verschwinden des Aralsees abgefunden zu haben: Usbekische Gas- und Ölfirmen veranstalten auf dessen trocken gelegten Meeresboden bereits erste Probebohrungen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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