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Clemens Bomsdorf
Erosion im Elfenland

ISLAND Eine Wüste gibt es im Land offiziell nicht. Doch der Bodenverlust ist so stark, dass sich diese Sicht bald ändern könnte

Graues Geröll neben grauem Geröll neben grauem Geröll. Moos und ein paar Bauten sind die einzige Abwechslung fürs Auge auf dem rund 45 Minuten dauernden Fahrtweg vom internationalen isländischen Flughafen Keflavik in die Hauptstadt Reykjavík. Die Straße wird beidseitig von erstarrter Lava gesäumt, am Horizont ist linker Hand ab und an der Nordatlantik zu sehen. Es ist eine unwirtliche und für Zentraleuropäer wohl auch unwirkliche Landschaft, die Islandreisende kurz nach ihrer Landung präsentiert bekommen. Doch obwohl es in weiten Teilen des Landes nicht anders aussieht, wird Island normalerweise nicht als Wüstenstaat angesehen.

Denn Wüste, das ist "Landverödung in ariden, semiariden und trockenen subhumiden Gebieten", so wird es in Artikel eins der UN-Konvention zur Bekämpfung der Desertifikation definiert. Eine Wüste auf Island ist damit per definitionem ausgeschlossen, schließlich fällt auf der Insel zu viel Regen. Andrés Arnalds, Vize-Direktor des isländischen Rates zum Erdschutz sagt jedoch: "Wüstenbildung kann überall auf der Erde geschehen, und eine zu enge Definition droht die globale Dimension des Problems zu negieren."

Wüstenbildung gefährdet die Welternährung. Wo nichts mehr wächst, kann die Landwirtschaft nichts produzieren. Island hat dieses global akute Problem selber erlebt. "Historisch gesehen hat die schlechte Bodenqualität enorme Auswirkungen auf den Wohlstand Islands gehabt und ist für viel Hunger verantwortlich gewesen", sagt Arnalds. "Das Problem des Hungers haben wir jetzt nicht mehr, aber Bodenerosion ist international in großem Maße dafür verantwortlich." Der Wissenschaftler meint, dass viele Länder von Islands Erfahrungen und Islands Kampf gegen die Wüstenbildung lernen könnten. Der Inselstaat im Nordatlantik hat sich selbst in die prekäre Situation gebracht, kaum noch Pflanzenbestand zu haben. Derzeit ist er dabei, das Übel zu bekämpfen. Island könnte also aufzeigen, was nicht getan werden darf, damit die Wüstenbildung verhindert wird und wie diese wieder umgekehrt werden könnte.

Hoher Baumverlust

Als Island im Jahr 874 besiedelt wurde, war das Land zu mindestens 25 Prozent bewachsen, möglicherweise wiesen gar 40 Prozent der Landmasse Baumbewuchs auf. Heute, mehr als 1.100 Jahre später, sind es nur geschätzte 1 Prozent, und dieser Wert ist seit den 1950ern relativ stabil. "Ich dachte immer, dass wir damit den Weltrekord haben, was den Verlust an Wald angeht, aber es hat sich herausgestellt, dass es auf Haiti noch extremer ist", sagt Arnalds. Auch die sonstige Vegetation ist auf Island seit der Besiedlung drastisch zurückgegangen, so dass jetzt rund 37 Prozent der Insel als unfruchtbare Wüste gelten.

Starke Viehzucht

Diese Wüstenbildung ist von den Menschen ausgelöst worden. Um Boote zu bauen, Feuer zu machen oder Ackerland zu schaffen, haben sie nach der Besiedlung viele Bäume gefällt - zu viele. Aufgrund der besonderen Bedingungen, die auf der Insel herrschten und immer noch herrschen, konnten und können diese aber nicht schnell nachwachsen. Das relativ kühle Klima sorgt für langsamen Wuchs, die schwache Bodenstruktur und vielerorts durch die vielen Vulkanausbrüche anfallende Asche erschweren die Anpflanzung. Noch stärker wurde das Problem, als die Isländer begannen, in großem Stil auf Viehzucht zu setzen.

Wer die Ringstraße 1 nimmt, um von Reykjavík im Südwesten nach Akureyri im Norden und dann einmal um die Insel herum zu fahren, sieht ständig die berühmten Islandpferde am Straßenrand stehen. Doch es sind die Schafe, die der Bodenbeschaffenheit viel mehr schaden, betont Arnalds. Diese nämlich grasen anders als die Pferde fast überall auf der Insel, auch im Landesinneren. Klassische eingezäunte Weiden gibt es nicht, statt dessen wird in wilder Natur gegrast. Der isländische Staat hat die Schafszucht lange massiv subventioniert, um daraus einen spürbaren Exportsektor zu machen. "Überweidung ist dadurch ein immer größeres Problem geworden. Wir haben extrem empfindlichen Boden, der so etwas nicht in großem Stil verträgt", sagt Arnalds. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts trugen die Tiere in großem Maße dazu bei, dass Island im wahrsten Sinne des Wortes abgegrast wurde. Vor gut dreißig Jahren erreichte Island dann den Höhepunkt der Schafszucht. Auf das Jahr besehen lebten 1978 rund 900.000 Schafe auf der Insel. Im gleichen Jahr gab es auf Island nur 222.500 Menschen.

Doch auf Island hat sich einiges getan. Der isländische Rat zum Erdschutz (SCS), für den Arnalds arbeitet, wurde bereits 1907 gegründet - das macht die Institution vermutlich zur ältesten ihrer Art auf Erden. "Auch zuvor haben die Isländer durch Erzählungen stets weitergegeben, wo Farmen lagen und Bäume standen," sagt Roger Crofts, schottischer Geographie-Professor. "In keinem anderen Land der Erde sind diese historischen geographischen Daten so gut verzeichnet. Das macht es zu einem interessanten Forschungsgegenstand."

Um die Wüstenbildung dauerhaft zu bekämpfen, bezog SCS die lokalen Bauern mehr und mehr in ihre Arbeit ein und gründete Initiativen wie "Farmer heilen das Land". Mittlerweile ist jeder vierte Bauer Mitglied. Sie kümmern sich um die Wiederbepflanzung in ihrem Gebiet, investieren ihre Arbeitskraft, bekommen aber den Großteil des Düngers und der Samen vom Staat bezahlt.

Einer von ihnen ist Erlendur Björnsson, der eine Farm im Südosten der Insel, 270 Kilometer von Reykjavík entfernt, besitzt. Rund ein Drittel seiner 900 Hektar Land sind erodiert. Der Schaden kam zustande, weil Schafe von den Nachbarfarmen dort über Jahre gegrast hatten. Björnsson bemüht sich seit den frühen 1980ern darum, diese 300 Hektar wieder zu bepflanzen. "Das ist ein sehr langwieriges Unterfangen, Fortschritte sind erst nach gut zehn Jahren zu sehen gewesen", sagt er.

Ein Foto, das Björnsson kürzlich gemacht hat, zeigt, dass es auf dem ehemals fast toten Land nunmehr wieder wächst und gedeiht. Mit den niedrigen Gewächsen, die in lila Blüte stehen, erinnert die Landschaft an eine norddeutsche Heide. "Finanziell zahlt sich die ganze Arbeit für mich nicht aus, aber die Wiederbepflanzung ist gut für Island und sieht schön aus", sagt er.

Längerfristig könnte es so weit kommen, dass Islands Wüsten auch von den Vereinten Nationen offiziell anerkannt werden. "Es sind die Mitgliedstaaten, die sich auf die Definition von Wüsten geeinigt haben. Dazu gehört auch Island. Es liegt also am Land selber, sich für eine Anerkennung einzusetzen", sagt Mansour Ndiaye, Chef des Exekutivbüros des UN-Wüstensekretariats UNCCD in Bonn. Das, so der Senegalese, dürfte dem Wüstenproblem des Inselstaats mehr Aufmerksamkeit bescheren. Finanzielle Unterstützung beim Kampf gegen die Desertifikation dürfe sich das Land aber nicht erhoffen, dafür ist es trotz Finanzkrise zu reich.

Sollte das Land der EU beitreten, könnte das aber einen positiven Einfluss haben. "Dann würde die Kooperation mit anderen Ländern gestärkt und die Landwirtschaft mehr auf Ökologie ausgerichtet", hofft Arnalds. Ein nicht zu unterschätzendes Problem der Wüstenbekämpfung ist zudem, dass die Insel von den vielen Touristen aus aller Welt gerade wegen ihrer rauen Natur geschätzt wird. Wenn es plötzlich blüht, wo zuvor nur graues Geröll lag, dann sind die Touristen, die sehr viel Geld ins Land bringen, womöglich enttäuscht. Arnalds macht das aber nicht zu große Sorgen: "Island ist so groß, dass wir immer Platz für ein wenig Wüste haben."

Der Autor arbeitet als Nordeuropa-

Korrespondent unter anderem für die

Financial Times Deutschland und Die Welt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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