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Susann Kreutzmann
Regierung gräbt dem Rio São Francisco das Wasser ab

BRASILIEN Ein Großprojekt zugunsten der Industrie, zulasten der Bauern, spaltet die Region Sertão

Eine düstere Prognose: In zwanzig Jahren könnte das trockene Binnenland im Nordosten Brasiliens, der Sertão, vollends verwüstet sein. In der Stadt Vitória de Santo Antão wurde in den vergangenen vierzig Jahren ein Temperaturanstieg von vier Grad gemessen, der Regen ging um zwanzig Prozent zurück. "Durch fortschreitende Wüstenbildung ist die Lebensgrundlage der lokalen Bevölkerung bedroht", sagt Michael Glos (CSU), Sprecher der deutsch-brasilianischen Parlamentariergruppe im Bundestag. Davon sind im gesamten Nordosten 31,6 Millionen Menschen betroffen. "Als Folge der gestiegenen Temperaturen verdunstet das Wasser viel schneller, sammelt sich dann in großen Regenwolken, die sich in heftigen Gewittern entladen", erklärt José Antônio Marengo, Meteorologe beim Forschungsinstitut Inpe. Vor allem Kleinbauern leiden unter Trockenheit und Wetterkapriolen. Die Ursache liegt überwiegend in der Abholzung und Überweidung der Region. "Nur noch 20 Prozent der Fläche des Sertão sind mit der ursprünglichen Vegetation bewachsen", sagt Paulo Pedro de Carvalho von der Umweltorganisation Caatinga. "Der Rest wurde abgeholzt oder abgebrannt und dann mit Exportkulturen bepflanzt oder als Weideflächen genutzt."

Rund um den 3.200 Kilometer langen Rio São Francisco, der Lebensader der Region, sind in den vergangenen Jahren zahlreiche landwirtschaftliche Großbetriebe angesiedelt worden, die für den Export produzieren. Regierung und Banken unterstützen die Konzerne mit großzügigen Krediten. So stieg die ehemalige Provinzstadt Petrolina zum größten Obstanbaugebiet Brasiliens auf. Über den ausgebauten Flughafen heben jeden Tag Frachtflieger, beladen mit Mangos, Weintrauben und Papayas, Richtung Europa ab. Durch eine aufwändige Bewässerung können bis zu drei Ernten im Jahr eingefahren werden. Dem Rio Sao Francisco wird allerdings immer mehr Wasser entzogen, viele Nebenflüsse sind versandet. Verlierer dieser Politik sind die Kleinbauern im Hinterland.

Doch die Regierung Luiz Inácio da Silva hat noch größere Pläne. Mit dem Argument, die Dürre im Sertão bekämpfen zu wollen, soll der Rio São Francisco umgeleitet werden. Zwei Kanäle von 200 und 400 Kilometern Länge, 27 Aquädukte, 8 Tunnel und 35 Wasserreservoirs sollen das Großprojekt flankieren, die Regierung plant Investitionen von rund 2,4 Milliarden Euro in den kommenden vier Jahren. Doch die ökologischen Folgen sind umstritten. "Die Wasserknappheit im Hinterland wird zunehmen und die Biodiversität zerstört", klagt Edson Duarte von der Grünen-Partei im Bundesstaat Bahia. "Nur zwei Prozent der Bevölkerung werden überhaupt von dem umgeleiteten Wasser profitieren. Das Projekt ist purer Gigantismus."

Umweltorganisationen, Kirche und Bevölkerung kämpfen um eine an das halb-trockene Klima angepasste Entwicklungsstrategie. Nicht alle bleiben dabei so friedlich wie der Bischof der Gemeinde Barra im Bundestaat Bahia. Dom Luiz Cappio geht immer wieder in den Hungerstreik. "In Wirklichkeit geht es hier nicht um die Dürrebekämpfung, sondern um ökonomische Interessen", sagt er. Die Bauarbeiten werden unterdessen vorangetrieben - teilweise unter Militärschutz.

Die Autorin arbeitet als freie Journalistin mit dem Schwerpunkt Lateinamerika.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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