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Anne-Béatrice Clasmann
Tomaten aus der Wüste

AGYPTEN Das Toschka-Projekt oder Der schöne Schein

78 Millionen Ägypter müssen auf nur 5,5 Prozent der Fläche des Landes zurechtkommen, in drangvoller Enge auf beiden Seiten des Nils. Der Rest ist staubtrockene Wüste. "Die Landwirtschaft hat in Ägypten einen Anteil von etwa 15 Prozent am Bruttoinlandsprodukt", erklärt Klaus Brandner (SPD), Vorsitzender der deutsch-ägyptischen Parlamentariergruppe im Bundestag. "Das wird von vielen Ägyptern als enormes Zukunftsrisiko wahrgenommen."

Um die Ernährung der Menschen zu sichern und neue landwirtschaftliche Flächen zu erschließen, gab Präsident Husni Mubarak im Jahr 1997 den Startschuss für das Toschka-Projekt. Etwa 200 Kilometer von der Stadt Assuan entfernt, sollten durch künstliche Bewässerung mindestens 210.000 Hektar Wüste urbar gemacht werden. Mubarak versprach Arbeitsplätze und blühende Landschaften, und tausende Ägypter ließen sich von seinem Optimismus anstecken. Nach sechs Jahren war der Bau der Wüstenbewässerungsanlage im äußersten Süden des Landes abgeschlossen, einschließlich ihres Herzstückes, der nach dem Präsidenten benannten Pumpstation. Im Frühjahr 2004 wurde sie in Betrieb genommen und schaufelt seitdem täglich bis zu 29 Millionen Kubikmeter Wasser aus dem Nasser-See auf eine Höhe von rund 50 Metern. Das Wasser wird dann in westlicher Richtung durch einen 50 Kilometer langen Kanal geleitet, der in vier Nebenkanäle mündet. Damit nicht zu viel Wasser verdunstet, sind alle zumindest teilweise überdacht.

Kaum Investoren

Doch das Projekt ist umstritten, weil es bisher kaum Arbeitsplätze geschaffen hat und das dort angebaute Obst und Gemüse vor allem exportiert wird. Die Anbaufläche, die in Toschka bislang für die Landwirtschaft genutzt wird, ist heute viel kleiner als ursprünglich vorgesehen, weil sich nicht genug Unternehmer finden, die bereit sind, hier große Summen zu investieren. Hitze, Skorpione und fehlende Infrastruktur haben junge Familien abgeschreckt, die in dem Toschka-Gebiet ihr Glück suchen sollten. Außerdem wollen die Staaten am Oberlauf des Nils künftig mehr Wasser aus dem Fluss entnehmen. Damit würde zwangsläufig weniger Wasser im Nasser-See ankommen, aus dem sich die Toschka-Bewässerungsanlagen speisen.

Die meisten ägyptischen Oppositionspolitiker sind im Prinzip für das Toschka-Projekt, weil sie die Abhängigkeit ihres Landes von Agrarimporten reduzieren wollen. Sie beklagen jedoch die aus ihrer Sicht mangelnde Transparenz der Regierung, die wenig detaillierte Angaben über Kosten, tatsächlich genutzte Anbauflächen und geschaffene Arbeitsplätze macht. "Anfragen zum Thema Toschka werden nicht beantwortet", beklagt der parteilose Abgeordnete Gamal Zahran.

Enorme Wasserverschwendung

Ob das Toschka-Projekt ökonomisch und ökologisch sinnvoll ist, wird vor allem von ausländischen Bewässerungsexperten in Frage gestellt. Sie kritisieren, dass die Wüste für viel Geld bewässert wird, während gleichzeitig die landwirtschaftlich genutzten Flächen rund um Kairo und im Nil-Delta schrumpfen, weil dort immer mehr fruchtbare Böden für den Bau von Villen und Billig-Hochhaus-Siedlungen genutzt werden. Außerdem prangern sie die enorme Wasserverschwendung der ägyptischen Industrie, der privaten Haushalte und der ineffizient arbeitenden Landwirte im Delta an. "Ägypten steht vor großen Herausforderungen", sagt auch der Bundestagsabgeordnete Klaus Brandner. "Aber mit verstärkter Kooperation und hohem technischen Einsatz wird nach Lösungen gesucht. Dabei geht es zunehmend auch um die Nachhaltigkeit der Projekte."

Die Autorin arbeitet als dpa-Korrespondentin in Kairo.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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