Inhalt

Alfred Hackensberger
Öl und Wasser in Hülle und Fülle - und doch kein Paradies für die Armen

LIBYEN Wasserreserven für 4.860 Jahre und Rohrsysteme quer durch den Sand: Wie der reiche Wüstenstaat im Norden Afrikas gegen Hitze und Trockenheit neues Ackerland gewinnt

Aus der Ferne sehen sie aus wie riesige Ufo-Landeplätze. Seltsame, dunkle Kreise, dicht aneinandergereiht. Sie sind Teil der Kufra-Oase mitten in der libyschen Wüste, dem trockensten Teil der Sahara. Ein Superlativ, dem weitere folgen: Sanddünen von 120 Meter Höhe, Temperaturunterschiede von 50 Grad, die tagsüber im Schatten herrschen (den es aber kaum gibt). Nachts sinkt das Thermometer tatsächlich bis auf den Gefrierpunkt ab. Regen fällt so gut wie nie.

Doch statt Außerirdische zu empfangen, wird hier Landwirtschaft betrieben. Die Kufra-Oase ist das Vorzeigeprojekt Libyens. Das Land will zeigen, wie es der Wüste, die 95 Prozent des Landes ausmacht, in Zukunft fruchtbaren Boden abringt.

Bisher sind nur zwei Prozent des knapp 1,8 Millionen Quadratkilometer großen libyschen Territoriums bewirtschaftet. In der künstlich angelegten Kufra werden Getreide, Früchte und Gemüse angebaut. Die Bewässerung der kreisrunden Felder funktioniert über eine sich drehende Sprinkleranlage mit einem Radius von mehr als 1.000 Metern. Ein aufwändiges Verfahren, das sich die sozialistische Volksrepublik nur als eines der zehn erdölreichsten Länder der Welt leisten kann.

Für all das benötigt Libyen Wasser - und das auch noch in riesigen Mengen. In der Sahara eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Aber das Land hatte Glück. Bereits Ende der 1950er Jahre entdeckten Ingenieure im Südosten Wasservorräte unter dem Wüstenboden: Riesige Bassins in 100 bis 600 Metern Tiefe, gefüllt mit insgesamt 10.000 bis 12.000 Kubikkilometern Wasser. Das Nass stammt aus dem Nubischen Sandsteinspeicherbassin, das sich unterirdisch über eine Fläche von insgesamt zwei Millionen Quadratkilometern erstreckt.

Die libyschen Experten standen vor einer Frage: Wie kann dieses Wasser gefördert und verteilt werden? Die Antwort: das "Great Man Made River"-Projekt (GMMR). Im Jahr 1984 begann die Regierung Muammar el Gaddafis mit den Bauarbeiten zu diesem von ihr selbsternannten achten Weltwunder. Mehr als 4.000 Kilometer Röhren, jeweils rund 80 Tonnen schwer, mit vier Metern Durchmesser, wurden quer durch die Wüste verlegt. Die Röhren liegen sieben Meter unter der Erdoberfläche in speziellen Rinnen, da sie extrem hohen Druckverhältnissen ausgesetzt sind. "Wir überwachen die Röhren Tag und Nacht mit Satellitentechnologie", erklärt Abdulmajid Elgaoud, der für das GMMR-Management verantwortlich ist. Im Jahr 1991 wurden die Städte Sirte und Benghazi angeschlossen, 1996 folgte die Hauptstadt Tripolis und in einer dritten Phase erhielten die Städte zwischen Sirte und Tripolis ihr Wasser aus den Untergrundbassins. Heute fließen täglich 6,43 Millionen Kubikmeter durch das Röhrensystem. Sie werden aus 1.149 Brunnen gefördert. Mindestens 15 Milliarden Euro hat der libysche Staat dafür investiert, in den nächsten 50 Jahren sollen weitere 33,7 Milliarden folgen. Für die normale libysche Bevölkerung unvorstellbare Summen, liegen die Mindestlöhne doch zwischen etwa 90 und 170 Euro pro Monat.

"Zu dem Projekt gab es keine Alternativ", stellt Abdulmajid Elgaoud klar. Zwar hätte der Staat das Wasser, das Libyen braucht, mit Schiffen aus dem Ausland importieren oder es in Entsalzungsanlagen gewinnen können. Beides wäre jedoch viel teurer gewesen. "Die Kosten für unser Leitungswasser, liegen bei 20 Cent pro Kubikmeter", erklärt der Manager. "Entsalztes Wasser kostet nicht weniger als 65 Cent und mit den Pumpkosten von der Küste ins Inland summiert sich das auf etwa 1,90 bis 2,30 Euro."

Siebzig Prozent des gesamten GMMR-Wassers fließen in die Landwirtschaft, etwa in die Kufra-Oase. Insgesamt werden derzeit etwa 50.000 Hektar bewässert. Am Ende sollen 160.000 Hektar mit Wasser aus den unterirdischen Bassins versorgt werden. Eine vergleichsweise geringe Fläche - allein Bayern verfügt über 2,1 Millionen Hektar Ackerland. Doch Libyen hilft es, von Importen unabhängiger zu werden. Noch immer muss es rund 90 Prozent aller Nahrungsmittel aus dem Ausland importieren.

Riesige Reserven

Über die Nachhaltigkeit des Projekts macht sich in Libyen niemand wirklich Sorgen. "Die nutzbaren Wasserreserven sollten für einen Zeitraum von 4.680 Jahren reichen", versichert Ingenieur Salim al-Hawari, zuständig für die GMMR-Qualitätskontrolle. Die Prognose von Umweltschützern, das Wasser in den Nubischen Sandsteinbassins unter dem Wüstenboden sei in einem halben Jahrhundert aufgebraucht, weist er strikt zurück. Aber letztlich geht es bei diesem Projekt ja nicht allein um Wasser, sondern auch um Prestige: Die üppigen Felder der Kufra-Oase, darauf sind die Libyer stolz, sind sogar vom Weltraum aus zu erkennen.

Der Autor berichtet als freier Journalist aus der arabischen Welt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag