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Knut Teske
Invasion der Plastiktüten

MÜLL-PEST

Die Wüste - Herausforderung, aber auch Geschenk an die Menschheit: Herausforderung wegen ihrer schwierigen Lebensbedingungen und unaufhaltsamen Ausbreitung, Geschenk als Hort der Mystik und Geburtsstätte aller großen Religionen. Diese Wüste droht in weiten Teilen in jämmerlicher Weise zu verkommen. Durch einen im Grunde lächerlichen Fortschritt in Form ungezählter, achtlos weggeworfener Plastiktüten, schwarzer, brauner, unzerstörbarer. Sie ziehen, ausgehend von den palästinensischen, jordanischen, syrischen Randgebieten mit dem Wind über das Land, über Dünen, Täler und Schluchten; sie verfangen sich tonnenweise in Bäumen, Sträuchern, an Zäunen und Pipelines; sie erobern aufs Billigste über Tausende von Quadratkilometern die schönsten Flecken der Erde; sie dringen Hunderte von Kilometern von ihrem Ausgangspunkt entfernt in alles ein, was hohl ist oder zum Einverleiben neigt, ballen sich, lassen sich wieder treiben, um sich andernorts an allem Sperrigen zu verfangen.

Plastiktüten als Pest der Moderne. Sie sind Folge einer Gleichgültigkeit der Natur gegenüber, auf die in ihrer scheinbaren Unermesslichkeit keine Rücksicht genommen zu werden braucht. Ausgerechnet die unwandelbaren Plastitüten mutierten weltweit zum Wahrzeichen der Zivilisation. Ihre Spur zieht sich quer über die Kontinente: von den afrikanischen Wüsten durch das australische Outback bis in Teile Südamerikas. Interessanterweise nimmt das Plastikchaos dort ab, wo der vielgescholtene Tourismus Fuß gefasst hat: in der Atacama-Wüste zum Beispiel, wo jeder Dorf-Alcalde inzwischen auf Sauberkeit achtet. Sauberkeit lockt; Schmutz stößt ab. Die Wüste, seit Äonen als hehrer Ort bewundert, geliebt und verehrt, hat jedenfalls anderes verdient als eine Invasion von Plastikmüll.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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